Zumindest für die Leser von James Joyce ist die Pariser Buchhandlung „Shakespeare and Company“ eine Legende, weil es Sylvia Beach war, die seinen „Ulysses“ als erste verlegte und Joyce damit zum Welterfolg verhalf. Dass es eigentlich zwei legendäre Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon gab, die beide miteinander zu tun hatten, daran erinnert Uwe Neumahr in diesem Buch. Wobei die ältere, Adrienne Monniers „La Maison des Amis des Livres“, fast vergessen ist. Höchste Zeit für eine Spurensuche.

Für die hat sich der Romanist und Germanist Uwe Neumahr tief in die Archive begeben. Zum Glück gibt es diese Archive. Denn das „öffentliche Gedächtnis“ ist trügerisch. Es hat Löcher und Flecken. Und sortiert die Dinge meist nach Ruhm und Glanz. Auch wenn zumindest die Geschichte der von Sylvia Beach gegründeten Buchhandlung bekannt ist, mit der sie ab 1919 und dann ab 1921 direkt in der Rue de l’Odéon die aktuelle englischsprachige Literatur nach Paris brachte.

Dort lag ihre Buchhandlung dann quasi direkt gegenüber von Adrienne Monniers „La Maison des Amis des Livres“. Und Adrienne Monnier war es auch, die Sylvia Beach half, als Buchhändlerin in Paris zu starten und dann auch die Ladenräume in der Rue de l’Odéon zu finden.

Dabei wollte Uwe Neumahr gar nicht die Geschichte beider Buchhandlungen schreiben, sondern nur jenes Kapitel beleuchten, das in den offiziellen Biografien fast nie erwähnt wird: die Jahre ab 1933, als immer mehr Flüchtlinge aus Deutschland ins französische Exil flohen und insbesondere bekannte Autoren wie Walter Benjamin, Arthur Koestler und Siegfried Kracauer im Freundeskreis von Adrienne Monnier auftauchten.

Aber um diese emsige Netzwerkarbeit von Adrienne Monnier und Sylvia Beach deutlich zu machen, blendet Neumahr in diesem Buch auch immer wieder zurück in die Frühzeit der beiden Buchhandlungen, die Bekanntschaft und enge Freundschaft der beiden Frauen und ihr Bemühen, der modernen Literatur Orte der Begegnung und des Behütens zu schaffen.

Treffpunkte der modernen Literatur

Hier knüpften auch viele erst später Berühmte ihre ersten Kontakte – so wie Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir oder Ernest Hemingway. Ein ganzer Kosmos von bekannten und nicht so bekannten Autoren entstand rund um beide Buchhandlungen und wurde umso wichtiger, je mehr sich in den 1930er Jahren die dunklen Wolken über Frankreich ballten und mit der deutschen Besetzung von Paris auch das Leben und die Sicherheit der beiden Frauen und ihrer Mitstreiter in Gefahr gerieten.

Und dieses Kapitel kommt in den bekannten Veröffentlichungen über beide Buchhandlungen erst recht nicht vor. Auch weil weder Adrienne Monnier noch Sylvia Beach darüber in ihren Erinnerungen schrieben. Obwohl beide all ihre Kraft und ihre Verbindungen einsetzten, um von Verhaftung und Ermordung bedrohten Freunden und Mitstreitern das Untertauchen und die Flucht zu ermöglichen.

Erst recht, als die Besatzer anfingen, die Jüdinnen und Juden zu registrieren und zu internieren. Wie die beiden Frauen halfen, das hat Neumahr akribisch recherchiert. Er lässt aber auch in Streiflichtern umstrittene Akteure dieser Zeit wie Ernst Jünger (der als Offizier in Paris stationiert war) und Gertrude Stein (die als Jüdin Schutz durch das Vichy-Regime erhielt) nicht weg.

So bekommt dieses Kapitel ganz unterschiedliche Facetten, wird auch die durchaus schwierige Frage diskutiert, wie weit Kollaboration gehen kann, darf und nicht sollte. Wie überlebt man in einem Besatzerregime, das nur in den ersten Tagen so etwas wie ein freundliches Gesicht zeigte, nach und nach aber seine ganze Brutalität und Menschenverachtung sichtbar werden ließ.

