Die „KarLi“, in Leipzig vor allem als Kneipenmeile beliebt und geschätzt, sicher – doch viel mehr scheint es nicht zu geben, was hier eigentlich an den Namensträger Karl Liebknecht erinnert, obwohl er selbst in der Messestadt auf die Welt kam. Wer war der Mann, der zum linksrevolutionären Flügel der Sozialdemokratie gehörte und im Januar 1919 mit Rosa Luxemburg von rechtsradikalen Freikorps ermordet wurde? Eine Podiumsdiskussion suchte am Mittwochabend, den 3. November 2021, nach Antworten.

Verehrt und verachtet

Karl Liebknecht (1871-1919) war vieles: Antimilitarist, linker Sozialdemokrat der Unabhängigen SPD (USPD), Parlamentarier, Anwalt und Strafverteidiger. Nur wenige Monate nach Gründung des Deutschen Kaiserreichs wurde er im August 1871 in der Braustraße geboren. Sozialisiert in einem politischen Elternhaus – sein Vater Wilhelm war einer der Gründungsväter der SPD – verbrachte er Kindheit und Jugend in Leipzig und lebte ab 1890 überwiegend in Berlin.Bis heute gilt er als schillernde Figur der jüngeren Geschichte, wurde schon zu Lebzeiten durch Linke und Arbeiter gleichermaßen verehrt wie im konservativen Lager verflucht. Die Entstehung sozialer Bewegungen und sozialistischer Ideale, bei denen die Stadt Leipzig zentral war, spiegelt sich mit all ihren Widersprüchen auch in seiner Biografie wider.

Im Januar 1919 wurden er, gerade 47-jährig, und seine gleichaltrige Mitstreiterin Rosa Luxemburg von rechtsradikalen Freikorps in Berlin erschossen. Ein Mord, der bis heute nicht in allen Hintergründen dokumentiert ist, durch die damalige Reichsregierung und die Behörden aber mindestens gebilligt wurde, wie es im Vorwort des Begleithefts zur Ausstellung „Held oder Hassfigur? Der Leipziger Karl Liebknecht“ heißt.

Wer durch Gewalt starb, blieb als Denkmal

Den brutalen Tod des sozialistischen Kämpfers benannte Mike Schmeitzner, Historiker am Dresdener Hannah-Arendt-Institut, auch als Grund, warum die vielen Denkmäler selbst nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 meist unverändert blieben: „Wer im Bürgerkrieg umgekommen ist, ist gelassen worden“, so der Wissenschaftler – und das, obwohl die DDR Liebknecht propagandistisch zur Heldenfigur aufzubauen versuchte.

Schmeitzner nahm neben der Kunsthistorikerin und Kuratorin Judith Prokasky sowie dem ZEIT-Journalisten Christoph Dieckmann an einer Podiumsdiskussion unter dem Motto „Karl Liebknecht – warum erinnern?“ teil, zu der das Stadtgeschichtliche Museum am Mittwochabend in die Alte Handelsbörse geladen hatte. Moderiert wurde die Runde durch den MDR-Geschichtsredakteur Ulrich Brochhagen.

„Man tut gut daran, zu differenzieren”

Auch wenn der Veranstaltung streckenweise der „rote Faden“ zu fehlen schien und mehr Stringenz in der Moderation wünschenswert gewesen wäre, konnten die etwa 50 Gäste, die sich unter strengen Corona-Regeln in den Festsaal eingefunden hatten, doch einem anregenden Austausch beiwohnen.

Historiker Schmeitzner hob Liebknechts Votum gegen die Kriegskredite, denen die SPD 1914 zugestimmt hatte, und seine Anti-Korruptionsklagen im Reichstag gegen die Firma Krupp hervor.

Karl Liebknecht (1871-1919). Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Karl Liebknecht (1871-1919). Foto: Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Seine Rolle in der Revolution 1918/19, die zum Sturz der Monarchie von Kaiser Wilhelm II. und in die Republik führte, sieht er eher kritisch, gab aber zu bedenken, Persönlichkeiten seien nicht einfach in ein schwarz-weiß-Schema zu pressen. „Man tut gut daran, zu differenzieren.“

Die Rolle der Freikorps

Einigkeit zwischen den Diskutanten bestand in der erschreckenden Rolle, die dem SPD-Politiker und späteren Reichswehrminister der Weimarer Republik Gustav Noske (1868-1946) bei der blutigen Niederschlagung von Aufständen zukam – so auch dem „Spartakusaufstand“ vom Januar 1919, bei dem Liebknecht und Luxemburg den Tod fanden.

Die rechtsextremen Freikorps-Verbände, bestehend aus ehemaligen Frontsoldaten und Freiwilligen, die im Auftrag der Übergangsregierung von Friedrich Ebert (1871-1925) und Philipp Scheidemann (1865-1939) aufgestellt wurden, seien mit dem Frühjahr und Sommer 1919 nicht mehr kontrollierbar gewesen, was Historiker Schmeitzner als „Versäumnis der Militärpolitik“ bezeichnete. Ein Automatismus, der mit der „Machtergreifung“ Hitlers 1933 endet, lasse sich aber nicht daraus ableiten, betonte Schmeitzner.

