Kommentar zu RB Leipzig: Das Märchen vom gekauften Erfolg

Für alle LeserVielen Fußball-Fans in Deutschland fällt es schwer, die sportliche Leistung des künftigen Champions-League-Teilnehmers RB Leipzig anzuerkennen. Der Emporkömmling habe sich den Erfolg nicht wirklich verdient, sondern einfach „gekauft“, heißt es häufig. Doch ein Blick auf die Zahlen zeigt: Das stimmt nicht.

Rasenballsport Leipzig hat gleich in seiner ersten Bundesliga-Saison die Champions League erreicht. Am drittletzten Spieltag sicherte ein 4:1 bei Hertha BSC die direkte Qualifikation für den wichtigsten internationalen Wettbewerb. Nie zuvor war dies einem Verein in seiner allerersten Bundesliga-Saison gelungen. Was war geschehen? Ein Wunder?

Natürlich nicht. Jüngere Fußballwunder waren die Meisterschaft von Leicester City im vergangenen Sommer oder das 6:1 des FC Barcelona im Achtelfinalrückspiel der diesjährigen Champions-League-Saison. Dass sich der ordentlich bestückte Kader von RB Leipzig für den Europapokal qualifiziert, ist allenfalls eine Überraschung – wenn überhaupt. Sucht man in der laufenden Bundesliga-Saison nach so etwas wie Wundern, wird man eher beim derzeit fünftplatzierten Mitaufsteiger SC Freiburg fündig.

Wenn am Samstagabend ein „kicker“-Redakteur auf Twitter schreibt „Die Meisterschaft des 1.FC Kaiserslautern 1998 war ein Wunder. Die Champions-League-Qualifikation von RB Leipzig 2017 war ein Plan.“, ist deshalb am Wortlaut der Aussage erst einmal nichts auszusetzen.

Problematisch ist jedoch das, was der Autor zwischen den Zeilen eigentlich meint und was die mehr als 500 Twitter-User, die den Eintrag favorisiert haben, dort lesen: Der Erfolg wurde am Reißbrett konstruiert, ist aber nicht wirklich Ergebnis eines erfolgreich bestrittenen sportlichen Wettbewerbs. Oder anders formuliert: Scheinbar haben die Verantwortlichen bei RB Leipzig einfach mal 100 Millionen Euro in eine Blackbox gesteckt, den „Champions League“-Knopf gedrückt und halbwegs geduldig auf den erwünschten Auswurf gewartet. Das entspricht natürlich nicht ansatzweise der Realität.

Sicherlich ist RB Leipzig kein normaler Bundesliga-Aufsteiger – in vielerlei Hinsicht nicht. Doch Fakt ist: Vor der Saison zählte RBL nicht zu den Favoriten auf einen Europapokalplatz. Wer damals einen Blick auf den „Marktwert“ des Kaders geworfen hat, sah Bayern München mit weitem Abstand ganz oben. Es folgten Borussia Dortmund und das Quartett aus Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, VfL Wolfsburg und Schalke 04. Die ersten sechs Plätze waren also eigentlich schon vergeben – ginge es nur um Geld.

RB Leipzig fand sich im sehr breiten Mittelfeld der Liga wieder. Nicht umsonst variierten die Einschätzungen zum Saisonziel ursprünglich zwischen Europa League (optimistisch) und Abstiegskampf (pessimistisch).

Geniales Sextett: Poulsen, Werner, Sabitzer, Forsberg, Demme und Keita. Foto: GEPA Pictures

Geniales Sextett: Poulsen, Werner, Sabitzer, Forsberg, Demme und Keita. Foto: GEPA Pictures

Fakt ist auch, dass die Planer bei RB Leipzig schlicht einen hervorragenden Job gemacht haben. Clubs wie Wolfsburg, der HSV oder – eine Liga tiefer – 1860 München zeigen jede Saison aufs Neue, wie man viel Geld auf beeindruckende Weise verschleudern kann. Das Team um Sportdirektor Ralf Rangnick und Trainer wie Alexander Zorniger und Ralph Hasenhüttl ist den anderen Weg gegangen und hat sinnvoll investiert: in junge Kicker, die in ein über viele Jahre perfektioniertes Spielsystem passen.

Konnte man diese Spieler nur deshalb kaufen, weil dank Red Bull unerschöpfliche Geldvorräte zur Verfügung standen? Schaut man sich an, wer in dieser Saison die Stützen des Teams waren, stellt man fest, dass diese Spieler überwiegend für vergleichsweise wenig Geld geholt wurden.

Die Innenverteidiger Orban und Compper kamen für insgesamt 2,5 Millionen Euro. Mittelfeldmotor Demme wurde bereits vor vier Jahren für 350.000 Euro verpflichtet. Die Offensivkünstler Forsberg, Sabitzer und Poulsen kosteten zusammen sieben Millionen Euro. Lediglich der im vergangenen Sommer geholte Werner schlug mit zehn Millionen Euro etwas deutlicher zu Buche.

Bliebe noch Keita – ein Sonderfall. Der Transfer des Ausnahmetalents hat RB Leipzig offiziell 15 Millionen Euro gekostet – allerdings ging das Geld an den Partnerclub in Salzburg und blieb somit in der Familie. Aussagekräftiger ist da schon die Summe, die die Österreicher vor drei Jahren für Keita nach Frankreich überwiesen haben: 1,5 Millionen Euro.

Nahezu alle Akteure, die in dieser Saison maßgeblich am Erfolg der Rasenballer beteiligt waren, kamen rückblickend zum Schnäppchenpreis nach Leipzig beziehungsweise zu Red Bull. Spieler wie Forsberg, Sabitzer oder Poulsen sind schon seit mehreren Jahren in Leipzig aktiv. Rangnick erkannte ihr Potential frühzeitig – im Gegensatz zu zahlreichen finanzkräftigen Bundesligaclubs, die sich gegen den damaligen Zweit- beziehungsweise Drittligisten locker hätten durchsetzen können.

RB Leipzig hat keine Wunder vollbracht, sondern tatsächlich schlicht einen Plan verfolgt: konsequent und äußerst erfolgreich seit nunmehr fünf Jahren. Dass Teams mit ähnlichen oder gar besseren Voraussetzungen dazu offenbar nicht in der Lage waren, ist nicht die Schuld des neuen, überraschenden Champions League – Teilnehmers.

Leserbrief 1 zum Kommentar zu RB Leipzig: Das Märchen vom gekauften Erfolg

Leserbrief 2 zum Kommentar über RB Leipzig „Das Märchen vom gekauften Erfolg“ + Antwort der Redaktion

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