Sie haben es schon wieder getan und die Straßen werden gefühlt größer. Seit kurz nach 7 Uhr geht am heutigen 13. Juni 2022 auf dem Leipziger Ring, Höhe Oper nichts mehr, Aktivist/-innen der „Letzten Generation“ haben sich gerade wieder in bekannter Manier auf der Straße festgeklebt und fordern von der Bundesregierung eine Lebenserklärung mit der Zusicherung, keine neuen fossilen Infrastrukturprojekte mehr zuzulassen. Von überzeugten Automobilisten gern als „Klimasekte“ abgewertet, sind die jungen Menschen auch heute wieder vor allem eines: hartnäckig und offensiv.

Es ist die mittlerweile vierte Straßenblockade der derzeit offensivsten Klimaaktivistinnen Deutschlands innerhalb kürzester Zeit allein in Leipzig. Hinzu kommen die Besetzung des Audimax der Universität Leipzig und Aktionen zum Thema Lebensmittelverschwendung und Containern.

Doch wer sind diese Menschen, die Anzeigen in Kauf nehmen und sich der Gefahr aussetzen, von wütenden Autofahrern angegriffen zu werden? Sind es wirklich arbeitsscheue Dauerstudenten, wie in hasserfüllten Kommentaren immer wieder zu lesen ist, oder doch eher kritische junge Menschen, die Angst um ihre Zukunft haben?

Bei einer der letzten Blockaden bereits zählte Aktivistin Lina auf, wer alles zur Letzten Generation gehört: Schüler, Studenten, Rentner, Arbeiter. Unterstützung erfahren sie von diversen „for Future“-Gruppen, viele der Beteiligten sind auch in verschiedenen anderen Umweltgruppen aktiv.

Während in Leipzig vorwiegend junge Menschen aktiv sind, saßen zur selben Zeit bei der letzten Blockade in Dresden ältere Semester auf der Straße.

Unter ihnen Christian Bläul, ein Familienvater aus Dresden, der auch schon durch das Abdrehen von Ölpipelines bekannt wurde. Bei einem Gespräch mit der LZ vor einiger Zeit betonte er, dass er zwar Angst habe, für solche Aktionen ins Gefängnis zu müssen, das alles aber für seine Kinder macht. Er mache sich große Sorgen um ihre Zukunft und fühlt sich gezwungen, sich mit solchen Aktionen Gehör zu verschaffen.

Eine der deutschlandweit bekanntesten Personen der „Letzten Generation“ ist wahrscheinlich der Priester Jörg Alt aus Nürnberg. Nachdem er aus dem Abfall gerettete Lebensmittel aus Protest vor einem Supermarkt verteilte und dafür angezeigt wurde, solidarisierten sich deutschlandweit Menschen, indem sie sich beim sogenannten „Containern“ selbst anzeigten und damit in die Öffentlichkeit gingen.

Auch in Leipzig kam es zu solchen Aktionen.

7:40 Uhr: Die Polizei blockiert mit

Im Prinzip bleibt den herangeeilten Polizeibeamten nichts anderes übrig, als die Aktivist/-innen einerseits vor Schaden zu schützen, andererseits den Verkehr zu gewährleisten und gleichzeitig für die Zeit danach Beweise aufzunehmen, was denn nun wirklich geschehen ist. Und dabei selbst zum Teil der Straßenblockade zu werden. Erneut müssen die Beamten also dabei helfen, die jungen Menschen von der Fahrbahn zu lösen, auf welcher sich einige von ihnen festgeklebt haben.

Gleichzeitig gibt es natürlich wieder empörte Reaktionen von Autofahrer/-innen, welche um diese Uhrzeit zumindest meist auf dem Weg zur Arbeit sind – allein im privaten Pkw denken dabei viele, sie seien „Wirtschaftsverkehr“, was sie nicht sind. Natürlich ist es also gerade der Sinn der durchaus für die Aktivist/-innen nicht ungefährlichen Aktionen der „Letzten Generation“, genau hier und in dieser Uhrzeit in den Verkehr einzugreifen, zu stoppen und aufzuhalten.

Was gern als die Notwendigkeit zum „Umdenken“ in Zeiten von Klimakrise und Artensterben politisch eingefordert wird, geschieht hier quasi praktisch auf der Straße. Während sich hier ein zeitweise langer Stau gebildet hat, können Radfahrer/-innen und der ÖPNV problemlos passieren.

Währenddessen vermisst die Polizei zur Feststellung, wie nun genau blockiert wurde, die Straßenbreiten links und rechts der Blockierer. Auch, um die Rettungswege zu dokumentieren – es zieht sich hin. Parallel werden weiteren Aktivist/-innen die festgeklebten Hände mit Öl von der Fahrbahn gelöst und die ersten Pkw an der Sperre vorbeigewunken.

Hier und da gibt es nicht nur ärgerliche Äußerungen, es wird auch Verständnis geäußert. Nicht grundlos beklagen auch immer mehr spritpreisgebeutelte Autofahrer/-innen den vor allem für viele Pendler schlecht ausgebauten Regionalbahnverkehr. In Leipzig geht man von etwa 90.000 bis 100.000 privaten Berufspendlern zwischen Umland und Stadt aus – täglich.

8:15 Uhr: Aktion vorbei

Die Konsequenzen für die Aktivist/-innen sind bei jeder Aktion stets die gleichen: es laufen nun, mit dem Ende der Aktion, Ermittlungen wegen des Vorwurfs der Nötigung an und wegen eines Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz. In Leipzig werden solche Blockade-Aktionen durch die Macher/-innen bislang nie angemeldet, um den Effekt der Überraschung zu gewährleisten.

Nachtrag: Eine Person befindet sich noch immer auf der Straße, da sich der Lösungsprozess der Hände schwierig gestaltet. Der Auto-Verkehr fließt wieder weitgehend normal.

Nachtrag zwei: Um 9:20 Uhr war auch die letzte Hand gelöst und die Aktion endgültig beendet.

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