Dass unsere Welt derzeit regelrecht im Chaos zu versinken droht, hat im Grunde wenig mit den vielen Menschen zu tun, die einfach nur mit ihrer Hände Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen wollen: Das Chaos richten Leute an, die tatsächlich glauben, sie könnten machen, was sie wollen. Und längst auch schon die Macht in den Demokratien des Westens korrumpieren. Weil sie es können. Weil Geld Einfluss verschafft. Und richtig viel Geld Politik in eine Schlammschlacht verwandelt. Evan Osnos hat sich den Gründen für dieses Chaos so tiefgründig gewidmet wie kein anderer.
Er ist Journalist, ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Staff Writer beim „New Yorker“ und hat sich vor ungefähr zehn Jahren daran gemacht, ein Thema zu beleuchten, das bei fast allen anderen Medien ein riesiges schwarzes Loch ist: die Reichen und Superreichen. Ihr Denken, ihren Einfluss, ihren brachialen, eiskalten Egoismus. Und ihren forcierten Griff zur Macht (beziehungsweise ihr Gerangel darum), der mit dem ersten Wahlsieg des Immobilienhais Donald Trump zur greifbaren Realität wurde.
In mehreren thematischen Serien hat er in seiner Kolumne im „New Yorker“ verschiedene Aspekte aus dieser Welt der Superreichen untersucht. Und mit Yachten startet er nicht grundlos. Denn Yachten sind längst zum Symbol des Superreichtums geworden. Sie sind schon lange nicht mehr klein und schnittig, sondern haben sich in den letzten Jahren zu regelrechten Ozeanriesen entwickelt, groß wie Zerstörer, Protzschiffe, die monatelang autark auf den Meeren fahren können.
Ein paar haben europäische Staaten beschlagnahmt, als Putin seinen Krieg gegen die Ukraine entfesselte, denn sie gehören russischen Oligarchen, die sich mit ihrem Reichtum mit den Milliardären aus aller Welt messen. Protzen auf Teufel komm raus.
Survival of the Richest
Osnos aber besucht nicht nur Yacht-Austellungen, spricht mit den Kapitänen und einigen Besitzern solcher Yachten, sondern geht auch auf den Grund dessen, was die Ultrareichen eigentlich dazu treibt, Hunderte Millionen Dollar in solche Schiffe zu stecken. Dahinter steckt – Überraschung! – die reinste Weltuntergangsstimmung.
Das wird im nächsten Kapitel sichtbar – „Survival of the Richest“ –, in dem er ein zum Wohnbunker umgebautes ehemaliges Raketensilo besucht, wo sich reiche Leute für Millionen Dollar eine Luxuswohnung für den Ernstfall gekauft haben, in der Bildschirme die nicht vorhandenen Fenster ersetzen. Andere Reiche bauen sich riesige Bunker, kaufen sich Inseln oder sichern sich Grundstücke in Neuseeland, wo sie glauben, im Fall der Fälle überleben zu können.
Es ist, als spüre Osnos immerzu mit journalistischer Neugier den Motiven nach, die Menschen dazu bringen, nicht nur ungehemmt Reichtum anzuhäufen und dafür auf die verschiedenste Weise (halb-)kriminell vorzugehen, sondern dabei auch in einen radikalen Wettbewerb mit anderen Reichen, Super- und Megareichen geraten. Und damit in eine Welt, in der Grenzen und Regeln nicht mehr respektiert werden.
Nur entsteht dann, wenn man – wie die Fürsten zu Machiavellis Zeiten – nur noch Macht und Aggression gelten lässt, etwas, was das Denken radikal verändert. Osnos formuliert es so: „Wie konnte eine solche Beschäftigung mit der Apokalypse ausgerechnet im Silicon Valley solche Blüten treiben, an einem Ort, der bis zum Klischee bekannt ist für sein unerschütterliches Vertrauen in die Fähigkeit, die Welt zu Besseren zu verändern?“
Tja. Manches ist nur Illusion, Behauptung, Werbesprech, schöne Sprüche, mit denen den Konsumenten Produkte verkauft werden, die tief in ihren Alltag und ihre Privatsphäre eingreifen (und abhängig machen), ganze Branchen zerstören, Arbeitsplätze vernichten und Hassrede und Manipulation bis aufs geliebte Smartphone schleimen. Disruption nennen sie es. Und Osnos will wissen, woher das kommt, besucht sogar Mark Zuckerberg zu Hause. Und bekommt auch von ihm einfach keine Antwort.