Mit der kriegsbedingten Flucht der meisten Briten und Amerikaner aus Paris verlor Sylvia Beach praktisch ihre wichtigste Kundschaft. Auch wenn ihr namhafte französische Autoren halfen, mit Lesungen „Shakespeare and Company“ am Leben zu erhalten. Aber spätestens, als Sylvia von der Gestapo abgeholt wurde, war klar, dass es für die legendäre Buchhandlung unter den Deutschen keine Zukunft geben könnte.

Stille Helferinnen

Dass beide Frauen, wo sie konnten, auch den Widerstand unterstützten, erzählt Neumahr in dieser Form wohl auch zum ersten Mal. Nicht jede Hilfsaktion glückte. Das tragische Schicksal Walter Benjamins an der spanischen Grenze ist ja bekannt. Andere Freunde starben im Widerstand. Einige besondere Kapitel bekommt die Fotografin Giséle Freund, die anfangs als Jüdin nach Paris floh und bei Adrienne Monnier Zuflucht fand – aber auch jene Fotomotive, die sie berühmt machten: nämlich die Bildnisse all der berühmten Schriftsteller und Künstler, die in „La Maison des Amis des Livres“ ihre Heimat hatten.

Auch so wird deutlich, welche zentrale Rolle Adrienne Monnier für die damalige französische Literaturszene spielte. Sie schrieb auch selbst und verlegte literarische Zeitschriften. Giséle Freund gelang die Flucht nach Argentinien und sie veröffentlichte später mehrere Bände mit Fotos der Berühmten, die sie in Paris abgelichtet hatte.

Es entsteht ein ganzes Panorama von Persönlichkeiten, die in dieser Zeit mit den beiden Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon aufs Engste verbunden waren. Und die in den dunklen Jahren der Besatzung auch halfen, wo sie konnten. Damit ihm im Grunde viel zurückgaben, was die beiden Frauen wie selbstverständlich all die Jahre gegeben hatten.

Und es überrascht Uwe Neumahr am Ende selbst, dass er mit seiner Recherche im Grunde „Das Haus der Bücherfreunde“ überhaupt erst einmal wieder aus dem Vergessen geholt hat und mit seinem Buch zeigt, wie wichtig Adrienne Monniers Buchhandlung damals war. Auch dass es „Shakespeare and Company“ ohne sie wohl auch nicht gegeben hätte.

Aus Liebe zu den Menschen

Aber Neumahr zeigt eben auch, wie sehr sowohl Adrienne Monnier als auch Sylvia Beach ihr Leben mit Buchhandlung immer als einen Dienst an Anderen verstanden. Eine Haltung, die ihr Agieren dann auch in der Besatzungszeit bestimmte und in der beklemmenden Zeit, als Freunde und Bekannte von den Nazis deportiert wurden. Sylvia Beach hat ihre Buchhandlung nach dem Krieg nicht wiedereröffnet.

Und auch die Zeit von „La Maison des Amis des Livres“ lief wenige Jahre nach dem Krieg ab, als Adrienne zunehmend unter gesundheitlichen Problemen litt. Diesen Teil der Geschichte erzählt Neumahr am Ende auch noch, weil es auch ein wenig erklärt, warum gerade die späte Geschichte der beiden Buchhändlerinnen geradezu vergessen schien. Denn beide waren nicht ruhmselig, halfen lieber ganz selbstverständlich und ohne Aufhebens um ihre Person.

Was gerade dann, wenn man die letzten Seiten umblättert, auf einmal besonders deutlich wird, weil es eine Haltung ist, die unserer Zeit mit all ihren Selbstdarstellern geradezu fremd geworden zu sein scheint: Dass man einfach ganz selbstverständlich und aus Liebe zu den Menschen helfen kann und damit weder Ruhm noch Ehren kassieren will. Sondern nur das tun, was zutiefst menschlich ist: Anderen in ihrer Not beizustehen mit den Mitteln, die man hat.

Was nicht nur in schlimmen Zeiten wichtig ist, sondern auch im Frieden. Denn vieles, was uns reich beschenkt, entsteht nur, weil es hilfreiche Geister wie Sylvia Beach und Adrienne Monnier gibt, die auf sich selbst nicht achten, wenn sie einfach helfen, wo sie Gutes unternehmen können.

Man bekommt wieder eine Ahnung davon, wie wichtig gerade diese Menschen sind, die keinen Lärm um sich machen. Das gilt auch für unsere so lärmende und ruhmsüchtige Gegenwart.

Uwe Neumahr „Die Buchhandlung der Exilanten“, C. H. Beck, München 2026, 26 Euro.

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