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Interview mit Karsten Schütze (SPD), Oberbürgermeister von Markkleeberg: „Bürokratische Hürden müssten schneller zu bewältigen sein“

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    Vor mehr als 20 Jahren sollte die Große Kreisstadt Markkleeberg ein Bezirk von Leipzig werden. Mehr als 95 Prozent der Markkleeberger/-innen setzten sich damals für die Unabhängigkeit ihrer Stadt ein – und hatten Erfolg. Einer von ihnen war Karsten Schütze, Markkleebergs heutiger Oberbürgermeister, der in dieser Zeit beschloss, sich aktiv in die Entwicklung seiner Heimatstadt einzubringen. Die Leipziger Zeitung (LZ) hat mit ihm über Herausforderungen im Amt sowie seine Motivation und Zukunftsvisionen gesprochen.

    Corona, die wochenlange Sperrung des Markkleeberger Sees kurz vor der Sommersaison; inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Wie geht es Ihnen in diesen Tagen?Momentan bin ich sehr gut gelaunt. Hinter mir liegen Wochen mit vielen Terminen – das gab es in dieser Form vorher lange nicht. Ich habe mich mehrfach gekniffen und gedacht „Das Leben ist schon wieder fast normal“. Im Mai war ich auf einer Jugendweihefeier, wo ich die Festrede halten durfte. Und in dieser Rede habe ich nicht einmal das Wort „Corona“ gebraucht – das hatte ich mir fest vorgenommen.

    Eine gute Nachricht war natürlich auch, dass der Markkleeberger See wieder freigegeben wurde. Das alles stimmt mich optimistisch. Da hofft man natürlich, dass es so weitergeht. Ich überlege momentan, wie wir vielleicht noch in diesem Jahr ein Stadtfest durchführen können. Eine große Herausforderung – aber ich will nicht vorher die weiße Fahne hissen.

    Sind Sie gern Oberbürgermeister in Markkleeberg?

    Dieses Amt kann man nur ausführen, wenn man es gern macht. Jeder kann Oberbürgermeister werden, dafür braucht man keine besondere Qualifikation. Ich hatte in meiner mittelfristigen Lebensplanung immer vorgesehen: Wenn ich einmal meinen Beruf wechsle – ich habe 23 Jahre als Lehrer hier am Gymnasium in Markkleeberg gearbeitet – dann würde es mich reizen, in meiner Heimatstadt Bürgermeister zu sein. Mir war immer klar, dass ich als „Fast-Rentner“ nicht mehr vor jungen Menschen stehen und unterrichten würde.

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 93. Seit 30. Juli 2021 im Handel. Foto: LZ

    Wenngleich der Job nicht nur Zuckerschlecken ist: Man hat in diesem Amt ja nicht nur Freunde. Private Freundschaften leiden darunter, da man kaum noch Zeit hat. Und man muss sich immer bewusst sein: Ich wurde jeweils mit zwei Dritteln gewählt, 2013 und 2020. Das heißt natürlich, dass mich ein Drittel der Markleeberger/-innen nicht gewählt hat.

    Es gibt auch Beschimpfungen und Bedrohungen. Hier hält sich das aber Gott sei Dank in Grenzen. Wenn solche Bedrohungen bis in den privaten Bereich gehen, stellt man sich natürlich schon mal die Frage, warum man sich das alles antut. Doch es überwiegt der Spaß und die Freude – sonst würde ich dieses Amt nicht ausüben. Nur manchmal braucht man einfach ein dickes Fell.

    Auto, Fahrrad, Bus oder Bahn – wie kommen Sie jeden Tag zur Arbeit?

    Ich fahre mit dem Fahrrad, ich besitze kein Auto. Meinen Führerschein habe ich, seitdem ich 18 Jahre alt bin, aber ein Auto habe ich nie besessen. Auch den Dienstwagen habe ich vor drei Jahren abgeschafft. Und wenn mal ein Termin doch weiter abseits stattfindet, gibt es die Möglichkeit des Carsharings.

    Wie bewerten Sie Mobilität und Verkehrsanbindung in Markkleeberg?

    Markkleeberg hat für alle Verkehrsteilnehmer/-innen gravierende Vorteile. Als Autofahrer/-in ist man in kürzester Zeit raus aus dem Stadtzentrum und auf der Autobahn. Wir haben eine grandiose S-Bahn-Verbindung. Alle zehn Minuten können die Nutzer/-innen des ÖPNV in eine Bahn steigen und innerhalb von zwölf Minuten bin ich auf dem Leipziger Marktplatz. Darüber hinaus haben wir ein gutes Radwegenetz. Zwischen Markkleeberg und Leipzig soll ja auch noch ein Radschnellweg gebaut werden. Der ist momentan in der Variantenprüfung, welche Trasse die günstigste ist.

    Gibt es Vorhaben, bei denen Sie nicht vorankommen? Wenn ja, woran liegt es?

    Als Bürgermeister habe ich mich daran gewöhnt, dass alles länger dauert, als man denkt. Jede Bebauung, jede Planung dauert gefühlt unendlich lange, weil mittlerweile immer mehr bürokratische Hürden zu bewältigen sind. Diese Genehmigungsprozesse dauern lange – mittlerweile gilt es ja als schnell, wenn ein Projekt innerhalb von zwei bis vier Jahren umgesetzt ist. Es geht mir nicht darum, dass das eine wichtiger ist als das andere – Naturschutz, Brandschutz und so weiter – aber das Verfahren müsste schneller gehen.

    Wie wichtig ist Ihnen Umwelt- und Naturschutz?

