Am Donnerstag, 23. Juni, stimmen die Briten über ihren Verbleib in der Europäischen Union ab. Sollten sie für den Brexit stimmen, wird das ziemlich heftige Folgen für die Wirtschaft haben - die britische zuallererst. Dabei werden die Briten ja eigentlich geliebt. Auch von uns. Gerade weil sie ihre Marotten so gern pflegen.

Vielleicht ist es das, was sie an diesem Europa nicht aushalten: Dass da noch mehr Völker sind, die ihre Eigenarten behaupten wollen. Und so lange die ganze Bande nicht gelernt hat, das auszuhalten und als echten Reichtum zu bewahren, scheint nur ein einziges Hauen und Stechen draus zu werden mit triumphierenden nationalen Dummköpfen in allen Ländern, die von ihrer wirklichen kulturellen Vielfalt in der Regel meistens keine Ahnung haben. Sie reden nur davon. Oder erfinden so saudämliche Worte wie „Leitkultur“. Ja, welche hätten sie denn gern?

Das Besondere an Europa ist doch, dass hier viele völlig verschiedene Kulturen nicht nur in mehr oder weniger durchlässigen Landesgrenzen nebeneinander leben und wirken, sondern auch in den Provinzen der Länder. Das wissen die Briten selbst genau – denn wenn sie jetzt „Nein“ zur EU sagen, werden die Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland und Wales wieder Thema: Man mault gegen die EU, obwohl man dasselbe Problem im eigenen Land hat: Wie bewahrt man Vielfalt, ohne dass sich Bevölkerungsgruppen benachteiligt und bevormundet fühlen?

Kleine Zwischenantwort: Bürokraten begreifen nicht mal, was das ist. Nationalisten übrigens auch nicht.

Da vergessen auch die Briten viel zu schnell, dass sie einen Reichtum von Kulturen zu bieten haben, der natürlich von anderen bewundert wird. Und den wir bei all unserem Fleiß immer nur punktuell beleuchten können.

Eine Auswahl von Artikeln, die die Faszination Großbritannien zeigen, haben wir hier einfach mal aufgelistet. Und natürlich kann auch unser Motto nur lauten: „We like it.“ Und: Bleibt da. Gegen die kulturlosen Raufbolde aus dem nationalistischen Kneipenmief brauchen auch wir starke, eigensinnige und extravagante Freunde. Je mehr Extravaganz, umso besser.

Europa eng verflochten - Aldi und der einheimische Market Tür an Tür auf dem Tooting-Boulevard in London. Foto: L-IZ.de
Europa eng verflochten – Aldi und der einheimische Market Tür an Tür auf dem Tooting-Boulevard in London. Foto: L-IZ.de

Großbritannien zum Nachlesen:

Einer der faszinierendsten britischen Autoren ist Rudyard Kipling. Der Leipziger Anglist Stefan Welz hat sich mit dem Leben des Autors der „Dschungelbücher“ näher beschäftigt und wohl die derzeit beste Kipling-Biografie vorgelegt. So ganz nebenbei zeigt er natürlich auch, warum die Briten so anders sind und auch noch heute den Stolz der einstigen Groß- und Kolonialmacht spüren lassen.

Der Leipziger Anglist Stefan Welz versucht die Faszination des Dschungelbuch-Autors Rudyard Kipling zu begreifen

2015 wäre Kipling 150 Jahre alt geworden. Der NordSüd-Verlag hat die Mowgli-Geschichten aus dem Dschungelbuch in einer herrlichen illustrierten Ausgabe herausgebracht. Und siehe da: Das Buch ließ sich auch über 100 Jahre nach dem Entstehen der Geschichten mit Genuss und Gewinn lesen und handelt eigentlich von einem altbekannten Thema: Wie wird mal als Junge eigentlich erwachsen? Nicht jeder hat einen hilfreichen Bären an der Seite.

Die Mowgli-Geschichten aus dem Dschungelbuch in einem Band und phantasievoll illustriert

Das beeindruckende Porträt der englischen Kapitale und der Hauptstadt der Banken mitten in Zeiten der Finanzkrise hat John Lanchester geschrieben. Eine kleine Londoner Straße wird in seinem Roman zum Schauplatz der Schicksale, die sich im London der Gegenwart verflechten. Der fette Roman ist ein Bestseller, der erlebbar macht, wie das scheinbar abstrakte Geschehen auf dem Handelsparkett in die Leben der kleinen Leute hineingreift.

