Als die Stadtwerke Leipzig mit den Planungen für das neue Gaskraftwerk in der Bornaischen Straße begannen, war mit rasant steigenden Preisen für Erdgas und einem russischen Überfall auf die Ukraine noch nicht zu rechnen. Denn gedacht ist es eigentlich, um Leipzig erst einmal von den Fernwärmelieferungen aus dem Kohlekraftwerk Lippendorf unabhängig zu machen. Im Sommer soll es tatsächlich ans Netz gehen.

„Im Sommer soll das neue Heizkraftwerk Süd angefahren werden“, meldeten die Stadtwerke Leipzig am 10. Mai.

„Die Basis dafür steht: der gigantische Wärmespeicher. Dieser Koloss von Lößnig hat es in sich: 1.800 Megawattstunden Energie oder 43.000 Kubikmeter Wasser kann der 60 Meter hohe Zylinder-Turm in seinem Inneren speichern. Der Wärmespeicher des neuen Heizkraftwerks (HKW) Leipzig Süd prägt nicht nur die Kulisse der Bornaischen Straße, sondern auch den Stolz aller Kraftwerksingenieure. Das im HKW Süd per Gas erhitzte Wasser soll helfen, Leipzig unabhängiger zu machen von dem per Kohle erhitztem Wasser aus dem Kraftwerk Lippendorf.“

„Das Kraftwerk kann“, sagt Projektleiter Thomas Brandenburg, „einen signifikanten Beitrag zur Flexibilisierung unserer Energieträger zugunsten von Wind und Sonne leisten.“

Geplant für die Wasserstoffzukunft

Technisch sind die Turbinen des neuen Kraftwerks nicht nur für die Verbrennung von Erdgas, sondern auch für Wasserstoff ausgelegt.

„Das wird das erste Gaskraftwerk Deutschlands, das komplett mit Wasserstoff betrieben werden kann“, sagt Brandenburg.

Aber es soll nicht irgendwelcher Wasserstoff sein, sondern grüner Wasserstoff, also solcher, der mit Strom aus Solar- und Windkraft erzeugt wird. Solcher Strom steht aber noch gar nicht im Überfluss zur Verfügung, weil der Ausbau der alternativen Energieerzeugung in Deutschland seit Jahren gebremst wurde. Sodass das Verfahren noch energieintensiv und teuer ist.

Das Umschalten auf Wasserstoff lohne sich also erst dann, wenn sehr viel Ökostrom vorhanden ist. Den Prognosen nach, sagt Brandenburg, könne das zwischen 2035 und 2040 so weit sein.

Der riesige Wärmespeicher an der Bornaischen Straße

Steht damit nicht die Inbetriebnahme des neuen Kraftwerks infrage? Nein, stellen die Stadtwerke Leipzig fest. „Das Erdgas, das künftig die emissionsarmen Turbinen im Heizkraftwerk Süd antreiben soll, haben die Stadtwerke längst gekauft – an der Energiebörse, bei Großhändlern wie der VNG. Woher es dann kommt, darüber entscheiden die Stadtwerke nicht mit. Und auch nicht darüber, ob es kommt.“

Der riesige Wärmespeicher ist auf der Bornaischen Straße schon von Weitem zu sehen. Foto: LZ
Der riesige Wärmespeicher ist auf der Bornaischen Straße schon von Weitem zu sehen. Foto: LZ

„Wir gehen aktuell auch davon aus, dass geliefert wird und damit wird das Kraftwerk auch definitiv in Betrieb gehen“, sagt Thomas Brandenburg. „Ob es die ursprünglich avisierten Betriebsstunden läuft, das werden wir sehen.“

Verträge aber sind das eine, die Marktbedingungen aber sind etwas anderes.

Und so formulieren auch die Stadtwerke lieber vorsichtig: „Niemand weiß, wie lange russisches Erdgas noch zur Verfügung steht. Trotzdem geht Brandenburg davon aus, dass sein Kraftwerk laufen kann. Denn es werde zehntausende Haushalte mit Strom und Fernwärme versorgen. In den Notfallplänen des Bundes habe so etwas Priorität. Die Anlage in Leipzig stehe mit auf der Liste der Anlagen, die erst ganz zum Schluss kein Gas mehr geliefert bekämen“.

