Es ist ein bemerkenswerter Vorschlag, den Wladimir Putin da in die Welt gesetzt hat: Gerhard Schröder als Vermittler im Ukrainekrieg. Der Ex-Kanzler, Gazprom-Lobbyist, Putin-Vertrauter – und damit, folgt man einer gewissen politischen Logik, vielleicht tatsächlich jemand, der einen Draht dorthin hat, wo andere nur gegen Wände reden.

Nein, man muss diesen Vorschlag nicht gut finden. Ja, man darf ihn für zynisch halten. Aber man sollte ihn – ernsthaft – diskutieren dürfen, ohne sofort in die Schublade des Vaterlandsverräters, naiven Appeasers oder in die des „Kreml-Kumpels“ gesteckt zu werden.

Das geschieht nicht. Stattdessen erlebt man dieser Tage eine politische Linke, die sich mal wieder selbst überholt.

Dass von der CDU nichts kommt außer Schuldenbremsen-Dogma, angeblichen Gesundheits- und Rentenreformen, die diesen Namen nicht verdienen, und einem Sparwillen, der sich stets zuerst dort austobt, wo die Schwächsten wohnen oder am Existenzrand taumeln – das überrascht nicht. Das ist ihr Programm, seit Jahrzehnten.

Frühestens seit dem Zeitpunkt, als es die östliche Systemkonkurrenz nicht mehr gab – und spätestens seitdem man Menschen durch die Vorspiegelung fremder Freiheitsbedrohung in Angst und Schrecken versetzen kann. Friedrich Merz spricht von Stärke und meint Kürzung; er spricht von Reform und meint Zumutung. Und das Perfide: Wer so regiert, wer Sozialleistungen kaputtredet und gleichzeitig das Gefühl verbreitet, der Staat könne sich seine Bürger nicht mehr leisten – der düngt den Boden, auf dem die AfD gedeiht.

Nicht aus Versehen. Aus Gleichgültigkeit, die sich Sachzwang nennt. Hatten wir alles schon einmal. Deflation unter Brüning ab 1930. Konnte man ja nichts dafür, angesichts der Weltwirtschaftskrise und des Versailler Vertragssystems. Aus der Geschichte lernen? Fehlanzeige. Sie wissen und wollen es nicht besser. Die Konservativen – wieder einmal die Totengräber einer Demokratie?

Aber die anderen. Die, die es besser wissen müssten – und die wirklich links wären, wenn sie es ernst nähmen mit dem Wort. (Was heißt heute eigentlich „links sein“?)

Boris Pistorius gibt dieser Tage wieder den Staatsmann in Feldherrenmontur – mit Panzern im Hintergrund, Entschlossenheit im Blick, Aufrüstungsrhetorik im Gepäck. Man muss nicht besonders weit in der SPD-Geschichte blättern, um zu verstehen, dass es diesen Typus schon einmal gab: den Sozialdemokraten – vor über 100 Jahren –, der sich in Krisenzeiten die Sprache der anderen Seite aneignet und sie so überzeugend spricht, dass man vergisst, woher er kommt. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist nicht Loyalität – die zeigt er ja reichlich. Es ist die Frage, wem gegenüber er sie zeigt.

Wenn Katrin Göring-Eckardt, olivgrün uniformiert wie die Grundstimmung ihrer Fraktion, tapfer mitmarschiert in einer Debatte, die sich vorrangig um Waffenlieferungen und Verteidigungsfähigkeit dreht, während bezahlbarer Wohnraum in Leipzig, Berlin und Hamburg zur realen Lebensbedrohung für Hunderttausende wird – dann hat sich etwas verschoben. Grundlegend.

Linke Politik – das war einmal. Wessen Leben ist wie erträglich? Wer kann wohnen? Wer kann heizen? Wer kommt durch den Monat? Diese Fragen sind nicht verschwunden. Sie sind nur aus dem Zentrum des Diskurses verdrängt worden, ersetzt durch Kämpfe, die leichter zu führen sind, weil sie keine Umverteilung erfordern, keine strukturellen Eingriffe, keine wirklichen Feinde aus der eigenen Klientel. Man bleibt unter sich. Wie in einer WhatsApp‑Gruppe. Und zieht sich den Nachwuchs heran, der die gleichen Parolen und Statements daherplappert. Und im Alltag die falschen Kämpfe kämpft.

Gendern kostet (fast) nichts. Identitätspolitik auch nicht – auf den ersten Blick. Auf den zweiten kostet sie genau das, was linke Politik zum Leben braucht: die Zustimmung derer, deren Alltag sie eigentlich beschreiben sollte. Ein Pronomen ist kein Mietpreisdeckel. Ein korrektes Framing ersetzt nicht ökologische Vernunft, die von vielen bezahlt werden kann. Selbstgerechtigkeit ist kein Sozialprogramm.

Und die Friedensfrage? Sie ist – das muss man nüchtern sagen – zur Zumutung geworden in einem sich progressiv wähnenden Milieu, das sich früher einmal auf Egon Bahr berufen hätte. Wandel durch Annäherung war und ist keine Naivität, sondern eine jahrzehntelang bewährte Methode. Dass ausgerechnet ein unbequemer Ex-Kanzler heute als möglicher Gesprächskanal erscheint, sagt mehr über den Zustand diplomatischer Fantasielosigkeit als über Schröder. Aber dieser Gedanke findet kaum Raum – zwischen Empörungsreflexen, moralischem Furor und dem geteilten Wunsch, ja nicht als „Putinknecht“ zu gelten.

Es wäre gut und würde Glaubwürdigkeit zeigen, hier ein Gleichgewicht zumindest zu simulieren und zu sagen: „Alle haben Fehler gemacht. Stimmt ja auch. Aber enttäuschend ist nur, wer etwas anderes versprochen hat. Die CDU liefert, was sie immer geliefert hat – und schaufelt dabei der AfD das Fundament. Die Linke? Paralysiert vom AfD‑Aufstieg, fremdelt sie einerseits mit den Konservativen, kämpft lobenswert gegen demokratiepolitische Sparmaßnahmen und gegen ihren temporären Bündnispartner im Kampf gegen den sich etablierenden Rechtspopulismus.

Ständig vor dem Sachzwang stehend, absehbar mit dem Neoliberalismus zu koalieren, um den viel schlimmeren Neoliberalismus abzuwehren. In der Zwischenzeit lässt sie sich von „Markus Lanz“ belehren, was Antisemitismus in der heutigen Zeit bedeutet. Offensiv, selbstbewusst, auf Systemfragen hinweisend? Leider Fehlanzeige.

Wir kämpfen die falschen Kämpfe. Oder genauer: Wir lassen uns in sie treiben – von Empörungszyklen, medialer Agenda, von dem stillen Wunsch, auf der richtigen Seite des kulturellen Grabens zu stehen, während der reale Graben zwischen Arm und Reich tiefer und die AfD stärker wird und der Krieg im Osten Europas auf Gespräche wartet, die niemand mehr führen will.

Es ist an der Zeit, die richtigen Kämpfe wiederzuerkennen.

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