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Zeitreise „Vor 100 Jahren“: Der Juni 1918 in Leipzig

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    Für FreikäuferLZ/Auszug aus Ausgabe 56Für FreikäuferDer 1. Weltkrieg erlebt seinen letzten Sommer. Aber das weiß man in Leipzig nicht. Nachdem die große Frühjahrsoffensive der deutschen Armee gescheitert ist, halten Franzosen, Briten und US-Amerikaner gemeinsam die Westfront, die zuvor beinahe tatsächlich zusammengebrochen wäre. Mit jedem weiteren Tag, den die Deutschen keinen Durchbruch erzielen, schwindet die Hoffnung der Obersten Heeresleitung auf den Sieg. Aber davon kabelt man natürlich nichts nach Deutschland.

    Hier sollen die Menschen vor allem beruhigt sein, Kirschkerne sammeln und Goldschmuck abgeben. Die Lehrerschaft hat sogar Nerven, sich über die Umstellung des Schulsystems Gedanken zu machen. Der Krieg, er scheint nah, aber noch immer weit weg zu sein.

    Am 21. Juni berichtet das Leipziger Tageblatt über „Erkundungskämpfe in Flandern“. Aus dem großen Hauptquartier wird gekabelt: „Heeresgruppe Kronprinz Ruprecht. Der Feind setzte an der ganzen Front heftige Erkundungsvorstöße fort. Sie wurden überall abgewiesen. Nordöstlich von Merris und nördlich von Albert brachen englische Teilangriffe blutig zusammen.“

    Gleichzeitig jubiliert die Marine, dass ein U-Boot bei Angriffen auf vier Dampfer an der englischen Westküste insgesamt 19.000 Bruttoregistertonnen versenkt hat.

    Der 22. Juni 1918 bricht an

    „Der Reichstag über den Frieden und Rumänien“, titelt die Leipziger Volkszeitung am 22. Juni 1918. Nach der Spaltung der Sozialdemokraten gehört die LVZ den Unabhängigen Sozialdemokraten an und lässt keine Gelegenheit ungenutzt, den Graben zu vergrößern.

    Das Deutsche Reich will also mit Rumänien Frieden schließen. Ein entsprechender Vertrag liegt zurzeit dem Reichstag vor während im Westen weiter gekämpft wird. Im Heeresbericht über den Vortag heißt es: „Zwischen Arras und Alberi dauerten die heftigen Teilvorstöße des Feindes bis zum Morgen an. Sie endeten mit vollem Mißerfolg (natürlich/Anm. der Red.).“ Ansonsten wurden englische Abteilungen, teilweise in erbittertem Nahkampf, zurückgeschlagen.

    „Auch an der übrigen Front betrieb der Engländer mehrfach vergebliche Erkundungen. Bei Abwehr des Feindes und bei eigenen Vorstößen südlich der Somme machten wir Gefangene.“. Es scheint, der Endsieg sei nah, heute würde man wahrscheinlich in der Rückschau von Fakenews sprechen.

    In Leipzig prangert die LVZ dagegen die Missstände bei der Verteilung von Obst und Gemüse an. Kriegszeiten sind Notzeiten und so muss jedermann seine Bedürfnisse einschränken. „Die Kleinhändler sind mit dem Verteilungsmodus, wie der von verschiedenen Großhändlern in der Markthalle geübt wird, unzufrieden. Das kam am Donnerstagabend in einer zahlreich besuchten Versammlung des Vereins der Produkte-, Obst- und Gemüsehändler im Eldorado zum Ausdruck.“

    Offenbar ist der Großhändler etwas knauserig mit den tatsächlichen Lieferungen. „Als Beispiel dafür, wie es nicht gemacht werden dürfe, wurde angeführt, daß in den letzten Tagen in einem Falle 50 Körbe mit Erdbeeren zwar angeliefert worden waren; doch seien davon nur 10 Körbe an den Stand gebracht worden. Die anderen 40 Körbe mit Erdbeeren sollen, wie man hinterher erfahren mußte, vom Großhändler Wendt auf dessen Grundstück verteilt worden sein.“ Und bei den Kirschen weisen selbst die verschlossenen Körbe Mindergewicht auf. „Außerdem sei der Spannungspreis so niedrig bemessen, daß mit dem Verdienst nicht auszukommen ist.“

    Mit anderen Worten: Verkauf als „Bückware“ mit Beziehungen und Betrug am Kunden.

