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Karl Hermann Trinkaus: Ein Leben zwischen Kunst und Kommunismus

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    Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 73, seit 29. November 2019 im HandelSeit Mitte November wird im Museum der bildenden Künste eine Ausstellung gezeigt, die einen Mensch zum Thema hat, der am Bauhaus Dessau studierte und danach als Grafiker wirkte. Karl Hermann Trinkaus ist ein „Bauhäusler“, der zeitlebens und auch nach seinem Tod weitgehend unbekannt blieb. Sein Nachlass wurde seit Anfang 2018 von einem Team des Museums der bildenden Künste auf den Prüfstand gestellt und ausgewertet.

    Ein Freitod aus politischen Gründen?

    Weihnachten 1965 nahm sich in Leipzig ein Mann das Leben, dessen Geschichte nur kurze Zeit mit dem Bauhaus verknüpft war. Sein Leben war von Verwerfungen geprägt. Seine wechselvolle Geschichte wird in seinem Werk deutlich. Karl Hermann Trinkaus’ künstlerisches Werk erfährt eine Wiederentdeckung. Aus den Quellen und seinem Nachlass tritt ein Mann hervor, der sich anscheinend weniger als ein Künstler gesehen hat. Seinen letzten Willen verfasste der Leipziger nach dem 1963 erfolgten Ableben seiner Ehefrau. Für ihn war klar, dass er den endgültigen Weg gehen wird.

    Der Grund seines Freitodes wird während des Studiums seines Testaments ein wenig klarer. Auslöser scheinen drei Sachverhalte zu sein: das – aus seiner Sicht – rücksichtslose und egoistische Verhalten einiger Personen aus seinem Umfeld, der XX. Parteitag der KpdSU (hier ging es vor allem um den parteiinternen Umgang der SED mit einer Rede Chrustschows auf dem Parteitag) sowie die damit empfundenen persönlichen und beruflichen Einschränkungen und Kränkungen.

    Erste Anfänge und Spuren

    Wer war Trinkaus? Viel literarischen Niederschlag fand seine Person weder zeitlebens noch im Nachgang. Die Kunsthistorikerin und Archivarin der Hochschule für Grafik und Buchkunst Julia Blume erwähnt seine Tätigkeit als Gebrauchsgrafiker in einem ihrer Beiträge für den 2019 großen Bauhaus-Ausstellungskatalog des Stadtgeschichtlichen Museums. (“Der Leipziger Kulturwille und das Bauhaus” in: Bauhaus Sachsen, hrsg. von Olaf Thormann, Leipzig 2019, S. 322 ff.).

    Der Bauhaus-Studienausweis aus dem Nachlass von K.H. Trinkaus, Leipzig 2019. Foto: Privat
    Der Bauhaus-Studienausweis aus dem Nachlass von K.H. Trinkaus, Leipzig 2019. Foto: Privat

    In der Standardfibel zum Bauhaus von Magdalena Droste wird Trinkaus mit einem künstlerischen Beitrag aufgelistet. Verdienstvoll ist der von den Erben des „Bauhäuslers“ privat erstellte Werkkatalog. Er enthält neben dem Werkverzeichnis auch nähere Angaben zum persönlichen Leben und Abbildungen der wichtigsten, noch erhaltenen Dokumente aus seinem Nachlass. Wir erfahren allein aus diesen Angaben viel über das Wirken des Künstlers. Ein Blick in die Quellen des Bauhaus- und Sächsischen Staatsarchivs sowie Anhaltinischen Landesarchivs offenbart eine differenzierte Sicht über das Leben und Werk dieses Mannes; sowohl politisch als auch beruflich.