„Vorher würden aber die energieintensive Industrie und das energieintensive produzierende Gewerbe aus der Gasversorgung rausgenommen werden“, so Brandenburg.

Eine Solarthermie-Anlage auf 140.000 Quadratmetern

Auf dem Gelände des HKW Süd soll deshalb auch noch eine Solarthermie-Anlage entstehen, die mit Sonnenkraft Warmwasser erzeugt.

Zusätzlich soll in Lausen, am westlichen Stadtrand von Leipzig, die mit Abstand größte Solarthermie-Anlage Deutschlands entstehen: Auf einer Fläche von 140.000 Quadratmetern – umgerechnet fast 20 Fußballfelder – sollen zukünftig Sonnenkollektoren Wasser erhitzen.

Darüber hinaus haben die Leipziger Stadtwerke zwei neue Blockheizkraftwerke in Möckern (Diderotstraße) und Lausen (Gerhardt-Ellrodt-Straße) gebaut. Ein drittes folgt in Kürze. Für Ende der 2020er-Jahre ist zudem ein weiteres Biomassekraftwerk geplant.

Insgesamt investiert Leipzig momentan mehr als 300 Millionen Euro in seine neuen Kraftwerke. Allein die Kosten für das HKW Süd belaufen sich auf 180 Millionen Euro. Davon übernimmt der Bund rund zehn Millionen Euro für den Bau des Wärmespeichers.

Ein großer Teil der Investitionen bleibe in Mitteldeutschland, betonen die Stadtwerke: Die Transformatoren kommen von Siemens-Energy aus Dresden und die Generatoren aus Erfurt.

„Der Leipziger Weg – raus aus der Fernwärmeversorgung aus Braunkohle, rein in die Versorgung mit Gas, perspektivisch mit Wasserstoff – ist richtig. Zudem setzen wir nicht alles auf eine Karte und nutzen eine große technologische Bandbreite der Energieerzeugung“, sagt Karsten Rogall, Geschäftsführer der Leipziger Stadtwerke.

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Es gibt 4 Kommentare

Interessant wäre, was für Mehrkosten auf die Leipziger zukommen, die dann die Fernwärme nicht mehr aus Lippendorf bekommen? Die Grünen tun so, als ob Deutschland, mit seinen 2%, das Weltklima retten wird. Lippendorf ist ein modernes Kraftwerk und wird erst Ende der 30-iger Jahre abgeschalten.
Die Fernwäre wird in Leipzig ein teurer Spaß.

@Steffen: Das wird mit den Glaswannen zu tun haben, in denen das Glas geschmolzen wird. Wenn die einmal erkalten kann man das ganze Werk abreißen. Da ein wieder aufschmelzen der darin dann sich bildenden Glasblock technisch nicht möglich ist. Man müsste die Wanne komplett austauschen, diese Investition ohne sicheren Betrieb ist betriebswirtschaftlich nicht realisierbar.

@Elke: Ich habe das so verstanden, dass ein Heizkraftwerk Wärme für private Haushalte zur Verfügung stellt, warum die Glasindustrie bevorzugt werden soll, verstehe ich nicht.

Wenn im nächsten Winter der Erdgas-GAU eintritt und das verfügbare Gas wirklich rationiert werden muss, sollte Leipzig mit dem HKW Süd nicht auf “Notfallpläne” pochen, sondern bis auf weiteres Strom und Fernwärme noch einmal aus Lippendorf in Anspruch nehmen. Dieser Fall muss auch vorbereitet werden. Die LNG-Terminals mitsamt Infrastruktur werden so schnell nicht fertig. Das Gas sollte dann denen zur Verfügung gestellt werden, die keine Alternative haben, z. B. der Glasindustrie und auch Privatverbrauchern. Vielleicht könnt Ihr ab und zu berichten, wie es bei VNG mit den Ressourcen aussieht, ansonsten klingt “wir haben Gas bei VNG bestellt” wie “wir haben Strom aus der Steckdose bestellt”.

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