    Ein Blick über Leipzig während des I. Weltkrieges mit Blick aufs damals neue Völkerschlachtdenkmal. Foto: Pro Leipzig Verlag
    Ein Blick über Leipzig während des I. Weltkrieges mit Blick aufs damals neue Völkerschlachtdenkmal. Foto: Pro Leipzig Verlag

    Für jeden Tag gibt es mittlerweile einen Lebensmittelkalender

    Für den kommenden Montag, 25. Juni, lautet dieser für Haushaltungen wie folgt: Hafernährmittel und Zucker für Kinder bis zu 3 Monaten – abzugeben H5 und Z5 der Lebensmittelkarte S1. Hafernährmittel, Grieß, Mehl, Zucker für Kinder über 3 Monate bis zu 2 Jahren – abzugeben N5, M5, Z5 der Lebensmittelkarte S2/3. Außerdem gibt es Kunsthonig und Butter ebenfalls nur auf Zuteilung.

    Währenddessen hat der Leipziger Lehrerverein in seiner letzten Wochenversammlung folgende Vorschläge zur Neugestaltung des Leipziger Schulwesens beschlossen. Ein wenig atemlos liest man hier das Schulsystem samt Dauerthemen bis heute.

    „Die drei Volksschularten sind zu einer einheitlichen Volksschule zu verschmelzen, eine Zweiteilung ist abzulehnen. Vier Jahrgänge bilden die allgemeine Grundlage, deren Leistungsfähigkeit durch Einrichtungen zur Förderung der Schulreife (Kindergarten) und durch geeignete Maßnahmen für Schwachbefähigte (Hilfsschule, Sonderklassen) zu gewährleisten ist. Schmutzige und mit abstoßenden Krankheiten behaftete, schlecht veranlagte, sittlich minderwertige und schwererziehbare Kinder sind rechtzeitig aus den allgemeinen Klassen zu entfernen und gesondert zu unterrichten.“

    Knaben und Mädchen werden nun am Ende der vierten Klasse getrennt. „Vom fünften Schuljahre an werden die Schüler nach ihrer Begabung und Neigung sowie nach den Wünschen der Eltern gruppiert. Dem vierjährigen Oberbau der Volksschule wird ein fünfstufiger zur Seite gestellt.“ Und auf einmal wird es aktuell: „Für die Volksschule ist grundsätzlich Schulgeld-, Lehr- und Lernmittelfreiheit zu fordern. Solange gesetzliche Bestimmungen die Erhebung von Schulgeld vorschreiben, ist es nach dem Einkommen der Eltern abzustufen.“

    Und man ruft nach Schulelternräten, heute vorhanden: „Daß Elternhaus ist in engere Verbindung mit der Schule zu bringen. Zu diesem Zweck ist für jede Schule aus Vertretern der Eltern und der Schule eine Schulpflegschaft (Schulvorstand) zu bilden.“

    Gewalt und Tanzverbot

    Weil er seinen Chef, den Gutsbesitzer, hinterrücks überfallen, mit einem Hammer zu Boden geschlagen und letztlich mit den Knien auf der Brust getötet hatte, wurde der polnische Arbeiter Anton Sobieskoda am Morgen des 20. Juni 1918 hingerichtet. „Der König hat von seinem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht“, heißt es in der LVZ. Scharfrichter Brandt nutzte das Fallbeil.