    Die ersten Schritte von Karl Hermann Trinkaus führen uns zurück nach Leipzig-Stötteritz zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Dort kam er am 18. April 1904 zur Welt. Die Familie Trinkaus wohnte in der Nähe des heutigen Weiße-Platzes. Seit 1931 wohnten Trinkaus’ Eltern in Dölitz-Dösen. Sein Vater Hermann Trinkaus (1878 – 1980) war als Lithograph tätig. Er verwaltete nach dem Ableben seines Sohnes dessen Nachlass. Das Erbe ging nach seinem Tod an seine jahrelange Pflegerin und später an ihren Sohn über. In seinem Besitz befindet sich der Nachlass noch heute. Teile dieses Nachlasses werden bei der kommenden Ausstellung, die bis zum 16. Februar 2020 zu sehen ist, gezeigt.

    Karls Mutter war Sophie Johanna Trinkaus, geb. Lauterlein, (1880 – 1964). Die Familie war evangelisch-lutherischen Glaubens. Ostern 1918, noch während des Ersten Weltkriegs, ging der junge Karl Hermann von der Schule ab. Ein Jahr später taucht er mit einem Zeugnis der Städtischen Gewerbeschule, eine Art Technische Schule für u. a. Elektrotechnik, wieder auf. Zu diesem Zeitpunkt hatte er das erste Berufsschuljahr hinter sich gebracht. Ihm wurden gute physikalische, geometrische, technische und zeichnerische Talente bescheinigt.

    Ostern 1920 ging er mit einem ebenso guten Zeugnis von der Gewerbeschule ab. In dieser Zeit und bis Ostern 1922 absolvierte Karl Hermann eine Lehre als Elektro-Installateur bei der Leipziger Firma Brüggemann und Lewus. Es handelte sich bei diesem Betrieb um eine elektrotechnische Fabrik für elektrische Beleuchtung, Klingel-, Telefon, Feuermelder- und Blitzableiteranlagen mit Sitz in einem Hinterhausgebäude der Dresdner Straße 16. Inhaber war Friedrich Carl Felix Lewus.

    Trinkaus’ Weg zum Künstlerdasein

    Wir können annehmen, dass Trinkaus eine gewisse künstlerische DNA in die Wiege gelegt wurde. Seine musische Begabung schien aus seinem Elternhaus abgefärbt zu haben. Der Umgang des Vaters mit lithographischen Techniken beeinflusste womöglich auch das zeichnerische Potential des jungen Trinkaus. Trinkaus’ nachweisbares künstlerisches Schaffen beginnt als Autodidakt 1923. Dieser Sachverhalt geht aus seinem Werkverzeichnis hervor.

    Damals gestaltete er die Festschrift zum 1. Stiftungsfest der Technischen Vereinigung Städtischer Gewerbeschüler zu Leipzig. Dass Trinkaus im selben Jahr mehrmals nach Detmold reiste, lässt sich ebenfalls im Werkkatalog ablesen. Sowohl sein Skizzenbuch als auch seine polizeiliche Meldeakte dokumentieren seine Aufenthalte. Welche Gründe ihn tatsächlich hintrieben, ist nach derzeitigen Kenntnissen noch nicht bekannt.

    1924 entstanden weitere grafisch-gestalterische Arbeiten an der Städtischen Gewerbeschule. Seine Abschlussarbeiten lassen deutlich erkennen, dass er die aktuellen künstlerischen und kunstgewerblichen Entwicklungen kannte und in seine eigene Sprache zu transferieren versuchte. Dass er nach seiner Lehre den Beruf des Elektro-Installateurs ausübte, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.

    Trinkaus wechselte oft den Wohnsitz, bzw. meldete sich von den Leipziger Behörden ab, um u. a. nach Berlin bzw. Detmold und Dessau reisen zu können. Offenkundig lernte der angehende Künstler im Rahmen des Stiftungsfestes 1923 den späteren Bauhaus-Abkömmling Heinz Loew kennen. Trinkaus erscheint in Leipzig, auch zusammen mit Loew, in dieser Zeit mehrfach als Bühnengestalter.

    Für die Stücke „Knock oder der Triumph der Medizin“ von Jules Romains und „Candida, ein Mysterium in drei Akten“ von George Bernard Shaw war er als Bühnenbildner tätig. Loew und Trinkaus tauchen 1926 bzw. 1927/28 gemeinsam im Bauhaus Dessau auf und standen in dieser Zeit in engem Kontakt. Anders als Trinkaus blieb Loew dem Bauhaus längere Zeit verbunden, ging einen künstlerischen Weg.

