Was 150 Jahre Industriezeitalter mit Sachsens Flüssen gemacht haben, das lässt sich nicht in wenigen Jahren reparieren. Es ist eine Generationenaufgabe, die Flüsse wieder zu sauberen, artenreichen Fließgewässern zu machen. Das sächsische Umweltministerium spricht zwar tapfer von einem „extrem hohen Handlungsbedarf“, wenn die Ziele der EU-Wasserrahmenrichtlinie bis 2027 erreicht werden sollen.

Aber das „extrem hoch“ ist fast ein Euphemismus. Tatsächlich bestätigt das Ministerium, dass für die meisten sächsischen Flüsse diese Ziele bis 2027 nicht erreicht werden können.

Da freut man sich natürlich über kleine Fortschritte, etwas wenn das Ministerium jetzt seine Bilanz für die vergangenen sechs Jahre vorlegt.

Nur ein Bruchteil untersuchter Gewässer mit Note „gut“

Darin heißt es: „Der Indikator wird alle sechs Jahre entsprechend der Bewirtschaftungszeiträume nach WRRL erfasst (2009, 2015, 2021). Einen ‚guten ökologischen Zustand‘ erreichten 2009 nur 3,7 Prozent und im Jahr 2015 nur 3,2 Prozent der natürlichen Fließgewässer. Im Jahr 2021 stieg dieser Anteil auf 6,6 Prozent (= 37 Wasserkörper) an. Wie bisher konnte eine sehr gute ökologische Bewertung nur von Einzelkomponenten erreicht werden, nicht aber für die Gesamtbewertung eines Fließgewässers. – In Deutschland erreichten 2021 circa 8 Prozent der bewerteten Fließgewässer mindestens den guten ökologischen Zustand. Die Verteilung ist regional sehr unterschiedlich, wobei dünn besiedelte waldreiche Regionen höherer Lagen den höchsten Anteil haben.“

Der ökologische Zustand der Fließ- und Standgewässer in Sachsen. Grafik: SMEKUL /Sächsische Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen 2022-2027
Der ökologische Zustand der Fließ- und Standgewässer in Sachsen. Grafik: SMEKUL /Sächsische Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen 2022-2027

Nach Einschätzung des SMEKUL liegt Sachsen damit im Mittelfeld aller Bundesländer. Und natürlich hat es mit denselben Problemen wie die anderen Bundesländer zu kämpfen.

„Die häufigsten Ursachen für das Nicht-Erreichen des ‚guten ökologischen Zustands‘ in Sachsen sind die Veränderungen der Hydromorphologie einschließlich der fehlenden Durchgängigkeit der Fließgewässer sowie die teilweise hohen Nährstoffbelastungen, die sich in einer deutlichen Veränderung der natürlichen Lebensgemeinschaft niederschlagen“, beschreibt das Ministerium die Gemengelage.

Hydromorphologie, das sind die viele künstlichen Veränderungen der Bäche und Flüsse – Eindeichungen, die die Flüsse von ihren Auen abschneiden, Wehre, Aufstauungen, Kanalisierungen. Wo Flüsse so ins Korsett gezwängt sind, fehlen ihnen Sandbänke, Mäander, können sich keine lebendigen Ufergesellschaften ausbilden, fehlt es an Vogel- und Fischvielfalt. Und die Flüsse haben ihre Selbstreinigungskräfte verloren.

Die dramatischen Folgen des Bergbaus

Und gerade im Raum Leipzig kommt noch ein anderer Faktor hinzu: „Daneben spielen in Sachsen Einflüsse aus historischem und aktivem Bergbau sowie in geringem Umfang auch spezifische lokale Belastungen eine Rolle.“

Was dann auch zur kompletten Umverlegung ganzer Flüsse und der Abbaggerung einst reicher Auenlandschaften geführt hat. Das zu reparieren, wird noch Jahrzehnte brauchen und dazu enorme Investitionen.

Und so zieht das SMEKUL für 2021 das letztlich deprimierende Fazit: „Trotz Steigerung des Anteils der Wasserkörper im guten Zustand ist in Anbetracht der Zielerreichungsfristen der WRRL bis spätestens 2027 ein extrem hoher Handlungsbedarf in Bezug auf den ökologischen Zustand der Fließgewässer deutlich zu erkennen.“

Der aktuelle Stand ist in der neuen Broschüre „Sächsische Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen 2022 -2027“ nachzulesen.

Die Wahrheit steckt dann in den Bewertungen jedes einzelnen Flussabschnitts. Und da steht in fast allen Fällen eine Aussage, die vorhergehende Landesregierungen sich nicht getraut haben, so deutlich zu formulieren. Zur „Prognose Erreichen Guter ökologischer Zustand“ steht da zum Beispiel in den meisten Fällen: „nach 2027“. Und zu „Prognose Erreichen Guter chemischer Zustand“ meistens „nach 2045“.

Wobei die Probleme beim chemischen Zustand nicht nur mit heutigen Einträgen aus Landwirtschaft oder Klärwerken zu tun haben, sondern auch mit der hohen chemischen Belastung der sächsischen Flüsse aus der industriellen Vergangenheit.