Wenn Superreiche rebellieren
Und Zuckerberg ist nicht der einzige Superreiche, von dem Osnos wissen will, warum er so kalt und emotionslos agiert und auch nach 20 Jahren nicht hinbekommen hat, Hassrede, Lüge, Verleumdung und Wahlmanipulation aus seinem Netzwerk zu verbannen. Aber man ahnt: Es geht um Macht. Uneingeschränkte Macht. Um Menschen, die Regeln nicht akzeptieren wollen. Und deshalb auch Politik betreiben.
Und zwar eine radikale Politik, die nicht erst unter Trump begann. Im Kapitel „Die Greenwich-Rebellion“ zeichnet er akribisch nach, wie sich auch das Agieren der Superreichen in der amerikanischen Politik in den vergangenen 60 Jahren geändert hat, wie sie die konservativen Republikaner immer weiter nach rechts drängten und den Ton in der politischen Auseinandersetzung immer weiter verschärften.
Unter Ronald Reagan war es bereits spürbar. Schon damals begannen die verbalen Attacken auf den „gierigen“ Staat, auf die zu hohen Steuern und die „zu teuren“ Wohlfahrtssysteme. Bis dahin galt es auch in Greenwich, dass Reichtum eigentlich auch verpflichtet – zur Wohltätigkeit.
Doch das hat sich radikal geändert, auch mit Gesetzen, die die Finanzierung von Wahlkämpfen immer mehr erleichterten. Reichtum verwandelte sich in etwas, mit dem man protzen konnte. Sich Einfluss verschaffte und das Land zunehmend moralisch verwüstete.
„In der Gegend, in der ich aufgewachsen bin, vertraten einige der mächtigsten Menschen Amerikas eine Version des Kapitalismus, die Reichtum von jeder Verantwortung befreit“, schreibt Osmos. „Sie übernehmen die Mär von der Eigenverantwortung (es sei denn, die Mär war nicht mehr haltbar), eine Geschäftsphilosophie, die der Realwirtschaft mehr Reichtum entzog, als sie schuf, und eine politische Vision, die Grausamkeit als Preis für den Profit versteht.“
Die Reichen und ihre Kofferträger
Das kommt einem doch erstaunlich vertraut vor. Denn das ist nicht auf die USA beschränkt geblieben, das ist über den großen Teich geschwappt und hat auch die deutsche Politik verändert. Verantwortungsloser gemacht, rücksichtsloser. Vor allem gegen die Menschen, die sich nicht wehren können. Denen dann aber nicht nur die Phrasen von Eigenverantwortung vor den Latz geknallt werden, sondern auch die ganzen Parolen von Deregulierung, „Bürokratieabbau“, Steuersenkung, „schlanker Staat“.
Das ganze Inventar des Neoliberalismus, der die Staatszermürbung inzwischen mit der Kettensäge vorantreibt. Während die Kofferträger der Superreichen immer neue Ideen der Steuersenkung fabrizieren, die fast ausschließlich ihren Gönnern und Mäzenen zugutekommen.
Und so untersucht Osnos im Kapitel „Der Geist in der Maschine“ eben auch die von den Strebern aus dem Silicon Valley geschaffenen Netzwerke, die unsere gesellschaftliche Kommunikation heute nicht nur bestimmen, sondern zerstören. Und eine Menge dazu beigetragen, die Gesellschaften des Westens zu zerreißen.
Und er macht sich Gedanken darüber, ob die derart gefühlskalte Elite der Superreichen eigentlich anders ist, ein Novum in der Geschichte. Doch gerade ein Blick in die amerikanische Geschichte zeigt, dass dieses Hauen und Stechen um Macht, Einfluss und noch mehr Profit so neu nicht ist. Dass es nicht nur in der amerikanischen Geschichte immer wieder Zeiten gab, in denen sich die Millionäre und Milliardäre mit all ihren Einflussmöglichkeiten in die Politik eingemischt haben, Gesetze nach ihrem Geschmack schufen und am Ende entsprechende Gegenbewegungen auslösten.
Das „Gilded Age“ mit seinen Öl- und Eisenbahnbaronen steht stellvertretend für diese völlige Enthemmung der Reichen. Die oft nichts anderes im Kopf haben, als im Rennen um die längste Yacht am Ende Sieger zu sein, es den anderen Superreichen so richtig gezeigt zu haben. Was dann etliche der wilden Exzesse erklärt, die die Weltwirtschaft immer wieder in tiefe Krisen stürzen – wie die Finanzkrise von 2008/2009, die das Ergebnis wilder Spekulationen und eines völlig deregulierten Finanzmarktes war.
Und eines wilden Wettrennens der hochbezahlten Finanzjongleure, die bei ihren Kumpels sahen, wie sie sich mit faulen Wetten schamlos bereicherten.
