Oliver Stones, auf das Gesamtwerk gesehen, eher weniger bekannten Film „Ukraine on Fire“ (2016) zu zeigen, ist am gestrigen Abend, 18. August 2022, nicht das eigentliche Problem der globalisierungskritischen Veranstaltungsreihe „globaLE“ geworden. Doch die einseitige und wenig reflektierte Vorbereitung der Filmdarbietung, das Verhalten des Festival-Machers Mike Nagler vor Ort und die daraufhin eskalierende Debatte am Richard-Wagner-Hain mit Kritikern könnte das Aus für die „GlobaLE“ im kommenden Jahr bedeuten.

Noch wenige Stunden vor dem Beginn der Filmvorführung von Oliver Stones „Ukraine on Fire” ist die Dokumentation des Hollywood-Regisseurs ein Kulturtipp beim Stadtmagazin „Kreuzer“, stellt also für die Magazinmacher ein gewisses Highlight im Rahmen der „GlobaLE“ statt eines Ärgernisses dar.

Zur gleichen Zeit gibt die Stadtverwaltung Leipzig auf einen wachsenden Druck im Netz hin ein ungewöhnliches Statement via Twitter heraus, was – als Partnerstadt Kiews – wenig Spielraum für Interpretationen lässt. „Die Stadt Leipzig distanziert sich ausdrücklich von dem beim Festival globaLE gezeigten Film ‚Ukraine on Fire‘. Wir unterstützen die Ukraine und unsere Partnerstadt Kiew nach Kräften gegen die brutale russische Aggression.“

Kurz danach betont man jedoch auch, dass „im Unterschied zu einem autoritären Regime (…) eine Demokratie das Zeigen eines Films zweifelhaften Inhalts aushält.“ Dabei ist man eigentlich schon in die Falle getappt, die dann am Abend vor Ort – dann für den Veranstalter der gobaLE selbst – erneut zuschnappen würde. Dem Mangel an Kontext.

Oliver Stones Film erschien vor acht Jahren und kann die Abläufe seither und damit natürlich den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg Putins, also die „brutale russische Aggression“ (Stadt Leipzig), auf die Ukraine nicht einbeziehen.

Während also die Stadt Leipzig ein Filmdokument von 2016 aus der heutigen Perspektive verdammt und ohne weitere inhaltliche Argumente bewertet, liegt der Verdacht nach dem gestrigen Abend andererseits nahe, dass „globaLE“-Macher Mike Nagler (siehe Video) in der gleichen Zeit, vor allem aber seit dem 24. Februar 2022 nichts dazugelernt hat.

Der Film selbst: Russland first

Oliver Stone zeigt nach einer Rückschau auf die wechsel- und oft leidvolle ukrainische Geschichte vor allem die Vorgänge rings um den Maidan 2013 und 2014, die (in allen seinen Filmen scharf kritisierte) Rolle der USA und der EU dabei und bietet beispielsweise einzigartige Einblicke in die Sichtweisen des im Februar 2014 nach Russland geflohenen Ex-Präsidenten Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch oder Wladimir Putins in jener Zeit.

Victoria Nulands „Fuck the EU“, das Investment in die Maidanbewegung und das Wirken neokonservativer Kreise in den USA bis hin zur CIA wird hier in Stone-typischer Angriffslust auf diese ebenso gezeigt, wie die brutale Ermordung von Maidan-Demonstranten und Polizisten. Auch der Einfluss von Ultranationalisten wie den „Rechte Sektor“ auf die gewaltvollen Eskalationen während der Maidan-Proteste wird thematisiert.

Gerade die Videosequenzen des nachweislich stattgefundenen Überfalls auf ein prorussisches Protestcamp in Odessa und die anschließenden Ermordungen russischstämmiger Ukrainer durch Entzünden eines Gewerkschaftshauses hinterlassen für sich gesehen den Eindruck einer gewaltvollen inner-ukrainischen Auseinandersetzung unter dem Einfluss des Westens wie auch Russlands.

Dabei raunt der Film etwas viel, wenn er nicht beweisen kann, oft stellt er Zusammenhänge anhand angeblich anrüchiger, ukrainisch-amerikanischer Kontakte her, wo Belege für gemeinsames Handeln offenbar fehlen und vor allem wird nahezu durchgängig der prorussischen Seite Raum zur Kommentierung gegeben. Einerseits wertvoll zum Verständnis der russischen Seite, andererseits das Hauptmanko des Films durch fehlende Gegenargumente.

