Es war einmal, da liebten die Leipziger ihre Straßenbahn, nannten sie liebevoll „Bimmel“ und nahmen es gelassen, wenn es doch mal zu Störungen kam, die Bahn sich festfuhr oder gar ausfiel. Das Verhältnis zu so einem Verkehrsmittel verändert sich, wenn die Distanz zwischen Fahrgästen und Unternehmen größer wird und man nicht mehr in derselben Welt agiert. Es geht deshalb auch nicht um schön gefärbte Nostalgie, wenn sich der einstige Leipziger Straßenbahnfahrer und Ausbilder Thomas Muske an seine Zeit „auf dem Bock“ erinnert.

Ein bisschen angestubst vom Verleger, der ihn vorsichtig dazu gedrängt hat, seine Erinnerungen einfach mal aufzuschreiben. Denn Muske ist voller Geschichten. Und er ist der Straßenbahn bis heute verbunden geblieben, engagiert sich im Historischen Straßenbahnhof in der Wittenberger Straße, fährt in Naumburg voller Begeisterung auf der dort tatsächlich noch historischen Straßenbahn und geht auch in Leipzig immer wieder mal in den richtigen Rundkurs, um seine Berechtigung zum Straßenbahnfahren aufrechtzuerhalten.

Trotzdem lohnt es sich, Erinnerungen aufzuschreiben an eine Zeit, in der die „Bimmel“ in Leipzig das Haupttransportmittel war. Auf den Straßen waren kaum Autos unterwegs, wenige Fahrräder und auch kaum Lieferfahrzeuge. Für hunderttausende Leipziger war die Straßenbahn die einzige Möglichkeit, morgens zur Arbeit zu kommen. Entsprechend voll waren die Bahnen. Und zu den Stoßzeiten wurden sogar noch extra Entlastungsbahnen eingesetzt. Heute praktisch undenkbar.

Pullman-Wagen und „Rumba“-Lotte

Seine Lehrzeit bei den Leipziger Verkehrsbetrieben begann Thomas Muske 1972. Er beginnt seine „Bimmel“-Erinnerungen sogar noch früher. Denn dass er sich bei den LVB bewarb, hatte mit seiner Begeisterung für die emsig auch durch Mockau rumpelnden Bahnen zu tun.

Und die ist ihm auch in seiner Zeit als Jungfahrer nicht abhanden gekommen, in der er das ganze System von innen kennenlernte. Mitsamt all den Behelfskonstrukten, Einsatzplänen und Sonderschichten, mit denen die Mitarbeiter der LVB das System auch unter schwierigen Bedingungen am Laufen hielten.

Ein System, das vor allem deshalb funktionierte, weil sich alle irgendwie aufeinander verlassen konnten, einsprangen, wenn Not am Mann war und selbst auch nach Lösungen suchten, wenn es irgendwo zu Ausfällen kam.

Und das mit Straßenbahnen, deren Baujahr zumeist noch in der Vorkriegszeit lag. Trotzdem robuste Fahrzeuge, die die Ankunft der ersten Tatra-Bahnen dann für viele Fahrerinnen und Fahrer zu einer echten Herausforderung machten.

Denn die neuen Bahnen aus der damaligen CSSR tickten völlig anders, erforderten vom Fahrer ein echtes Umdenken. Was Muskse dann später noch einmal begegnete, als die zunehmend automatisierten und computerisierten Bahnen der Nachwende-Zeit in Dienst gestellt wurden.

Auch die kommen am Ende noch vor. Aber den Hauptaugenmerk richtet Muske in seinen Erinnerungen natürlich auf die DDR-Zeit, als er nicht nur seine Lehrzeit auf Pullman-Wagen und „Rumba-Lotte“ erlebte und dann im Fahrdienst das ganze Liniennetz und die wichtigen Neubaustrecken nach Grünau und Paunsdorf kennenlernte, sondern am Ende selbst Fahrlehrer wurde und neue Generationen von LVB-Fahrern ausbildete.

Und dabei beschwört er immer wieder die gelebte Kollegialität innerhalb des Betriebes, ohne die gerade Stör- und Krisenzeiten so nicht hätten bewältigt werden können. Man sprang einfach ein, wenn Not am Mann war. Und nahm es kollegial, wenn doch mal ein Kollege den Fahrerwechsel verpasste oder gar den Dienstantritt verschlief.