John Lanchesters grandioser London-Roman – auch in der 12. Auflage noch hochaktuell

Selbst die britischen Pläne, mit EU-Mitteln eine neue Atomkraftanlage zu bauen, haben ihre Ausläufer bis nach Leipzig. Im Juli 2015 beantragten die Leipziger Grünen tatsächlich, dass die Leipziger Stadtwerke dem Klageverfahren gegen den Milliardenbau von Hinkley Point C beitreten. Haben sie natürlich nicht getan. Das ist für die Leipziger Stadtwerke schlicht eine Nummer zu groß.

Leipzigs Grüne beantragen Beitritt zum Klageverfahren gegen Hinkley Point C

Ein britischer Autor, den fast alle kennen ist Ken Follett. Er hat sich wie andere seiner britischen Schriftsteller-Kollegen sehr intensiv mit den Deutschen und ihren Verirrungen im 20. Jahrhundert beschäftigt. Sein Buch “Winter der Welt”, in dem es um Aufstieg und Niederringen des Faschismus geht,  haben wir 2013 mal eingehender besprochen.

Mit der NS-Diktatur beginnt der „Winter der Welt“: Ken Follett macht erneut Geschichte lebendig

2012 haben Marko Hofmann und Gernot Borris für die L-IZ mal den britischen Historiker Ian Kershaw interviewt. Auch er hat sich das Dritte Reich als Forschungsthema ausgesucht. Bis heute beschäftigen sich britische Historiker mit der Frage, warum diese wirklich abgründige Diktatur im scheinbar so kultivierten Deutschland so reibungslos funktionieren konnte.

Das Ende ist auch für mich ein Ende: Der Historiker Ian Kershaw im Interview

Der Anlass für das Kershaw-Interview war natürlich die Verleihung des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung an Ian Kershaw und Timothy Snyder, Letzter ist diesmal kein Brite, sondern ein Historiker aus den USA.

Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2012: Mit Ian Kershaw und Timothy Snyder werden zwei Spitzenhistoriker geehrt

Ein englischer Naturwissenschaftler, der die L-IZ-Leser jüngst mit einem ganz dicken Buch über sein Leben, Forschen und Denken beglückte, ist der Biologe Richard Dawkins. Er ist einer aus der bis heute frappierenden Gilde der wirklich unbeeindruckten Denker von der Insel, denen der Spaß am Knobeln und Denken durch keine romantische Schwermütigkeit eingetrübt wird. Ein Forscher ganz im Geiste Darwins. Wir haben seine „Poesie der Naturwissenschaften“ besprochen.

Ein ganzes Leben als Plädoyer für das wissenschaftliche Denken, die Evolution und die gar nicht so egoistischen Gene

Die Leipziger Anglistin Maria Fleischhack hat sich mit einem anderen berühmten Briten besonders beschäftigt: dem Detektiv Sherlock Holmes, der einst der Feder des Arthur Conan Doyle entsprang. Was wäre der heutige Krimi ohne dieses Vorbild? Die L-IZ hat sie mal zu ihrem Lieblingsthema befragt.

Sherlock Holmes und Dr. Watson: Die Leipziger Anglistin Maria Fleischhack im Interview

Und natürlich haben wir auch ihr Buch über den berühmten Detektiv gelesen. Hier ist die Besprechung dazu.

Maria Fleischhacks Exkursion in die faszinierende Welt des Sherlock Holmes

Leipzig hat ja bekanntlich noch was auszufechten in London: den Prozess der Leipziger Wasserwerke gegen die Schweizer Großbank UBS. 2014 hatte man den Prozess ja eigentlich schon gewonnen. Aber dann wurde die Berufung der Schweizer doch noch zugelassen. Nun soll im Frühjahr 2017 das endgültige Urteil fallen. In London natürlich.

Der Stadtrat tagt: Ein erleichterter OBM zum Urteil aus London

Auch deutsche Musiker verschlug es immer wieder nach London. Auch einen gewissen Herrn Abel, den Meister auf der Viola da Gamba. Hätten sich seine Kompisitionen nicht in der Pembroke Collection erhalten, wir wüssten nicht, wie ein Großteil seiner Musik eigentlich klingt. Die CD mit den Einspielungen dieser Musik von Thomas Fritzsch haben wir besprochen.

Carl Friedrich Abel und die Revolution der Gamben-Musik: Die „2nd Pembroke Collection“ auf zwei CDs

Und weil wir grad dabei sind, noch ein paar Worte  zu Europa:

In ihrer Streitschrift „Wir sind Europa“ plädierte die Journalistin Evelyn Roll für eine neue europäische Bewegung und gegen den dumpfen Nationalismus, der nicht nur in Deutschland, Polen, Frankreich oder Österreich in blonder Lockenpracht an alte Stinkereien anknüpft. Darüber schrieben wir am 13. Mai 2016.

Evelyn Rolls vehementes Plädoyer für Europa und einen Aufstand der überzeugten Europäer

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