Teils wirkt es so, als ob sich der Amerikaner Stone in Unkenntnis und mangelnder Recherche innerrussischer Machtstrukturen naiv darauf verlässt, dass Wladimir Putin die Wahrheit verkündet, während er den administrativen Strukturen seines Landes die ihm lange bekannten Macht-Mechanismen gekonnt vorwerfen kann.

Die schiefe Ebene des Filmes wird überdeutlich, wenn er die (misslungene) Vergiftung des eher pro-europäischen Janukowytsch-Vorgängers Wiktor Juschtschenko indirekt dem Westen vorwirft, da Juschtschenko ja 2004 deshalb nur aus Mitleid von den Ukrainer/-innen gewählt worden wäre.

Und weil bei Stone alles in der US-Administration geplant stattfindet, sieht er hier die Taktik, Juschtschenko sei ein „geheiligtes Opfer“ gewesen, seine Wahl also ein ausgeklügeltes USA-Spiel aus Fast-Tod und Wahlerfolg. Dass es in Russland einen Geheimdienst gibt, der offensichtlich vor der Ermordung von Gegnern des Putinschen Machtapparates nicht zurückschreckt und dies gern mal mit Gift bis radioaktiven Substanzen versucht, findet bei Stone im Interesse der Story keinen Platz.

Immer auch, wenn etwas nicht abschließend aufgeklärt werden kann, ist es bei ihm die USA, der Westen und das große Bild vom friedlichen Russland. So ist dann auch das Referendum im März 2014 auf der Krim ein wahres Vorbild an demokratischer Teilhabe des Volkes gewesen, wenn man Putin glaubt, welcher anschließend dann noch unwidersprochen den Wert des Schwarzmeerzuganges für russische Machtinteressen herunterspielen darf.

Manches in „Ukraine on Fire“ ist heute längst von den Ereignissen überholt, manches widerlegt, anderes bestätigt. So haben führende Köpfe der EU längst eingeräumt, der Ukraine 2013 via IWF nicht genügend Angebote gemacht zu haben, damit Janukowytsch den im Film beschriebenen, engen Wirtschaftsdraht zu Russland hätte verlustfrei kappen können. Und es bereut, angesichts der, dem Scheitern des westlichen Handelsabkommens mit der Ukraine nachfolgenden, Entwicklungen.

Ob Janukowytsch jedoch den Bruch mit Russland jemals wollte oder dies wirklich die Reaktion Russlands auf ein EU-Handelsabkommen gewesen wäre, fragt Stone nicht. Dafür stellt er rings um den Abschuss der Malaysian Airline-Maschine Behauptungen auf, die heute, Jahre später, als objektiv falsch gelten.

Gleichzeitig zeigt der Film wiederholt einen gerade aus deutscher Sicht überzogenen Nationalismus in Teilen der ukrainischen Bevölkerung – allerdings hier auch nur den pro-westlichen. Den neu erstarkten, russischen Blut-und-Boden-Kult und Putins Zarenreichphantasien sieht man nicht.

Das Problem des Filmes, bleibt er ohne Einordnung: kritiklose Anhänger dieser eindimensionalen Interpretation der Vorgänge in der Ukraine ziehen bis heute eine gerade Linie der Unveränderbarkeiten, nennen die nach dem Maidan neu entstandenen Strukturen und handelnden Menschen pauschal und damit falsch bis heute „faschistisch“, während sie die Regierung der Ukraine um den 2019 direkt gewählten Präsidenten Wolodymyr Selenskyj als „Kiewer Regime“ titulieren.

Und versuchen allen Ernstes, damit den Überfall Russlands vom 24. Februar 2022 und die nachfolgenden schwersten Kriegshandlungen seit dem II. Weltkrieg auf europäischem Boden gegen einen Nachbarn zu rechtfertigen. Ganz im Sinne Wladimir Putins völkerrechtlich widersinniger Lesart dieses Angriffskrieges als eine Art verkappte Vorwärtsverteidigung.

Und blind für eine unter dem Aggressor leidende Zivilbevölkerung, welche zu Millionen ihr Heimatland verlassen musste.

Vernagelte Sichtweisen bei der „globaLE“

Ganze 30 Menschen sind um 20 Uhr an den Wagner-Hain ans Leipziger Elsterbecken gekommen, um den umstrittenen Streifen von Oliver Stone zu sehen. 3,99 Euro immerhin kostet der Streifen aktuell auf YouTube, hier gibt es ihn dank der jährlichen 12.000 Euro Fördermittel der Stadt Leipzig für die Veranstaltungsreihe kostenfrei zu sehen.