    Gleichzeitig vermeldet die LVZ, dass das Tanzverbot, was in Leipzig immer noch gilt, womöglich in nächster Zeit aufgehoben würde. Das vermeldete der Vorsitzende der Saal- und Konzertlokalinhaber bei einer Zusammenkunft. „Vertreter des sächsischen Landesverbandes der Saalinhaber sind beim kommandierenden General des 19. Armeekorps wegen Wiedereinführung des öffentlichen Tanzes vorstellig geworden.“

    Ein Teil des Mythos, der behauptet, Leipzig hieße wegen der Linden so

    „Die viertausendfünfhundert Lindenbäume, die das Weichbild unserer Stadt umschließt, stehen in Blüte und Duft. Leipzig ist wenigstens für die Dauer eines halben Monats wieder ganz die ‚freundliche Lindenstadt‘, wie sie vor hundert Jahren schon von Ernst Moritz Arndt in dem Liede ‚Wo kommst du her in dem roten Kleid‘ genannt wurde“, so das Leipziger Tageblatt.

    Die Linde, sie gibt dem Autor Anlass, Ablenkung zu suchen. „Heute, da der Gürtel der Altstadt längst gesprengt ist, zählen wir außer der Promenade an dreißig Straßen und Plätzen in Groß-Leipzig, die mit der Linde bepflanzt sind. Wohlgepflegte Alleen sind es zumeist. […] Von hervorragender landschaftlicher Schönheit sind einige Lindenalleen in Leipzigs weiterer Umgebung. Lindenau und Lindenthal erinnern daran. Ferner tragen zwanzig hiesige Gastwirtschaften die Namen ‚Zur Lindenburg‘, ‚Zu den zwei Linden‘, ‚Lindenhof‘, usw., ein Zeichen, daß sie in früheren Jahrhunderten wohl von Lindenbäumen beschattet wurden.“

    Werbeanzeige in den Leipziger Neuesten Nachrichten während des I. Weltkrieges. Bild: Stadtarchiv Leipzig
    Werbeanzeige in den Leipziger Neuesten Nachrichten während des I. Weltkrieges. Bild: Stadtarchiv Leipzig

    Heutzutage ist der Wert der Lindenbäume noch ein ganz anderer. „Seit uralten Zeiten findet sie in den Krankenstuben als medizinisches Mittel Verwendung. Jetzt sind daher im Auftrage der Militärbehörde seit einigen Tagen Schulknaben unter Aufsicht ihrer Lehrer am Werk, im Gesamtbereich unserer Stadt Lindenblütenernte zu halten. Zu diesem Zweck werden die Bäume mit Leitergerüsten umstellt, um von dort aus die Blüten vorsichtig abschneiden zu können. Bis zu einer Höhe von fünf Metern soll sich die Ernte erstrecken. Was darüber hinaus sich befindet, wird den Bienen zum Honigsammeln verbleiben. Auf diese Weise darf es trotz der Kriegsnutzung als ausgeschlossen gelten, daß unsere Lindenbäume an Stämmen und Zweigen sonderlichen Schaden nehmen werden.“

    Die Orthopädie wird vom Krieg belebt

    Der große Krieg verstümmelt unzählige Menschen, weswegen gerade die orthopädischen Werkstätten eine umfangreiche Arbeitslast zu tragen haben. Tatsächlich ist es erst in diesem Krieg gelungen, eine Kunsthand anzufertigen und erfolgreich an einem Armstumpf zu fixieren. Das Leipziger Tageblatt widmet diesen Arbeiten einen Artikel. „Diese Hand kann eine Traglast bis zu 25 kg halten, die zum Spitz- und Breitgreifen eingerichtet ist und die durch einen besonderen Sperrmechanismus festgestellt werden kann, so daß die ergriffene Last nicht aus der Hand gleitet. Durch bestimmte Muskelzüge des Stumpfes wie der Schultermuskulatur läßt sich die Sperre wieder lösen, können die feinsten Gegenstände (Nadeln, Geldstücke) und die schwersten ergriffen, der Arm gehoben und gebeugt werden.“

    Der Krieg im Alltag und der Mythos vom Gold

    Amtliche Bekanntmachung! „Verfügung: Vertrieb, Einfuhr, Durchfuhr und Ausfuhr ausländischer deutschfeindlicher Zeitungen und Zeitschriften betreffend. (…) Mit Wirkung vom 1. Juli 1918 im Bereiche der Generalkommandos XII. und XIX. Armeekorps verboten. Unter Betrieb ist zu verstehen das Verkaufen, Ueberlassen, Verschenken, Zusenden, Austeilen, Auslegen sowie sonstiges Verbreiten, unter Ausfuhr und Durchfuhr der Versand über die Reichsgrenze. […] Zuwiderhandlungen werden „mit Haft oder Geldstrafe bis zu fünfzehnhundert Mark bestraft. Dresden und Leipzig, den 17. Juni 1918“.