    Ohne künstlerische Vorbildung – Trinkaus am Bauhaus Dessau

    Leipzig war für Trinkaus die künstlerische Vorstufe. Dessau sollte die nächste Stufe in seiner Entwicklung zünden. 1926 schätzt der Bauhaus-Professor und -Künstler Wassily Kandinsky (1866 – 1944) vorgelegte Arbeiten von Karl Hermann Trinkaus ein. Wahrscheinlich hat er seine 1923 bis 1925 entstandenen Bühnenentwürfe und Skizzen vorgelegt. Kandinsky bescheinigt der Mappe „schätzenswerte künstlerische Qualitäten“.

    Karl Hermann Trinkaus in den 50er oder 60er Jahren. Aus dem Nachlass von K.H. Trinkaus. Foto: Privat
    Karl Hermann Trinkaus in den 50er oder 60er Jahren. Aus dem Nachlass von K.H. Trinkaus. Foto: Privat

    „Es ist dabei zu unterstreichen, dass Herr Trinkaus ein Mechaniker ist, der keine künstlerische Bildung genossen hat“, meint er in seinem Gutachten. Kandinsky führt aus, dass Trinkaus’ Arbeiten einer reichen Fantasie entspringen. Der angehende Künstler wird im Empfehlungsschreiben als mittellos beschrieben. Kandinsky wirbt, aufgrund der Begabung von K.H. Trinkaus, um wirtschaftliche Unterstützung des werdenden Kunstschülers.

    In Trinkaus’ Dienstausweis wird er für das Wintersemester 1927/28 und für das Sommersemester 1928 als Studierender geführt. Er belegte Kurse bei Kandinsky, Joost Schmidt, Herbert Bayer und Paul Klee, besuchte aber vorrangig die Grundlehrewerkstatt von Josef Albers. In diesem Abschnitt brachte Trinkaus seine wichtigsten Arbeiten hervor. Deutlich sichtbar orientiert er sich an seinem Lehrer.

    Bald fasst er Fuß im künstlerischen Gepräge Berlins und Leipzigs der späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahre. Vor allem schien er nach seiner Bauhaus-Zeit zu den Gebrauchsgrafikern in der Weimarer Republik gehört zu haben, die ausschließlich für linkspolitische Verlage tätig waren. So zeichnete er sich u. a. für die Gestaltung von Titelblättern des Magazins „Der Kulturwille“ verantwortlich. Er gestaltete 1927/1928 mehrere Collagen für die „Reiseblätter“, „Kunst und Volk“, „Querschnitt“, „Kunststelle“ und „Rundfunk“.

    Er schuf auch für das „Fachblatt der Maler“ einige Beiträge. Trinkhaus schuf noch weitere Titelblätter für drei Themenhefte für den „Kulturwillen“. Er arbeitete mit Fotocollagen und setzte nach Einschätzung der HGB-Archivarin und Kunsthistorikerin Julia Blume damit auch Impulse für die dem Blatt verbundenen Leipziger Gestalter wie Max Schwimmer (1895 – 1960).

    Von der Kunst zur Politik

    Was ihn persönlich bewog, seit Mitte der Dreißigerjahre nicht mehr künstlerisch tätig zu sein, ist in den Quellen nicht abzulesen. Spätestens mit dem Machtantritt der Nazis dürfte sich auch für Trinkaus einiges geändert haben. Er gibt an, Anfang der Dreißigerjahre lange Zeit arbeitslos gewesen zu sein. Ihn zog es in die Politik und in andere Gefilde. Nach seinem Studium und seiner Tätigkeit als Grafiker absolvierte er ein Ingenieurstudium im Flugzeugbau.

    Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

    Durch politische Verbindungen mit dem Betriebsrat der I.G. Farbenfabrik Wolfen wirkte er eigenen Angaben zufolge an der dortigen Betriebszeitung mit. Außerdem war Trinkaus in den frühen Dreißigerjahren als KPD-Funktionär tätig, betätigte sich 1932 als Agitprop-Leiter der KPD Ortsgruppe „Die rote Kommune“ und trat eigenen Angaben zufolge im Mai 1933 der inzwischen verbotenen KPD bei, ging ihm zufolge dann in den Untergrund.

    1936 vermittelten seine Genossen der Dessauer KPD-Ortsgruppe ihm eine Stelle in den Junkers Flugzeug- und Motorenwerken. Seitdem arbeitete Trinkaus zunächst als Flugzeugelektriker, stieg dann zum Diplomingenieur auf. Seine Tätigkeiten umfassten die Aufgaben in der Schaltplanentwicklung, in Feinmessungen und Teilekonstruktionen. Trinkaus wurde während des Zweiten Weltkriegs im Bereich „Belei II“ eingesetzt. „Belei II“ war die Bezeichnung für die ab 1943 auf Geheiß des Reichsluftfahrtministeriums (RLM) stattfindende Teilverlagerung des Junkers-Flugzeugbaus, in diesem Fall vom Werk Schönebeck nach Langensalza, wo sie als Junkers Langenwerke AG in den Akten auftaucht. Das Werk wurde in einem ehemaligen Kammgarnspinnereigebäude eingerichtet.

    Der Einsatz in „Belei II“ legt die Vermutung nahe, dass Trinkaus im Konstruktionsbereich tätig war. Ab 1943/44 wurden in diesem Bereich KZ-Häftlinge aus dem KZ Buchenwald eingesetzt. Sie wurden in ein über 300 Personen umfassendes KZ-Außenlager unmittelbar an den Werkhallen untergebracht, wo auch Gräueltaten und Erschießungen stattfanden (beschrieben in Frank Baranowskis Buch “Rüstungsproduktion in Deutschland Mitte von 1923 bis 1945”, S. 392-402.) 1945 wurde er doch in den Kriegsdienst eingezogen, war für die Reichsmarine in Schwerin stationiert. Dort wurde er zusammen mit der dort stationierten Truppe kampflos von US-Truppen festgenommen. Einige Monate später wurde er aus der Haft in der britischen Besatzungszone entlassen.

    Anhand der bestehenden Quellenlage öffnen sich einige Widersprüche in seinem Lebenslauf. Von 1945 bis 1950 war Trinkaus angeblich bei dem Leichtflugzeugbau Klemm in Böblingen tätig, was aus dem derzeitigen Quellenbefund nicht zu bestätigen ist. In seiner Personalakte wird für denselben Zeitraum eine Tätigkeit als Dispatcher im Gaskraftwerk Böhlen angegeben. Nachdem er um 1950 im Leipziger Messeamt auftaucht, wo er das Referat für Sichtwerbung mit aufgebaut haben will, zog es ihn wieder nach Berlin.

    1953 heiratete er Magda Sendhoff, geb. Müller (1899 – 1963). Ihretwegen zog er in die Gemeinde Wandlitz bei Berlin. 1954 wurde er als Referent am Deutschen Museum eingestellt. In den Beurteilungen wird Trinkaus als zuverlässig, vielseitig interessiert und aufgeschlossen beschrieben. Man wollte ihn ungern wieder zurück nach Leipzig ziehen lassen. In Leipzig wirkte er am Georgi-Dimitroff-Museum als wissenschaftlicher Mitarbeiter.

    Nach dem Tod seiner Frau und seiner Mutter distanzierte er sich vom Team der im ehemaligen Reichsgerichtsgebäude eingerichteten Gedenkstätte und nahm sich Weihnachten 1965 das Leben. Näheres zu den Gründen und Umständen seines Freitodes erfahren die Leser im Begleitkatalog der Ausstellung „Karl Hermann Trinkaus/Bauhaus – Der neue Mensch“.

    Die Ausstellung ist bis 16.02.2020 im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen.

    Karl Hermann Trinkaus: Der neue Mensch. Die Wiederentdeckung eines Leipziger Bauhaus-Schülers

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