    Als Stadt engagieren wir uns schon länger in der Thematik Klimaschutz. Wir sind seit 2014 beim European Energy Award, die letzte Zertifizierung haben wir 2019 erhalten. Es gibt ein Klimaschutzkonzept für Markkleeberg. Mir war es wichtiger, dieses Programm im Stadtrat zu beschließen, als den Klimanotstand auszurufen. Ich sehe es so: Wenn ich den Notstand ausrufe, habe ich schon fast aufgegeben. Lieber wollte ich Maßnahmen beschließen, die in den nächsten Jahren umgesetzt werden sollen.

    Auf der anderen Seite spielt auch die Sozialverträglichkeit mit den Maßnahmen für den Klimaschutz eine Rolle. Ein privater Investor, der etliche Auflagen erfüllen muss, wie den Bau von Photovoltaikanlagen und die Nutzung nachhaltigen Materials – das macht er, doch die Kosten schlagen sich am Ende auf die Mieter/-innen nieder. Das ist momentan noch ein großes Problem. Geld ist eben ein begrenzender Faktor und ist in einer Kommune nicht unendlich vorhanden.

    Sie haben sich 1999 dafür eingesetzt, dass Markkleeberg selbstständig bleibt. Warum war und ist Ihnen das so wichtig?

    Damals gab es einen Bürgerentscheid, in dem sich knapp 98 Prozent für die Selbstständigkeit aussprachen. Die Alternative wäre gewesen, dass Markkleeberg ein Stadtteil von Leipzig geworden wäre. Dann hätten wir vor Ort nicht wirklich über die Entwicklung der Stadt entscheiden können. Es war uns wichtig, dass die Stadt allein lebensfähig und leistungsstark ist. Es ist schön, zu gestalten und nicht nur zu verwalten.

    Welche Projekte stehen in Zukunft an?

    Die Projektliste ist lang. Die Entwicklung im Stadtzentrum muss weitergehen: die sogenannte „Neue Mitte“. Wir haben ein tolles Sportbad, einen wunderschönen historischen Bahnhof, der samt Vorplatz neu saniert ist. Das muss sich weiterziehen bis zum Ring. Dort gibt es noch Baufelder, die gestaltet werden sollen. Zur Gestaltung des öffentlichen Raums gehört natürlich auch Grün. Das kam im ersten Abschnitt etwas kurz, das gebe ich zu.

    Wichtig ist auch die Entwicklung im Sportpark Camillo Ugi, der muss auf Vordermann gebracht werden. Dort müssen mindestens sechs Millionen Euro investiert werden. Außerdem freue ich mich auf die erste Jugendherberge hier im Süden von Leipzig, die am Markkleeberger See entstehen soll. Ein Traum von mir ist der Agrapark; auch der soll sich weiterentwickeln. In zehn bis 15 Jahren haben wir hier eine Gartenschau, das wäre mein Traum.

    Haben die Bürger/-innen in Markkleeberg alles, was sie brauchen, beispielsweise Geschäfte und Freizeitangebote?

    Es gibt viele Geschäfte hier, die sind fast alle belegt. Dort, wo ein Laden leersteht, wartet in der Regel schon der oder die nächste Besitzer/-in. Im Gegensatz zu anderen Kleinstädten im ländlichen Raum haben wir eine gute Einkaufsstraße. Die Masse der Kaufkraft fließt von Markkleeberg nach Leipzig. Dennoch schaffen es die Geschäfte hier, zu überleben – mit Qualität und einem guten Angebot. Markkleeberg hat eine hohe Lebensqualität. Nicht umsonst wird die Stadt in Magazinen oft als „beliebtester Wohnstandort in Sachsen“ bezeichnet. Das hat Vor- und Nachteile.

    Das Markkleeberger Rathaus. © Birthe Kleemann

    Es ist Ausdruck der guten Lebensqualität, die wir uns alle zusammen erarbeitet haben. Niemand schenkt uns das – dass es hier ausreichend Kitaplätze gibt, dass wir die verkehrliche Infrastruktur hier haben, wie sie ist. Ein Nachteil ist das Preisniveau. Der Immobilienmarkt ist außer Rand und Band. Eine „einfache“ Familie kann sich hier kein Grundstück leisten.

    Die Kommune kann diese Entwicklung nicht beeinflussen. Viele wollen hierherziehen, dadurch explodieren die Preise. Wir sind die Stadt in Sachsen mit dem höchsten Durchschnittseinkommen. Wir müssen aber auch auf das soziale Gefüge achten; die Schere zwischen Arm und Reich ist hier besonders groß. Da ist eine besondere Herausforderung und Verantwortung in der Stadt.

    Wie schätzen Sie das politische Klima in der Stadt ein?

    In Markkleeberg ist es eher von einem konstruktiven Sachdialog gekennzeichnet. Im Prinzip findet hier weniger Parteien- als Sachpolitik statt. Ich gebe mir Mühe, dass wir mit den Stadträt/-innen zusammenarbeiten und die Informationspolitik gut funktioniert. Wenn ich es mit anderen Städten vergleiche, denke ich, dass wir hier in der Stadt sehr gut aufgestellt sind.

    Springen Sie öfter nach Feierabend in den See?

    Nein, dafür habe ich leider keine Zeit. Außerdem wäre ich dort nicht allein. Irgendwann möchte ich aber auch mal zur Ruhe kommen. Früher als Lehrer habe ich es aber sehr genossen, in Freistunden mal an den See zu fahren.

    „Interview mit Karsten Schütze (SPD), Oberbürgermeister von Markkleeberg: „Bürokratische Hürden müssten schneller zu bewältigen sein““ erschien erstmals am 30. Juli 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 93 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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