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Die „Free Nawalny“-Bewegung in Leipzig und ein Schloss in Russland + Video

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    In Russland waren es über 100 Städte, in denen am 31. Januar 2021 die Menschen trotz Coronaeinschränkungen auf die Straßen gingen - von 3.000 bis 4.000 Verhaftungen war anschließend die Rede. Wladimir Putin kommt offenbar das erste Mal seit nun rund 20 Jahren zumindest nach europäischen Maßstäben in echte Bedrängnis. Die Vorwürfe lauten neben der brutalen Verfolgung von politischen Gegnern wie Alexej Nawalny: Korruption, Vetternwirtschaft und ein System, in welchem er, seine Familie und seine Freunde sich seit Jahren in einem unfassbaren Ausmaß bereichern.

    Im Zentrum der neueren Entwicklungen im 145 Millionen Menschen umfassenden Vielvölkerstaat steht der Oppositionelle Alexej Nawalny. Und sein Film „Ein Schloss für Putin“, der Kennern wenig Neues und doch das Netzwerk Putins in überraschend gläserner Form zeigt. Neben der Verurteilung Nawalnys ein weiterer Baustein einer zuletzt immer dramatischeren Geschichte.

    Erst wurde Alexej Nawalny offenkundig durch seine politischen Gegner vergiftet und nach seiner Wiederkehr nach Moskau am 17. Januar 2021 verhaftet. Für den Anschlag auf ihn machen Nawalny selbst und nahezu alle Auslandskorrespondenten der meisten europäischen Medien Kreise um den russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin verantwortlich.Und die Indizien sprechen dafür, dass hier jemand, den der Spiegel als „den letzten Oppositionellen“ bezeichnete, nach einer Reihe ähnlicher Vorfälle der vergangenen Jahre mithilfe eines russischen Nervengiftes aus der Nowitschok-Gruppe zum Schweigen gebracht werden sollte.

    Der Vorwurf, welcher Nawalny nun am 2. Februar 2021 eine Haftstrafe von knapp drei Jahren eingebracht hat, ist perverserweise, dass er sich nach der Vergiftung, während seines Krankenhausaufenthaltes in Deutschland, nicht an russische Meldeauflagen gehalten habe. Zu denen er nach einer ebenfalls umstrittenen Verurteilung auf Bewährung verpflichtet war.

    Dieses Bewährungsurteil wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte schon vor Jahren als „willkürlich“ verworfen, nun bildete es dennoch die Grundlage für seine gestrige Verurteilung in Moskau.

    Die Proteste vor allem in den russischen und europäischen Großstädten dürften dadurch weitere Nahrung erhalten. Schon vor dem Urteil war man sich am 31. Januar 2021 auch auf dem Augustusplatz sicher, dass man nicht zum letzten Mal demonstrieren würde.

    Bis nach Leipzig …

    Denn mittlerweile hat der inländische Protest längst die Grenzen Russlands überschritten. Wie auch in anderen Städten Europas gingen in Leipzig am 31. Januar 2021 ab 12 Uhr zum zweiten Mal lokale Unterstützer Nawalnys auf die Straße, um auf dem Augustusplatz gegen die undemokratische Willkür in Russland und die Inhaftierung weiterer politischer Gefangener auch über Nawalny hinaus zu protestieren.

    In Solidaritätsbekundungen auf Deutsch und Russisch forderten die rund 80 Teilnehmer zwar die Freilassung Nawalnys, doch längst ging und geht es um das „System Putin“ und Russlands Zukunft.

    Während Teile der sogenannten „Querdenker“-Bewegung wie schon zuvor „Legida“ in ihrem „Kampf“ gegen die „Corona-Diktatur“ in Deutschland in eben diesem ehemaligen FSB-Chef offenbar sogar den Heiland für Europa sehen, demonstrierten auf dem Leipziger Augustusplatz vor allem jüngere russischstämmige Leipziger/-innen gegen den Dauerregenten in Moskau und seine korruptiven Netzwerke.

    In mehreren deutschsprachigen Redebeiträgen (siehe Video) hofften sie dabei vor allem auf mehr Unterstützung in Deutschland, für sie das Land der friedlichen Revolution und somit Vorbild für die Demonstrationen in Russland.

    Ein Leipziger bedankte sich in diesem Zusammenhang für die damalige Hilfe Michael Gorbatschows im Jahr 1989, ein weiterer betonte, dass man zu lange weggesehen habe, zu lange zu den autokratischen Entwicklungen eines Landes geschwiegen hätte, welches so nah läge, während eine junge Journalistin ihre Verwunderung äußert, wie normal es in Russland längst sei „besser nichts zu sagen“.

