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Donnerstag, 21. Januar 2021

In alten Zeitungskritiken findet Peter Uhrbach die Wagner-Verehrung des 19. Jahrhunderts wieder

Von Ralf Julke

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    Für dieses Buch, 320 Seiten dick und Nummer 7 der „Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung“, hat sich Peter Uhrbach richtig viel Arbeit gemacht. Man sieht ihn regelrecht vor sich, wie er alte Leipziger Zeitungen durchforstet, Texte dechiffriert und alles ordentlich in den Computer hämmert, so dass wir heute wieder lesen können, was Leipziger Musikkritiker vor 150 Jahren zu Wagner schrieben.

    „Die Tagespresse des 19. Jahrhunderts war für die Bürger die wichtigste und aktuellste Informationsquelle“, schreibt Uhrbach im Vorwort unterm Titel „Richard Wagner in der Leipziger Presse“. „Für die Wagner-Forschung stellt sie eine einzigartige und bisher wenig genutzte Fundgrube dar.“

    Was ja stimmt. Aber nur zum Teil. Denn so einfach ist das mit der Tagespresse ja nicht. Wirklich vielfältig wurde sie erst in den 1890er Jahren. 1892 wurden die „Leipziger Neuesten Nachrichten“ gegründet, 1893 die „Leipziger Volkszeitung“. Womit Leipzig erst zu diesem Zeitpunkt wirklich drei konkurrierende Tageszeitungen hatte – und damit das, was man eine Presselandschaft nennen kann. Das war so ungefähr der Zeitpunkt, als Leipzig die 300.000-Einwohner-Marke überschritt.

    Vorher hatte Leipzig nur eine Tageszeitung – das 1807 gegründete Tageblatt. Es ist dann auch die einzige Tageszeitung für die Wagner-Zeit, die Uhrbach zitieren kann und auch emsig zitiert. Hier schrieben Kritiker wie Dr. Oscar Paul, Carl Kipke oder Bernhard Seuberlich. Und man merkt schon, dass sie sich irgendwann auf Wagner eingeschrieben hatten. Da fehlt dann etwas. Wo blieb der Streit? Vor allem auch, weil dieser Streit fortwährend zitiert wird.

    Das liest sich wie in heutigen Zeiten: Eine regelrechte Bewegung hat sich entwickelt, die sich auch richtig stolz selbst als Wagnerianer bezeichnet, und permanent ist sie in Abwehrschlachten gegen irgendwelche nie genannten Kritiker und ihre Argumente.

    Diese Kritiker werden auch am Ende, nach Wagners rauschhaft inszeniertem Begräbnis 1883, nicht sichtbar. Was einen schon zum Denken bringt. Wie sich das ähnelt. Eine ganze Bewegung bezieht ihr Selbstverständnis aus der fortwährenden Verteidigung gegen nie wirklich erwähnte Kritiker irgendwo da draußen, außerhalb der eigenen Welt.

    Kann Uhrbach das wenigstens ein bisschen aufbrechen? Nicht wirklich. Denn als Ergänzung zieht er die damals in Leipzig erscheinenden musikalischen Zeitungen hinzu – die Allgemeine Musikalische Zeitung (AMZ), das „Musikalische Wochenblatt“ und die „Neue Leipziger Zeitschrift für Musik“.

    Das Problem: Es sind oft dieselben Autoren, die auch hier schreiben. Und sie stehen für ein Leipziger Publikum, das sich eigentlich seit den 1850er Jahren auf Wagner eingeschworen hat und nichts auf den „Meister“ kommen lässt. Regelrecht enthusiastisch wird die gemeinsame Fahrt zur Grundsteinlegung für das Festspielhaus in Bayreuth beschrieben. Erst fließt jede Menge Bier, dann jede Menge Regen.

    Es ist eine der lebendigsten Stellen im Buch. Man wartet ja die ganze Zeit drauf. Wenn schon so wortgewaltig immer wieder betont wird, wie zukunftsweisend die Musik Wagners ist und wie kleinlich alle Angriffe auf seine Art des Komponierens, dann wartet man die ganze Zeit auf den Knall. Oder wenigstens das Auftauchen der Walküren.

    Ritt der Walküren in einer Inszenierung der Metropolitan Opera.