Erlebte Zeitenbrüche

Man bekommt dabei nicht nur eine Vorstellung, wie in DDR-Zeiten oft improvisiert werden musste, sondern auch, wie dieses kollegiale Miteinander genau den Puffer dafür gab, dass der Fahrbetrieb meist störungsfrei vonstatten ging. Auch wenn Muske reihenweise Anekdoten und Erlebnisse aus dieser Zeit erzählen kann, bei denen er selbst in turbulenten Situationen landete, Kollegen aus der Patsche half, rettungslose Verspätungen einfuhr und mit aufmerksamen Fahrgästen allerlei aufregende Situationen erlebte.

Aber auch die Tücken des Wetters kommen zur Sprache, samt den Ereignissen um den strengen Winter 1978/ 1979, dessen erste Schneesturm-Tage auch in Leipzig den Straßenbahnverkehr zum Erliegen brachten und Muske zum Retter von gestrandeten Reichsbahn-Fahrgästen in Wiederitzsch machte.

So etwas prägt sich ein – genauso wie das Ankommen jeder neuen Straßenbahn-Generation, die alte Gewohnheiten gründlich infrage stellte. Während gleichzeitig der Kfz-Verkehr in Leipzig nach 1990 so drastisch zunahm, dass die alten Vorrangregelungen für die Straßenbahn nicht mehr funktionierten. Inzwischen sind hunderte von LSA-ausgestatteten Kreuzungen dazugekommen, die die Handlungsspielräume der Fahrer deutlich eingeschränkt haben.

Man merkt eine gewisse Distanz Muskes zu den heute eingebauten Bordcomputern, die den Fahrer in seiner Kabine im Grunde abschotten, während mit den alten Bahnen der Kontakt zu den Fahrgästen noch direkt war und vieles in Handarbeit erledigt werden konnte – vom Weichenumstellen bis zum Bremssandnachfüllen. Der Job des Fahrers hat sich deutlich gewandelt.

Ist aber nicht weniger anspruchsvoll geworden. Und fordernd – nicht nur was das oft irrationale Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer betrifft, sondern auch das Verhalten der Fahrgäste oder jener Leute, die selbst dann noch in die Bahn wollen, wenn längst abgeklingelt wurde.

Das kleine Wörtchen Danke

Die Leipziger sind hektischer geworden, wohl auch unfreundlicher, getrieben vom Zeitdruck, weniger bereit, die Welt mit Gelassenheit zu nehmen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Auch dieses Phänomen schildert Muske, der 2020 aus dem Fahrbetrieb der LVB ausgeschieden ist und sein Büchlein auch dazu nutzt, an viele geachtete Kolleginnen und Kollegen aus seiner Straßenbahnfahrerzeit zu erinnern.

Und auch an die Momente, in denen er Dank und Herzlichkeit von Fahrgästen zurückbekam, die er trotz widriger Bedingungen doch noch bis an ihr Ziel gebracht hat. Oder die einfach Dankbarkeit zeigten, weil er für sie unterwegs war.

Man ahnt, dass es etwas nicht ganz Unwichtiges ist, woran Muske in diesem reich mit Straßenbahn-Abbildungen gespickten Büchlein erinnert. Auch daran, dass man die Geschichten erzählen muss, wenn es noch Zeit ist. Denn wenn die, die dabei waren, erst einmal weg sind, gibt es niemanden mehr, den man fragen kann.

Und so berührt Muskes Buch auch an einer Stelle die Geschichte seiner Familie, die einmal als Aussteller auf der Leipziger Kleinmesse einen Namen hatte. Stichwort: „Walzerfahrt zu Mond“. In seinem gleichnamigen Buch erinnerte sich ja Eberhard Schröter an diese Zeit und seine Kindheit auf der Leipziger Kleinmesse.

So merkt man erst, wie wichtig Verleger sind, die den Leuten, die voller Erinnerungen und Anekdoten sind, sagen, sie sollten sich hinsetzen und alles aufschreiben. Bevor es zu spät ist und dann andere Leute eine Geschichte erzählen, die mit der tatsächlich geschehenen immer weniger zu tun hat.

Thomas Muske Episoden um die Leipziger »Bimmel« Tauchaer Verlag, Leipzig 2026, 13 Euro.

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