    Redebeiträge am 31.01.2021 in Leipzig (Auswahl)

    Video: LZ

    Der Film: „Ein Schloss für Putin“

    Diese Entwicklungen kann man sich mittlerweile auch mit einer deutschen Untertitelung von „Correctiv“ im Netz unter dem Titel „Ein Schloss für Putin“ anschauen.

    In dem fast zweistündigen Film von und mit Alexej Nawalny baut sich vor den Augen des Zuschauers eine Systematik auf, welche im Dresdner KGB-Sitz Putins der niedergehenden DDR beginnt, über die 90er Jahre nach Sankt Petersburg und seinen Verbindungen zu mafiösen Strukturen am dortigen Hafen, dem Weg Putins in die Moskauer Zentrale des FSB bis hinein in seine Familie und Kreise dutzender Strohmänner eines Geflechtes führt, welches in einer Art Provisionssystem nur einen Empfänger kennt: Putin selbst.

    Ähnlich einer riesigen Betrugs- und Geldbeschaffungs-Holding erkennt man ein Netzwerk aus internationalen Scheinfirmen zur Geldverteilung, Staatsbetrieben von Gasfirmen bis Fernsehanstalten zur Machtlenkung und Personen, die seit teils über 30 Jahren nur Putin allein verpflichtet sind. Im Zentrum auch immer wieder die Rossija Bank, die bei näherer Betrachtung wie eine Geldbörse und Verteilersystem für Putin selbst wirkt.

    Teils ironisch bis sarkastisch – bis hin zu einzelnen Toilettenutensilien im Wert einer durchschnittlichen russischen Jahresrente – erläutert hierbei Nawalny gesammelte Dokumente aus 30 Jahren, Offshore-Firmenbezeichnungen, Baupläne und Bilder von Drohnenflügen über dem, was er „Putins Schloss“ nennt. Eine hermetisch abgeriegelte Residenz, deren Ausmaße, verschleierte Besitzverhältnisse und Geldflüsse in Milliardenhöhe für Bauarbeiten in der Tat staunen lassen.

    Und die nur ein Abbild für das ist, wie sich in Russland rings um den russischen Staatspräsidenten Menschen bereichern, während die Verbesserung der Lebensverhältnisse für viele stagniert.

    Quelle: Youtube-Kanal von „Correctiv“

    Selbst wenn – entgegen den Beteuerungen des auch bereits durch homophobe und militaristische Aussagen aufgefallenen Nawalnys – hier sogar einige Verfilzungen, persönlichen Lebensumstände Putins und Finanzströme übertrieben dargestellt sein mögen: der überwiegende Teil genügt, um zu erkennen, welche undemokratische Machtarchitektur aus Firmenbossen, Familienmitgliedern, Geliebten und ehemaligen Studien- und KGB/Stasi-Kollegen Wladimir Putin in den vergangenen Jahrzehnten um sich erbaut hat.

    Und wie weit all das von einer lebendigen Demokratie und einer freien Wirtschaft entfernt ist.

    Ein Kern der Dokumentation, der auch erklärbar macht, wieso der Kreml hier jemanden bekämpft, der mit einer Millionenreichweite einen Weg im Netz gefunden hat, das staatliche TV zu umgehen und sich direkt vor allem an die jüngeren Russen in den urbanen Großstädten zu richten. Kurz gesagt: der getroffene Hund bellt immer lauter, während Nawalnys Einfluss und Glaubwürdigkeit durch die Haftstrafe eher wachsen.

    Zieht man jedenfalls auf beiden Seiten den propagandistischen Anteil ab, bleibt das berechtigte Interesse der Demonstrierenden nach Veränderungen in Russland. Die nächste Versammlung in Leipzig soll am 7. Februar 2021 wahrscheinlich erneut auf dem Augustusplatz stattfinden.

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      1 KOMMENTAR

      1. Eigentlich ist es traurig, wie narzisstische Populisten berechtigten Protest immer wieder zerstören.
        Da gehts nicht darum, gemeinsam mit den Menschen das Leben der Menschen gerechter und lebenswerter zu gestalten.
        Sondern um die Macht Weniger, die ausgetauscht werden soll, für das Eigene.
        In einem Rechtsstaat darf man Politikern mit dem Galgen drohen und unflätig beleidigen,
        Russland ist keiner.
        Lesenswert:
        https://www.sueddeutsche.de/kultur/alexej-nawalny-putin-kreml-kritiker-enthuellungsvideos-1.5190534

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