Das neue Stadtquartier auf dem Eutritzscher Freiladebahnhof wird noch mehrfach für Schlagzeilen sorgen, als es zuletzt vor allem in den Medien war, weil die Besitzer wechselten und alles scheinbar wieder von vorne losging. Was natürlich die Befürchtungen der Anwohner und der Ratsfraktionen befeuerte, dass damit auch die eh schon schwierigen Absprachen der Stadt mit den Investoren wieder in den Papierkörben landen. Ein Antrag aus dem Stadtbezirksbeirat Mitte machte am 19. Januar die Bauqualität zum Thema.

Der Stadtbezirksbeirat Mitte brachte seinen Antrag zwar nicht selbst ein. Aber natürlich kann man darin nachlesen, welche Sorgen man sich im Beirat macht, dass auch am Eutritzscher Freiladebahnhof wieder nur ein 08/15-Quartier mit gesichtslosen Wohnblöcken entsteht, die nicht ansatzweise das Flair der angrenzenden Leipziger Gründerzeitviertel ausstrahlen.

Freiladebahnhof künftig mit Vermittlerrolle

„Als neues und innenstadtnahes Quartier, übernimmt der ehemalige Eutritzscher Freiladebahnhof in seiner geplanten Struktur, künftig eine städtebauliche Vermittlerrolle zwischen den stadtbildprägenden und baukulturell wertvollen Leipziger Stadtquartieren sowie dem Zentrumsbereich der Stadt“, schreibt der Stadtbezirksbeirat Mitte in seinem Antrag.

„Die geplante Bauweise mehrerer Gebäude in Holz- und Holz-Hybrid-Bauweise würden im Leipziger Zentrumsbereich eine Besonderheit darstellen. Um diese innovative Baustruktur in die bestehende Umgebungsbebauung mit ihren differenzierten Gestaltungselementen einzupassen, wird für die Holz- und Holz-Hybrid-Bauten ein eigener Architekturwettbewerb durchgeführt und/oder ein verbindliches Gestaltungshandbuch erarbeitet. Es ist sicherzustellen, dass sich das Vorhaben in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt und städtebaulich vertretbar ist. Ferner müssen die in der Bürgerbeteiligung und/oder vom Nachbarschaftsforum erarbeiteten Vorschläge und Hinweise in angemessener Form im laufenden Verfahren berücksichtigt werden.“

Baufehler sollten sich nicht wiederholen

Schon das wird schwierig, sahen die ersten Planskizzen hier ja eine sehr hohe Bebauung gerade in den Eingangsbereichen an der Eutritzscher Straße vor.

Die angekündigte Holzbauweise könnte eine Chance bieten, die Fehler der in den letzten Jahren in Leipzig gepflegten Kubus-Bauweise zu vermeiden.

Das fand auch der Stadtbezirksbeirat Mitte: „Die Planungshistorie, Größe und Eigenart des Vorhabens begründen ein öffentliches Interesse in der Wahrung, Qualifizierung und Durchsetzung beschlossener Leitbilder und planerischen Zielstellungen in der weiteren Entwicklung des neuen Quartiers auf dem ehemaligen Eutritzscher Freiladebahnhof.“

Wie bekommt man ein lebendiges Quartier?

Ein Anliegen, das Grünen-Stadtrat Tobias Peter teilt. Immerhin wird mit dem Investor seit einem Jahr wieder verhandelt über die künftigen Qualitäten des geplanten Stadtquartiers.

Und eine Orientierung am Modell der Meyer’schen Häuser ist aus Sicht von Tobias Peter nicht wirklich der Weg, hier ein abwechslungsreiches Stadtquartier zu schaffen. Die Meyer’schen Häuser leben nun einmal von der einheitlichen Gestaltung des ganzen Blocks. Aber am Eutritzscher Freiladebahnhof soll ein vielfältiges Quartier entstehen.

Der Weg dahin war von Anfang an schwierig. Denn schon mit dem Verkauf des Geländes durch die Deutsche Bahn an einen einzigen Investor war der Einfluss der Stadt drastisch eingeschränkt. So war auch der Wunsch, hier mehrere Immobilienentwickler mit unterschiedlichsten Ideen zum Wohnungsbau zum Zuge kommen zu lassen, von Anfang an nicht umsetzbar.

„Geburtsfehler“ nannte es Peter in seinem Redebeitrag. Man kann es auch eine verfehlte Immobilienpolitik des Bundes nennen, der sein eigenes Unternehmen Deutsche Bahn wie ein Privatunternehmen führt. Mit dem Ergebnis, dass die wertvollsten Baugrundstücke in deutschen Innenstädten auf ehemaligen Bahngeländen an Private verkauft wurden und den Städten nicht mal ein generelles Vorkaufsrecht eingeräumt wurde. Ergebnis sind die sehr zähen Entwicklungen sowohl am Eutritzscher Freiladebahnhof als auch am Bayerischen Bahnhof, bei denen die Stadt immer wieder am kürzeren Hebel sitzt.

Arbeit am Gestaltungshandbuch

Weshalb der Antrag aus dem Stadtbezirksbeirat Leipzig-Mitte die Verwaltung eben dazu verpflichten wollte, den Investor wenigstens bei der künftigen städtebaulichen Qualität des neuen Quartiers in die Pflicht zu nehmen. Ein Anliegen, das die Verwaltung weitestgehend auch übernommen hat und die gewünschten Qualitäten in einem Gestaltungshandbuch festschreiben will.

Im Vorschlag der Stadtverwaltung heißt es dazu: „Ausgehend vom gegenwärtigen Verfahrensstand strebt die Verwaltung an, in Kooperation mit dem Vorhabenträger das angeführte Gestaltungshandbuch im Jahr 2022 fertigzustellen. Sowohl der Fachausschuss Stadtentwicklung und Bau als auch das Gestaltungsforum der Stadt Leipzig werden in diesen Prozess zur Abstimmung der Inhalte mit einbezogen. Hinsichtlich der durchzuführenden Realisierungswettbewerbe nach den Richtlinien für Planungswettbewerbe (RPW 2013) oder der Mehrfachbeauftragungen können keine belastbaren, konkreten zeitlichen Vorgaben gemacht werden. Absehbar ist, dass dies mittelfristig erfolgen wird.“

Ein kleiner Hoffnungsfunke also, dass es die Leipziger an der Eutritzscher Straße nicht mit langweiligen Wohnblöcken aus der Retorte zu tun bekommen, sondern wirklich ein Stadtquartier entsteht, das zum Wohnen einlädt. Wobei auch zu hoffen ist, dass auch die Mieten dann noch für normale Leipziger bezahlbar sein werden, wie Tobias Peter anmerkte.

Und da die Stadt selbst schon in Verhandlung mit dem Investor ist, bekam dann auch die Beschlussvorlage aus dem Stadtplanungsamt die volle Zustimmung der Ratsversammlung.

Die Debatte vom 19.01.2022

Video: Livestream der Stadt Leipzig

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