Entwicklung der Grundwasserkörper in Sachsen seit 2015. Grafik: SMEKUL / Sächsische Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen 2022-2027
Entwicklung der Grundwasserkörper in Sachsen seit 2015. Grafik: SMEKUL / Sächsische Beiträge zu den Bewirtschaftungsplänen 2022-2027

Und wie schon mehrfach berichtet, wird gerade die Renaturierung der Flüsse im Gebiet Leipzig eine Riesenaufgabe. Wobei hier noch ein weiteres Problem hinzukommt: die massive Absenkung der Grundwasserkörper durch den Bergbau, was sich gerade im Leipziger Südraum auch massiv auf die Wasserführung der Fließgewässer auswirkt.

Im Norden Leipzigs gab es sogar nach 2015 massive Rückgänge im Grundwasserkörper, deren Hauptursache die vielen trockenen und regenarmen Jahre in dieser Zeit gewesen sein dürften. Was die Frage ja noch verschärft: Wie bringt man die Gewässer wieder in Ordnung, wenn gleichzeitig immer öfter Dürren das Land heimsuchen?

Die zerstörte Morphologie der Leipziger Flüsse

Und dass noch nicht einmal die nötigen Pläne auf dem Tisch liegen, wie die Flüsse im Raum Leipzig wieder in Ordnung gebracht werden sollen, macht die Einzelauswertung deutlich.

Einschätzung des Zustands der Flüsse im Leipziger Gebiet. Grafik: SMEKUL
Einschätzung des Zustands der Flüsse im Leipziger Gebiet. Grafik: SMEKUL

So kommt die komplette Parthe auch 2021 in keinem Abschnitt sowohl beim ökologischen als auch beim chemischem Zustand über die Note 4 hinaus, hat im größten Teil sogar nur die Note 5. Und das liegt nicht nur an diffusen Einträgen, die das Wasser hochgradig belasten.

Die Nördliche Rietzschke ist bei beiden Zuständen eine Katastrophe – beide Mal eine Note 5.

Die Neue Luppe, die ja am Rosental als Kanal vom Elsterbecken abgeht, ist in ihrem kompletten Verlauf in schlechtem Zustand – Note 4. Eben ein Kanal und nicht ansatzweise ein Fluss.

Dasselbe gilt für den größten Teil der Pleiße, die stark kanalisiert ist und nur abschnittsweise chemisch und ökologisch die Note 3 erreicht, sonst aber nur die 4.

Und ganz ähnliche Werte erreicht dann logischerweise auch nur die Weiße Elster im Leipziger Gebiet, die man teilweise wohl eher Braune Elster nennen könnte.

Die nicht umsetzbaren Pläne des WTNK

Und es verblüfft keineswegs, dass ein Wort zur Begründung für den schlechten Gewässerzustand bei allen Leipziger Flüssen auftaucht: Morphologie.

Kanalisiert und verockert: Pleiße bei Markkleeberg. Foto: Ralf Julke
Kanalisiert und verockert: Pleiße bei Markkleeberg. Foto: Ralf Julke

Alle diese Flüsse sind historisch so stark verändert, eingeengt und kanalisiert worden, dass sie ihre Flussfunktion nicht mehr erfüllen können. Da hilft nicht einmal, wenn man die Abwässer besser klärt und andere Schadstoffeinträge minimiert. Wenn die Flüsse sich nicht selbst heilen und reinigen können, werden sie auch nicht wieder die von der EU verlangten Qualitäten erlangen. Sie brauchen Mäander, Inseln, Sandbänke, um eine gesunde Wasservegetation auszubilden und Lebensraum für Tiere zu bieten.

Diskutiert wird in Leipzig derzeit ja nur über das Auenprogramm für die Weiße Elster, mit dem die Auwälder im Leipziger Stadtgebiet endlich wieder Teil des Flusssystems werden sollen.

Aber um eine Diskussion über den Zustand der Pleiße im Leipziger Süden oder gar den geradezu vergessenen Zustand der Parthe haben sich auch die politischen Gremien bis jetzt herumgedrückt. Auch dort geht es letztlich darum, den Flüssen wieder Raum zurückzugeben. Nur würde das etwa bei der Pleiße bedeuten, dass ein weiterer Teil des umstrittenen „Wassertouristischen Nutzungskonzepts“ (WTNK) gestrichen werden muss. Wogegen es massiven Widerstand aus einigen Interessengruppen gibt.

Die Kleine Pleiße in Markkleeberg wird ja nun seit einigen Jahren als mögliche neue Bootsverbindung zum Markkleeberger See diskutiert. Und das, obwohl auch die Kleine Pleiße in einem gerade einmal mittelmäßigen Zustand ist: Note 3 bei Chemie und Ökologie. Und auch hier ist einer der Gründe: die Morphologie, heißt: die künstliche Einhegung des Flüsschens, das eben auch auf weiter Strecke nur ein Kanal ist.

Was sich ja, sollten sich die Befürworter einer Bootsnutzung durchsetzen, dann auch noch dauerhaft verfestigt. Oder mit anderen Worten: Die Pläne des WTNK widersprechen an dieser und anderen Stellen komplett der Wasserrahmenrichtlinie der EU. Sie erzählen von einem obsoleten technischen Denken, das Natur immerfort in Wert setzen und zähmen will und ihr damit sämtliche Räume abschneidet, wo sie sich selbst wieder regenerieren könnte.

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