180 Jahre ist es her, da fand am 26. November 1842, einem Sonnabend, im Leipziger Gewandhaus ein Konzert statt. Was uns darüber heute noch aufhorchen lässt, ist eine Bemerkung von Richard Wagner:

„Zur Ehre der Wahrheit sei erwähnt, daß weder Mendelssohn noch ich den eigentlichen Erfolg des Abends erstritten. Wir verschwanden gänzlich vor dem ungeheuren Eindruck, welchen die greise Sophie Schröder mit der Rezitation der Bürgerschen ‚Lenore’ hervorbrachte. Wir standen um dieses von der fast zahnlosen, hochbetagten Frau, mit wahrhaft erschreckender Schönheit und Erhabenheit gesprochene Bürgersche Gedicht wie wahre müßige Gaukler da.“

Warum Wagner vermutlich zu dieser „Wahrheit“ kam, war nicht nur der Eindruck, den die betagte Künstlerin und ihre Tochter hinterließen, sondern auch das fulminante Programm und der rauschende Beifall des Publikums dafür. Fest steht wohl nur: Ohne Wagners Bemerkungen hätte dieses damalige Ereignis wohl heute kaum Aufmerksamkeit gefunden!

Das Programm: Am genannten Tage ausgewiesen als „Concert von Mad. Sophie Schröder, K. Hofschauspielerin aus München, Sonnabend, den 26. November im Saale des Gewandhauses.

I. Theil. 1) Ouverture von Felix Mendelssohn-Bartholdy.
2) Frühlingslieder, Gedicht von Klopstock, vorgetragen von Mad. Sophie Schröder.
3) Arie aus der Oper ‚Rienzi’ von Richard Wagner, vorgetragen von Mad. Schröder-Devrient.
4) Leonore, Gedicht von Bürger, vorgetragen von Mad. Sophie Schröder.
5) Gesang-Duett, vorgetragen von Mad. Schröder-Devrient und Herrn Tichatschek. II. Theil.
6) Concert für Pianoforte, comp. u. vorgetragen von Herrn Capellmeister Dr. Felix Mendelssohn-Bartholdy.
7) Arie aus der Oper ‚Rienzi’ von Richard Wagner, vorgetragen von Herrn Tichatschek.
8) Die Glocke von Schiller, vorgetragen von Mad. Sophie Schröder.
9) Lieder von Franz Schubert, vorgetragen von Mad. Schröder-Devrient.“

Eine republikanisch gesinnte Sängerin

Die im 38. Lebensjahr gestandene Tochter Wilhelmine Schröder-Devrient soll nur auf Drängen ihrer 61-jährigen Mutter Sophie an der Programmgestaltung teilgenommen haben. Mutter und Tochter wussten ihr Künstlertum von ihren politischen Ansichten zu trennen. Während die „Herrschertreue“ der Mutter bis in die Regierungskreise bekannt war, soll Tochter Wilhelmine republikanischer Gesinnung gewesen sein, was nicht ohne manch’ ernsthafte Auseinandersetzung geblieben sein dürfte.

Heinrich Laube, Redakteur der in Leipzig erschienenen „Zeitung für die elegante Welt“, schrieb einen langen Aufsatz über die Tochter der Sophie in den Ausgaben vom 7. und 8. Januar 1833. Und im Juli des folgenden Jahres brachte dann auch das „Leipziger Tageblatt“ eine noch längere Abhandlung über das künstlerische Wirken der Mutter der Wilhelmine.

Nach vieler Kritik an der Opernpraxis steht bei Laube der danach vielseitig erläuterte Satz: „Madame Schröder-Devrient ist eine Opernsängerin, und sie zeigt, was man mit der Oper wollen und ausrichten kann. Sie singt nicht einen Gesang, sie singt eine Rolle; sie singt nicht die einzelnen Nummern, sie singt die ganze Partie – sie gibt uns nicht blos Musik, sondern sie gibt uns durch die Musik das, was wir immer vermißten, und was die Opern trotz des vielen Klingklangs leer und hohl machte, sie gibt uns die Poesie.“

Eine geborene Heldin

Im Tageblatt vom 11. Juli 1834 erfährt man gleich zu Beginn, wo die Stärken und Grenzen der Künstlerin liegen: „Sophia Schröder ist auf der Bühne eine geborene Heldin, deren echt heroische Kraft sich weniger durch Emphase und Declamation, als durch das innere Seyn und Bewußtsein ausspricht.

Was sie darstellt, so gigantisch sich ihre Gebilde formen, das ist sie – sie ist im Tragischen unstreitig noch jetzt die erste Künstlerin, wir wüßten wenigstens niemand, den wir ihr zur Seite zu stellen wagten. Neben ihren Gebilden schrumpft alles Andre pygmäenartig zusammen, ja im Idealen entwächst sie völlig dem physischen Auge und nur das geistige kann sie erfassen.

Ihr Vortrag ist etwas so rein und scharf Ausgeprägtes, daß dem, der das Schwierige solch’ einer Deutlichkeit fassen kann, es klar werden muß, daß nur ein langjähriges herkulisches Ueben zu dieser Vollendung bringen konnte. Der Ton ist aber durch seine Strenge und Klarheit nicht mehr zum Flüstern der Liebe zu verwenden; hier hat sich die Künstlerin selbst eine Linie gezogen, die sie nicht überschreiten darf …

Ihre Sprache ist mehr plastisch, als musikalisch ausgebildet, ja wir möchten behaupten, durch die plastische Ausbildung habe die Musik der Sprache gelitten – die weichen, zarten Klänge sind erschrocken vor der Größe entflohen.

Ihre Declamation müssen wir bewunderungswürdig nennen, denn selbst in den Momenten der höchsten Leidenschaft, wo ihr Jupiters Donnerkeil auf den Lippen ruht und Blitz und Donner hinaustoben, das Mark des Zuhörers erschütternd, selbst da steht die ganze Rede vor uns, als wäre sie in den reinsten Marmor gegraben.

So eine erhabene Erscheinung die große Künstlerin für den Kunstfreund noch immer ist, so muß er doch mit wahrer Wehmuth eingestehen: auch an dem Erhabensten auf Erden nagt der Zahn der Zeit. Steht auch der Bau noch stolz und gewaltig da, so sieht doch der Zuschauer, der ihn einst in seinem höchsten Glanze gekannt und bewundernd angestaunt hat, daß er anfängt zur Ruine zu werden, doch auch die zur Ruine verfallene Majestät wird es noch laut verkünden: aus mir leuchtete der Höhepunct der Kunst.“

*Peter Uhrbach, Autor und Wagner-Rechercheur

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Es gibt 2 Kommentare

Liebe Redaktion, bitte macht aus der “80” eine “180” am Textanfang, dann stimmt’s.

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