    Aber sie kommen nicht. Am Ende kommt kurz mal der Meister nach Leipzig, ist aber schon kränklich und muss die Jubelfeier vorzeitig verlassen. Da ist Leipzig längst eine Wagner-Hochburg, hat zwei mehr oder weniger emsige Wagner-Vereine. Im Opernhaus hat Angelo Neumann den ganzen Ring inszeniert und richtig Eindruck gemacht. Selbst bei tropischen Temperaturen hält das Leipziger Publikum vier Stunden im Neuen Theater aus, um „Die Walküre“ zu erleben. Was Oscar Paul, der langgediente Musik-Rezensent des „Leipziger Tageblatts“ entsprechend euphorisch würdigt.

    Dieses Publikum ist stolz auf sich selbst. Es geht mit Wagners Schöpfungen um wie mit einem Heiligen Gral. Was sogar eifrig analysiert wird. Man erfährt zwar nicht wirklich, was andere an Wagner und seinen „deutschen“ Festspielen kritisieren, aber man bekommt einen Teil der Argumentation mit, wenn es um die Schaffung einer „deutschen Opernkunst“ geht, um die von Wagner neu zusammengesetzten alten Mythen und die gefeierten Gefühle: hehr, stolz, heldenmütig.

    Es ist das bürgerlich biedere späte 19. Jahrhundert. Haben die Leipziger diese Texte damals tatsächlich gelesen? Was haben sie bei diesem eifrigen Verteilen von Noten eigentlich empfunden? Gerade dann, wenn sie nicht dabei waren und selbst erlebt haben, wie Herr X.und Frau Y. gesungen haben?

    Man erfährt nichts über die Kostüme, die Chöre, die Kulissen. Selbst dann nicht, wenn der fleißige Bühnenmaler gelobt wird. Manchmal lassen die Kritiker ihren Unmut zumindest durchschimmern, wenn ihnen die endlosen gesungenen Dialoge Wagners (in denen ja nun wirklich nichts passiert) nicht weit genug eingekürzt waren, wenn zu viele der ganzen Ankündigungsgesänge ungekürzt dargeboten wurden, dann merkte man das schon mal etwas ingrimmig an, um gleich hernach das frenetisch applaudierende Publikum zu schildern und seinen Stolz darüber auszubreiten, wie wagnerverständig das Leipziger Opernpublikum doch ist.

    Wie gesagt: Ich habe die ganze Zeit auf die Walküren gewartet oder irgendwelche anderen schwertschwingenden Gestalten, die in diese heiligen Hallen einfallen.

    Aber: Wenn die Leipziger tatsächlich nur das, was hier zu lesen ist, über Wagner zu lesen bekamen, dann gab es in Leipzig keinen Wagner-Streit. Dann waren Wagner und seine Landsleute in Leipzig von Anfang an ein Herz und eine Seele. Dann wurden auch seine Jugendwerke bewundert und für verheißungsvoll befunden.

    Und den Ärger einzelner Schauspielbesucher bekamen immer nur die Künstler ab, so wie die Sängerin Ida Buck 1854, die von einem anonymen Leserbriefschreiber im „Leipziger Tageblatt“ regelrecht beleidigt wurde, worauf sie den Auftritt in der nächsten „Lohengrin“-Aufführung schlichtweg verweigerte. Womit diese dann ins Wasser fiel, denn Ida Buck – für die dann Julius Eduard Hartmann eine umfangreiche Verteidigung schrieb – war nicht ersetzbar.

    Hartmann wird sehr deutlich: „Nichts ist gut genug für einen Herrn der heimischen Allerweltskritik; die Ausdrücke, welche halblaut bei jeder Opernvorstellung durch die Männer der sogenannten Haute-volée schwirren, bewegen sich alsdann nicht in den Schranken von Alberti’s Complimenturbuch.“

    Vielleicht hat man die Zeitung damals wegen solcher Stellen gelesen. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hat man sich beim „Leipziger Tageblatt“ mit dem Abdruck „empörter Leserzuschriften“ hernach lieber zurückgehalten. In den Musikzeitschriften sowieso. Dort behandelte man das Leserpublikum sowieso wie ein eingeweihtes Völkchen, das nur darauf wartete, dass der allseits bekannte Rezensent ein paar Tage nach der Premiere (oder der dritten oder fünften Vorstellung) seine Noten für Sänger, Orchester und Intendant verteilte. Über Personen, die zwar nun nach über 100 Jahren wieder namentlich gewürdigt werden.

