Ein Problem großer Städte ist in der Regel, dass zwar Straßenreinigung und Grünflächenamt sich um die öffentlichen Straßen und Plätze kümmern. Aber das ergibt oft den Eindruck, dass sich die Stadtbewohner eigentlich nicht um ihre Stadt kümmern müssen. Obwohl es viele trotzdem tun – da, wo sie überhaupt noch Freiräume finden. Das könnte ja auch für den Klimaschutzplan wichtig sein, findet Leipzigs Stadtverwaltung.

Und schrieb als Punkt Nr. VII.5 die Maßnahme „Städtische Streuobstbestände und Gemüsebeete“ in ihren Energie- und Klimaschutzplan. Diese seien mit 50.000 Euro im Jahr „zum Aufbau von Pflege-, Kommunikations- und Partizipationsstrukturen unter Einbindung bürgerschaftlichen Engagements“ zu unterstützen, liest man da.

Was einem sowieso zu wenig vorkommt, denn hier geht es ja um echtes Grün in der Stadt, um lebendige Gärten, die – wie bei Annalinde – den Großstädtern, die keinen Kleingarten haben, das Erlebnis von Urban Gardening ermöglicht.

Denn in Zeiten, da das Obst und Gemüse in unseren Supermärkten aus meist überhaupt nicht nachhaltigem Anbau in anderen Ländern erst eingeflogen werden muss, ist der Anbau eigenen Gemüses wieder zu etwas geworden, was das Klima schont und das Erlebnis richtiger Natur ermöglicht.

Blinder Fleck: Schulgärten

Da erstaunt es schon, dass nicht auch ein großes Schulgartenpaket im Maßnahmenplan steht. Denn wenn Kinder lernen, wie Natur wirklich lebt und wächst, dann im Schulgarten. So wie in einem Projekt der Kurt-Masur-Schule, das eigentlich viele Nachahmer finden sollte.

Hier lernen Kinder auch, wie man Brachflächen wieder zu lebendigen Biotopen macht und damit Natur zurückholt in die Stadt, die viel zu sehr unter Beton und wüsten Flächen leidet.

Und um zahlreiche der noch existierenden alten Streuobstwiesen kümmern sich Umweltschutzvereine wie NABU und BUND, die genau wissen, welche Rolle für die Artenvielfalt in der Stadt diese alten Obstgärten mit ihren Baumbeständen spielen.

Da ist es schon erstaunlich, wenn der Maßnahmenplan zum EKSP relativ zurückhaltend formuliert:

„Auch in der Stadt gibt es Möglichkeiten, Obst und Gemüse anzubauen und naturnahe Anbaumethoden ‚hautnah‘ zu erleben. Hierzu haben sich diverse Initiativen in Leipzig gegründet. Die bestehenden Aktivitäten sollen auf das gesamte Stadtgebiet ausgeweitet und intensiviert werden. Die städtischen Streuobstbestände und Gemeinschaftsflächen sollen in diesem Zusammenhang eine kommunale Kernkulisse bilden und in einen guten Zustand versetzt und erhalten werden. Deren Betreuung und Unterhalt wird neben Nutzungspartnern auch durch die Biotoppflege sichergestellt.“

Mehr Mut zu Grün

Das heißt: Die Stadt hat sehr wohl erkannt, dass nicht nur die existierenden Streuobstwiesen erhalten werden müssen, sondern dass es in der Stadt viel mehr Grün braucht, das von den Leipzigern selbst gepflegt und bewahrt wird.

Urbane Gärten genauso wie Streuobstwiesen und die von der Verwaltung nicht so gemochten Obstbäume am Straßenrand. Aber erst, wenn die Stadt auch wieder als fruchtbarer Ort erlebbar wird und nicht nur als regulierte Parkfläche, wird vielen Menschen auch wieder erlebbar, dass Stadt auch ein Ort für lebendige Natur ist.

Und dass das gemeinschaftlich betreute Grün einen gewichtigen Anteil daran hat, die Stadt im Sommer zu kühlen und den Tieren der Stadt einen Rückzugsraum zu sichern.

So richtig weit ist die Verwaltung dabei jedenfalls noch nicht, denn neue Grünanlagen in Quartieren lässt sie immernoch von Landschaftsplanern entwerfen und nicht als neue Streuobstwiesen oder Bürgergärten.

Das Potenzial dieser Idee jedenfalls wurde noch nicht wirklich entdeckt. Und ein Plan, wie sich diese Gärten und Obstwiesen in der Stadt wieder mehren sollen, gibt es auch nicht.

Entsprechend vorsichtig wurden auch die Einzelmaßnahmen formuliert, mit denen man an diesem Ziel arbeiten möchte:

Qualitätssicherung städtischer Streuobstwiesen
Intensivierung der Pflanzung von klima- und Standort angepassten Obstbäumen und -sträuchern bei Neuanlagen bzw. Nachpflanzungen
Einrichtung einer Biotoppflegestruktur zur Biotopflächenbetreuung
Einführung von Selbsterntefeldern
Aufbau von Pflege-, Kommunikations- und Partizipationsstrukturen
Unterstützung durch die Stadt bei der Identifizierung und Bereitstellung geeigneter Flächen (insbesondere für Gemeinschaftsgärten)
Akteure stärken (Austausch, Finanzierung, fachliche Unterstützung)

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