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„Man muss Platz machen für neue Ideen“: Der scheidende Wurzener Bürgermeister Jörg Röglin blickt auf fast 14 Jahre im Amt zurück

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    Jörg Röglin ist in Wurzen aufgewachsen und seit fast 14 Jahren Oberbürgermeister der Stadt an der Mulde. Im Interview mit der Leipziger Zeitung (LZ) redet er über Projekte, die ihm in Wurzen am Herzen liegen, sowie darüber, welche Probleme die Stadt hat und warum er nächstes Jahr nicht noch einmal zur Bürgermeisterwahl antritt.

    Guten Tag, Herr Röglin. Wie kam es nach Ihrer bewegten beruflichen Biographie dazu, dass Sie Bürgermeister wurden?

    Ich stand mit einem guten Freund an einem Bierwagen, der zu mir sagte, dass man mit dem damaligen Bürgermeister nicht zufrieden sei. Eher aus Spaß meinte ich dann: „Dann muss ich das wohl übernehmen.“

    Keine zwei Jahre später, 2008 also, war ich dann Bürgermeister und bin es seitdem. Und bis zum 31. Juli 2022 werde ich es noch bleiben. Ich werde meine Amtszeit danach also nicht verlängern.Wie haben Sie Wurzen 2008 übernommen?

    Die Stadt hatte viel Potenzial und mehr Aufmerksamkeit verdient. Wurzen hatte einen ziemlich schlechten Ruf. Nicht nur, was die Neonazi-Szene anging. Auch mit unseren Nachbarn waren wir nicht gut gestellt. Wir waren immer die „Bösen von der anderen Seite der Mulde“ sozusagen. Ich denke, mir ist es gelungen, das in den letzten 14 Jahren zu ändern.

    Wie ist das Verhältnis zu den umliegenden Kommunen inzwischen?

    Wir haben inzwischen eine starke Zusammenarbeit zwischen vier Kommunen: Wurzen, Bennewitz, Thallwitz und Lossatal. Wir haben uns zusammengeschlossen zum „Wurzener Land“. Damit kann sich jeder Bürgermeister und jede Verwaltung auf spezielle Themen konzentrieren.

    Der Kollege Laqua aus Bennewitz ist Profi im Thema Breitbanderschließung. Der Kollege Pöge aus Thallwitz hat die Energieversorgung fest im Blick. Kollege Weigelt aus Lossatal beschäftigt sich mit dem Thema Stadtentwicklung für uns alle und mein Steckenpferd ist nach wie vor Digitalisierung. Da gibt es noch viel Nachholbedarf.

    Sie sprachen gerade schon von Defiziten bei der Digitalisierung und der Neonazi-Szene in Wurzen. Mit welchen Problemfeldern wird sich Ihr Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin außerdem konfrontiert sehen?

    Ich glaube, eines der größten Probleme, das wir haben, ist das der Demographie. Wir werden als Kommune zunehmend in die Situation kommen, dass wir unsere Aufgaben nicht mehr erfüllen können. Es wird uns schlicht und ergreifend an Personal mangeln. Die Menschen werden alt und keine jungen kommen nach.

    Mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird sich überlegen müssen, welche kommunalen Dienstleistungen man noch anbieten kann und in welcher Weise.

    Welche kommunalen Dienstleistungen sind denn besonders „bedroht“?

    Wir haben beispielsweise erhebliche Probleme, Pflegepersonal zu bekommen. Auf dem Parkplatz des Krankenhauses haben wir an den Autofenstern der Mitarbeiter Anwerbe-Zettel des Uniklinikums Leipzig gehabt. Das spiegelt sich auch in der Verwaltung wider. Die Leipziger Verwaltung wird in den nächsten Jahren hunderte neuer Verwaltungsmitarbeiter brauchen.

    Zum hohen Maße werden diese aus den Kommunen im Umland kommen. Dasselbe gilt auch für die Lehrer und Kindergarten-Erzieher. Wir befinden uns in einem Wettbewerb um Mitarbeiter.

    Welche längerfristigen Strategien und Projekte in der Stadt Wurzen liegen Ihnen ganz persönlich am Herzen?

    Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ
    Die letzte LZ des Jahres 021, Nr. 97 Titelblatt. Foto: Screen LZ

    Ich habe eine Version von einer digitalen Verwaltung. Das haben wir angefangen mit unserem Projekt „Rathaus-Cloud“. Ich möchte, dass wir dem Bürger die Möglichkeit geben, Verwaltungsprozesse so in Anspruch zu nehmen, wie das die meisten vielleicht von ihrem Online-Banking gewohnt sind. Andererseits bin ich auch fest davon überzeugt, dass wir mit dem Wurzener Land einen richtigen Ansatz gewählt haben.

    Bei der Kooperation gibt es natürlich weiterhin noch ganz viel Potenzial. Und da bestehen natürlich auch potenzielle Lösungen für den Fachkräftemangel, der auf uns zukommt. Wenn man bestimmte, vor allem bürgerferne Aufgaben zentral bündelt.

    Sie scheinen ja noch ziemlich viele Visionen für die Zukunft zu haben. Was hat Sie trotzdem zu der Entscheidung bewogen, das Amt des Bürgermeisters ab nächstem Jahr niederzulegen?

    Zum einen habe ich noch mal eine kleine bezaubernde Tochter bekommen. Und mit der möchte ich ein bisschen mehr Zeit verbringen. Das Bürgermeister-Amt ist ein sehr einnehmender Job, der nicht nach den Geschäftszeiten der Stadtverwaltung endet, sondern in kulturellen Abendveranstaltungen oder abendlichen Vereinstreffen weitergeht. Das geht natürlich ganz schön an die Substanz. Hinzu kommt: Wenn ich noch mal etwas anderes machen will, dann jetzt. Wohin mich mein Weg führt, wird die nächste Zeit zeigen.

    Außerdem gab es mal Zeiten, in denen konnte ich mit dem Stadtrat große Dinge anpacken – so etwas wie die Kooperation des Wurzener Landes beispielsweise. Ich glaube nicht, dass ich mit dem Stadtrat, so wie er jetzt aufgestellt ist, noch mal solche Sachen aus der Taufe heben kann. Da muss man dann einfach Platz machen, um neue Ideen ins Spiel zu bringen. Und auch neue Personen, die in diesem Fall vielleicht mehr Glück und Überzeugungskraft mitbringen.

    Woran genau scheitert die derzeitige Zusammenarbeit mit dem Stadtrat?

    In letzter Zeit war da vor allem die Personalfrage das große Ding. Wir sind seit eineinhalb Jahren ohne Fachbereichsleiter für Kämmerei und Personal. Diesen Zustand wollte ich ändern. Der Stadtrat hat meinem vorgelegten Plan nicht folgen können.

    Das hat dafür gesorgt, dass weitere Personen stressbedingt ausgefallen sind. Die Mitarbeiter haben nahezu gefleht und gebettelt, dass sie einen Vorgesetzten brauchen. Aber es wurde nicht reagiert.

    Was sind Ihre größten Wünsche für Wurzen für die nächsten Jahre und Jahrzehnte?

    Ich hoffe, dass die Idee des Wurzener Landes sich fortsetzt. Das tolle Projekte angestoßen werden, Vereine sich vernetzen und Probleme gemeinsam gelöst werden. Das ist mein größter Wunsch nach meiner Amtszeit.

    Zur Person: Jörg Röglin wurde 1970 in Wurzen geboren und hat drei Kinder. 1989 schloss er seine Berufsausbildung mit Abitur zum Maschinen- und Anlagenmonteur in Grimma ab. Im Anschluss an den Wehrdienst absolvierte er in Mittweida ein Studium zum Diplom-Ingenieur für Informationstechnik. Bevor Röglin 2008 zum Oberbürgermeister in Wurzen gewählt wurde, arbeitete er mehrere Jahre beim MDR sowie der ECG Erdgas-Consult GmbH in Leipzig als Team- und Projektleiter.

    „„Man muss Platz machen für neue Ideen“: Der scheidende Wurzener Bürgermeister Jörg Röglin blickt auf fast 14 Jahre im Amt zurück“ erschien erstmals am 17. Dezember 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 97 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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