Für Christoph Dieckmann war klar, dass die Einheiten oft aus entwurzelten Menschen mit Traumata bestanden, die mit der Rückkehr aus dem Krieg nach einem Sündenbock suchten – ein Mechanismus, den auch die Oberste Heeresleitung im Deutschen Reich am Ende des verlorenen Krieges mit der perfiden „Dolchstoßlegende“ geschickt zu kanalisieren verstand.

Liebknecht, der Antidemokrat?

Die These des Publizisten Sven Felix Kellerhoff, wonach Liebknecht Extremist und Antidemokrat gewesen sei, wollte Journalist Dieckmann so nicht stehen lassen: Er sei alles andere als ein Antidemokrat gewesen, sondern ein Legalist, der einen gesetzeskonformen Weg suchte, seine Ideale innerhalb des Systems zu verwirklichen.

Schmeitzner sah das differenzierter: Ab 1918 habe der Aktivist aus Leipzig die Revolution in Russland als Folie vor den Augen gehabt, vor 1914 aber in der Tat nicht zur militanten Linken gezählt.

Kunsthistorikerin Prokasky, die lange für die Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss tätig war und dort die Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes konzipiert hatte, lenkte den Blick auf Augenzeugenberichte vom 9. November 1918. An diesem Tag rief zunächst Philipp Scheidemann eine parlamentarische Republik für Deutschland aus.

Als Karl Liebknecht kurz darauf vom Berliner Schloss die „freie sozialistische Republik Deutschland” ausrief, die sich an Sowjet-Russland orientieren sollte, habe er klein und schwach gewirkt – vielleicht auch, weil ein Hochverratsprozess und die abgesessene Festungshaft bei ihm schon tiefe Wunden geschlagen hatten.

Die DDR vereinnahmte Liebknecht und Luxemburg

Bei der politischen Rezeption Liebknechts ging es besonders um seine offizielle Omnipräsenz als heroische Figur der DDR-Propaganda. „Ich hatte in der DDR keine Lust, mich mit Liebknecht und Luxemburg zu beschäftigen“, bekannte Christoph Dieckmann. Das verordnete Gedenken sei „eine Art Gottesdienst“ gewesen. Kaum einer habe Lust gehabt, Probleme zu bekommen, weil er in „rezeptorische Konkurrenz“ zum Deutungsmonopol des Staates tritt.

Doch die Schriften Luxemburgs, in denen sie scharf mit der Bolschewiken-Herrschaft in Russland abrechnet, wurden 1974 offiziell in der DDR publiziert, von vielen gelesen und auf das SED-Regime übertragen – ein unerwünschter Effekt, der dafür sorgte, dass Luxemburg als Figur in der DDR gegenüber Liebknecht gegenwärtiger war.

Nicht zuletzt mit dem berühmten Spruch, wonach Freiheit immer die Freiheit der Andersdenkenden ist. Liebknecht dagegen verblasste in der Erinnerung – auch deswegen, weil die mit seinem Tod verbundene SPD-Schelte durch den Kuschelkurs zwischen Ost-Berlin und der sozialliberalen Koalition in Bonn außenpolitisch irgendwann nicht mehr en vogue war, so Historiker Schmeitzner.

Die unbekannten Fakten der Geschichte

Wie sollten wir heute also mit dem Erbe umgehen? Auch hier gab es Konsens auf dem Podium, dass die Beschäftigung mit dem Thema der Königsweg ist. Schon Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) schrieb am Ende seines Lebens, er wolle sich „weder versteinert noch mumifiziert” sehen.

Und in der Tat kann die aufmerksame Befassung mit einem Thema viel mehr Neues zutage fördern als die steinerne Stummheit des Monuments. Wer weiß eigentlich, dass in Chemnitz 1918 noch vor Berlin auch die Ausrufung einer Republik stattfand, fragte Schmeitzner. Auf Anregung einer Frage aus dem Publikum hin ging es am Ende noch um Hugo Haase (1863-1919), der ähnlich wie Liebknecht als Anwalt und Kriegsgegner auffiel, später wurde er Fraktionsvorsitzender der USPD im Reichstag.

Im Oktober 1919 wurde er angeschossen und starb einige Wochen darauf. Der Täter war offiziell geisteskrank, doch konnte der Verdacht auf eine politische Motivation nie ganz ausgeräumt werden. Solch weitgehend vergessene Akteure aus dem Windschatten zu holen, sei ihm auch ein Anliegen, sagte Schmeitzner.

Am Ende bleibt der Eindruck eines interessanten Gesprächsabends, der beweist: Es gibt keine langweilige Geschichte, sondern nur langweilige Darstellungen.

Hinweis: Die Ausstellung des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig zu Karl Liebknecht unter dem Titel „Held oder Hassfigur?” ist noch bis Ende Januar 2022 im Böttchergäßchen zu sehen.

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