    Aber man vermisst natürlich ihre Bilder und kurze Lebensläufe. Der so scharf attackierte Theaterdirektor von 1854, Bernhard Rudolf Wirsing, findet sich zum Glück im zweiten Band „Musikstadt in Bildern“ aus dem Lehmstedt Verlag, genauso wie das Bild Carl Riedels, der sich später sehr für Wagner engagierte, und – ein echter Hingucker – der Sänger Eugen Gura, der den Hans Sachs in den „Nürnberger Meistersingern“ sang. Natürlich Angelo Neumann nicht zu vergessen, der Wagner in Leipzig in voller Breite auf die Bühne brachte. Man kann die beiden Bücher also nebeneinander legen.

    Und man vermisst dennoch die Walküren. Oder irgendeinen Unhold, der sich aus den Kulissen traut. Er wird immer nur angedeutet in seinen gar schrecklichen Angriffen auf die Wagner-Welt. Aber er kommt nicht. Er kommt auch nicht zu Wort. Es ist wie in Wagners Bühnendramen selbst. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass sie sich da oben schrecklich prügeln – und dann stehen sie doch nur singend und vorwurfsvoll in der Gegend herum.

    Und dabei freut man sich eigentlich auf die Lektüre, weil Uhrbach, der sich auch eifrig im Leipziger Wagner-Verband engagiert, ja auch ankündigt, man fände in den Texten schon erstaunlich moderne Töne. Ganz so, als hätten Oscar Paul und Kollegen schon eine moderne Wagner-Rezeption vorweggenommen. Aber davon findet man nichts. Was schade ist. Was aber auch zeigt, warum dieser Wagner mit seinen scheinbar so deutschen Mythen in der wilhelminischen Ära so eine Furore machte und zum Star der gut zahlenden Haute-volée wurde, die sich in diesen heroischen Gesängen augenscheinlich selbst wiederfand.

    Es steckt jede Menge von diesem kulturbürgerlichen Selbstbild in den Texten. Etwa, wenn Oscar Paul 1882 über Otto Schelper schreibt (den man als Charakterdarsteller auch in „Musikstadt in Bildern“ findet): „Herr Schelper als ‚Wotan‘ war musikalisch wie auch bezüglich des Spiels, in welchem er lebhaft an die vortreffliche Darstellungsweise des Herrn Scaria erinnerte, sehr gut, und wenn ihm im letzten Aufzuge in der Abschiedsscene einiges mißlang, so wollen wir dies gern der Rührung zuschreiben, die sich vielleicht seiner bemächtigt hatte.“

    Bei solchen Kritikern gingen die Sänger dann wohl mit berechtigtem Bangen auf die Bühne: Gibt es am nächsten Tag ein „vortrefflich“ oder – wie es Herrn Wiegand an diesem Abend geschah – nur ein „zur Zufriedenheit durchgeführt“? Obwohl der Beifall hinterher „ein ungewöhnlicher“ war?

    Aber wer jetzt an sein Schulzeugnis denkt, merkt schon: Einen Eindruck davon, was da am 26. Juni 1882 über die Bühne gegangen ist, bekommt man nicht so richtig. Was schade ist. Immerhin war es eine „Walküre“-Aufführung. Nur den Stimmen der einzelnen Walküren fehlte es „mehr oder weniger an der nötigen Kraft“. Lag das vielleicht an der Akustik? Hat das Orchester den Gesang der Walküren zugeschmettert? Immerhin scheint auch dem Orchester einiges nicht gelungen zu sein, weil es so heiß war, dass sogar die Instrumente in Mitleidenschaft gezogen wurden.

    Man taucht mit Uhrbach ein in eine Welt, die längst vergangen schien. Selbst Theodor Fontane schrieb schon ganz anders, auch wesentlich ironischer über die selbstgefällige Würde des (Berliner) Kulturbürgertums, von Alfred Kerr und Zeitgenossen ganz zu schweigen.

    Aber irgendwie hat sich das in der Wagner-Welt alles bewahrt. Wie in einer Zeitkapsel. Das machen diese enthusiastischen Besprechungen der Wagner-Zeit nur zu deutlich. Man hat die ganze Zeit das Gefühl fortwährender Triumphumzüge. Da hätte es ja 1883 beim Tode des Meisters ein Leichtes sein sollen, Geld für ein Wagner-Denkmal in Leipzig zu sammeln und das Denkmal binnen weniger Jahre hinzustellen. Was aber bekanntlich über 100 Jahre nicht gelang. Und 2013 auch nur deshalb gelang, weil die heutigen Leipziger gelernt haben, ihren „Sohn der Stadt““ mit einer gehörigen Prise Augenzwinkern zu nehmen.

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