    Die Zeitgenossen wissen nicht, dass in fünf Monaten der Krieg zu Ende sein wird und sie wissen auch nicht, wie es um ihre Armee steht. Noch immer glaubt man an den Sieg, der mit der finanziellen Unterstützung des Volkes gelingen soll. Zig Reichsanleihen wurden schon gezeichnet, nun gibt es mal wieder einen Aufruf, etwas zu spenden.

    „Dein Goldschmuck gehört in den Goldschatz des Vaterlandes. Siegreich, Schritt für Schritt dringen unsere tapferen Gruppen vor, unerschütterlich wehren sie die Stürme ab. Ihren großen Kriegstaten stellen sich die Taten der Männer und Frauen daheim würdig an die Seite. Ohne Zaudern hat das deutsche Volk bisher mehr als 87 Milliarden an Kriegsanleihen gezeichnet.“

    Im Deutschen Kaiserreich leben laut Volkszählung vom 5. Dezember 1917 knapp über 62 Millionen Menschen. Die Soldaten im Felde abgezogen, sind es keine 60 Millionen. Umgerechnet heißt das, dass jeder Deutsche zu diesem Zeitpunkt durchschnittlich über 1.000 Reichsmark für den Sieg investiert hat.

    Aber das reicht nicht aus. „Aber noch gilt es, weitere Vorkehrungen für die Zukunft zu treffen, wenn nicht das bisher Errungene infrage gestellt werden soll. Vieles haben wir für Krieg und Sieg nötig, was uns nur das Ausland geben kann. Das Ausland aber verlangt in erster Linie Gold, es bewertet unsere sonstigen Zahlungsmittel umso niedriger, je geringer der in unserer Reichsbank liegende Goldschatz ist. Je größer der Reichsgoldschatz ist, desto fester ist das Vertrauen in unsere wirtschaftliche Widerstandskraft, desto näher und sicherer ist uns der Sieg.“

    Sie wissen schon, was nun kommen wird. „Darum ist da jeder, der Goldschmuck besitzt, verpflichtet, seinen Teil zur Stärkung des deutschen Reichsgoldschatzes beizutragen. Kommt zur Ankaufstelle für Goldschmuck im Handelshof.“

    Und auch aus der Natur kann noch mehr herausgeholt werden. „Sammelt Obstkerne zur Fettgewinnung!“, wird gefordert. „Die Kirschen sind reif. Vergeßt nicht, die Kerne zur Oelgewinnung zu sammeln und in der nächsten Schule oder Sammelstelle abzuliefern. Diese Bitte ergeht besonders an die Hausfrauen, die Obst einkochen und einwecken. Das Obstkernöl ist ein wertvolles Speiseöl und wird restlos zur Erzeugung von Margarine verwandt, deren Herstellung heute als Ergänzung der Butterration für die allgemeine Versorgung der Bevölkerung mit Speisefetten von größter Bedeutung ist.“

    Für ein Kilo gibt es 10 Pfennige. Man sammelt und der Krieg geht doch verloren. Die Zeichen werden immer deutlicher, mehr dazu in der nächsten Folge „Vor 100 Jahren“.

    Bereits erschienene Zeitreisen durch Leipzig auf L-IZ.de

    Der Leipziger Osten im Jahr 1886

    Der Leipziger Westen im Jahr 1886

    Westlich von Leipzig 1891

    Leipzig am Vorabend des I. Weltkrieges 1914

    Einblicke in die Jüdische Geschichte Leipzigs 1880 bis 1938

    Leipzig in den „Goldenen 20ern“

    Alle Zeitreisen auf einen Blick

    Vor 100 Jahren (1): Leipzig an den beiden Kriegstagen 24. und 25. Mai 1918

    Leipziger Zeitung Nr. 56: Die neue „Leipziger Zeitung“ kämmt die Sommeridylle mal gegen den Strich

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