Zocker, Blender, Heuchler
Da will man wohl dabei sein und auf diese Weise ebenso schnell ein paar Millionen kassieren. Was Osnos dann in jenem Teil des Buches, den er „Die Gefahren: Wie man Geld verliert“ benannt hat, zum Thema macht. Da nimmt er sich all die gescheiterten Typen vor, die mit Betrug und Hochstapelei das Geld der Anleger in ihre wilden Projekte gelockt haben und am Ende aufgeflogen sind, angeklagt und ins Gefängnis gesteckt wurden.
So könnte ja Gerechtigkeit wiederhergestellt werden, denkt man sich. Aber je mehr sich Osnos mit diesen Leuten und ihren Ausreden und Selbstbeweihräucherungen beschäftigt, umso mehr wird deutlich, dass dieses enthemmte Denken in den Kreisen der (Möchtegern-)Reichen längst fest etabliert ist und die ganze amerikanische Gesellschaft durchzieht.
Ja: Stichwort Eigenverantwortung. Die wohl verlogenste Vokabel, mit der Politiker jede Verantwortung von sich weisen. Und letztlich genau das Denken befeuern, das den Ellenbogen zum Argument macht. Wer keine Regeln und Gesetze akzeptiert und diesen Betrug an Staat und Gesellschaft sogar noch als Sportart begreift, der fördert ein kaltes, verlogenes Menschenbild. Der sieht auch nicht mehr ein, dass er für das Gemreinsame einstehen sollte und der unrechtmäßig angeeignete Reichtum eigentlich der gesamten Gesellschaft entzogen wurde.
Lügen und Vorurteile
In den Abschnitten, in denen sich dann die Trump-Bande ins Vild schiebt, wird dann deutlich, wie manipulativ diese Leute arbeiten, wie sie das Verbreiten von Lügen und Vorurteilen geradezu zum Instrument ihrer Wahlbeeinflussung machen und die Wähler gegeneinander aufhetzen, als wäre Wahlkampf eine Art Gladiatorenkampf aller gegen alle. Und wären die anderen einfach nur Feinde und Schlimmeres.
So zerstört man eine Demokratie. Und Osnos zeigt in diesem Besuch in der Welt der Ultrareichen, dass sie es sind, die die Politik radikalisiert haben. Anfangs eine kleine, arrogante Truppe von Libertären, die selbst in der Republikanischen Partei nur eine Randerscheinung waren. Doch sie haben nach und nach nicht nur die Partei gekapert, sondern auch den Staat. Und die Köpfe. Und damit auch ihr apokalyptisches Denken in die Hirne und in die Medien gedrückt.
Ein Denken, das blind macht. Nicht nur für die unzähligen Alternativen, akute Probleme zu lösen, sondern auch dafür, dass Staaten kollabieren, wenn sie derart von ihren Eliten manipuliert und ausgeblutet werden. Was diese ja irgendwie wissen und spüren. Nur lösen können sie es nicht mit ihren rabiaten Vorstellungen von einem Wohlfahrtsstaat, „den wir uns nicht mehr leisten können“. So ticken sie doch.
Und lassen ihre Kofferträger den Wählern genau das einreden. Während gleichzeitig die Milliarden abfließen in die unproduktiven und undurchsichtigen Finanzgeschäfte der Zocker und Selbstgerechten.
So gesehen ist Osnos’ Buch eine sehr facettenreiche Reise in die Denkwelten der Superreichen. Von Gefühlswelten kann man eigentlich nicht sprechen. Denn Mitgefühl oder gar ein Verständnis dafür, dass eine Gesellschaft nur durch den Beitrag aller funktioniert, ist da wenig bis nicht zu sehen. Auch nicht bei den gescheiterten Zockern, denen Osnos im letzten Kapitel begegnet, wo er eine „Selbsthilfegruppe“ solch gescheiterter Existenzen besucht, alles Männer, die nun irgendwie versuchen, mit ihrem Scheitern zurechtzukommen.
Aber eigentlich keine Spur von Reue zeigen. Auch wenn sie das behaupten. Formelhaft. Weil man die Formeln so schön auswendig lernen kann, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass man Menschen betrogen und bestohlen hat. Und oft deren ganze Ersparnisse verzockt. Wie beim Poker. Nur dass diese Leute auch skrupellos mit der Welt pokern, wenn nur die Chance auf den großen Geldpott winkt.
Evan Osnos „Yacht oder nicht Yacht. Nachrichten aus der Welt der Ultrareichen“ C. H. Beck, München 2026, 20 Euro.
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