Nach einem Festival-Highlight sieht das publikumsseitig nicht aus, doch der Protest ist ebenfalls gekommen. Rasch kommt es zu Wortwechseln mit einigen der Filminteressierten, unter anderem mit dem Ex-Linken-Stadtrat und Rechtsanwalt Alexej Danckwardt, dessen Herz (im Video hörbar) noch immer für Stalin schlägt.

Ohne weitere Umschweife versucht „globaLE“-Macher Mike Nagler den Film zu starten und wirbt statt eines Angebotes an den Protest noch schnell für eine kommende Demonstration, welche er ganz friedensbewegt für den 1. September 2022, den „Weltfriedenstag am Tag des Überfalls der Wehrmacht auf Polen“ angemeldet hat.

Übrigens mit technischer Unterstützung des Leipziger Stadtverbandes der Linkspartei, welche laut LZ-Informationen anfangs sogar überlegte, mit Mike Naglers Netzwerk gemeinsam zu demonstrieren.

Der Hauptvorwurf der anwesenden Trommelgruppe und Geflohenen-Initiativen bis hin zur Landtagsabgeordneten Juliane Nagel (Linke) wird ab hier rasch deutlich: Die vor Ort von Nagler betonte Gesprächsbereitschaft mit vorgeblich allen Seiten des Konfliktes ist eine Farce.

Eingeladen und namentlich benannt sind im „globaLE“-Programmheft nämlich nur zwei Vertreter/-innen, die seit Jahren Vereinshilfe ausschließlich im Donbass, also im russisch dominierten Gebiet leisten. Das Gespräch und die Einordnung des Filmes sollen nach dem Streifen mit ihnen schon programmatisch vorgegeben nur einseitig stattfinden, die Perspektive eine verengte sein.

Geflohene Ukrainer/-innen sind als Debattenbeteiligte offiziell nicht vorgesehen gewesen, auch andere Vertreter/-innen der pro-europäischen Seite der Geschichte sollten (nun laut Nagler vor Ort) gern kommen. Aber laut seiner Planungen anschließend der eindeutig pro-russisch vorbereiteten Nachbesprechung des Films als Publikum lauschen.

Mehr noch, „eine Podiumsdiskussion soll gar nicht stattfinden“, so Nagler erregt, bevor er verkündet, dass er grundsätzlich „mit Faschisten nicht reden“ würde, während die Filmvorführung nun wieder gestoppt ist. Was ab hier geschieht, beschäftigt seit gestern auch die Polizei, welche von Mike Nagler kurz darauf herbeirufen wird.

Während Mitglieder einer ukrainischen Geflohenen-Initiative mit ihm dennoch weiter reden wollen, antwortet Nagler stets via Mikrofon, was zunehmend von oben herab wirkt, statt diskursbereit auf Augenhöhe. Eine Frau soll nun nach seinem Mikrofon gegriffen haben, sie habe es „kaputtgemacht“, verkündet Nagler wenig logisch durch eben dieses Mikrofon daraufhin, während erste Zuschauer und auch Landtagsabgeordnete Juliane Nagel dazwischengehen.

Denn gleichzeitig soll Nagler im Gerangel die Frau geschlagen haben, ein nahestehender Zeuge der Szene streitet dies kurz darauf nicht ab, sondern zuckt nur mit den Schultern. Mit „gehen Sie doch einfach“, endet dann die Gesprächsbereitschaft Naglers endgültig gegenüber einer weiteren jungen Ukrainerin, welche ihn zum Faschismusvorwurf zur Rede stellt.

Kurz darauf tituliert Nagler den Widerspruch noch als Propaganda, dann läuft der Film wieder, eine versuchte Versammlungsanmeldung wird abgelehnt und die herbeigeeilte Polizei drangsaliert noch ein bisschen den Gegenprotest.

Dabei verkündet ein offenkundig schlecht ausgebildeter Polizeibeamter rechtswidrig, der TV-Journalist Thomas Datt habe die polizeilichen Maßnahmen gegen den Protest nicht zu filmen, während ein paar seiner Kollegen kurz darauf fast schon amüsiert Juliane Nagel hin- und herschubsen, als diese klären möchte, warum nun der längst nicht mehr trommelnde Gegenprotest weggetragen werden soll.

Es beginnt zu regnen, was wohl nicht nur umwelttechnisch das Beste an diesem Abend bleiben wird. Für das kommende Jahr wünscht man der „gobaLE“ neue Veranstalter oder den Entzug der städtischen Fördermittel angesichts solchen Mangels an Einordnung und Diskurs bei strittigen Themen und Filmen samt Polizeieinsatz als „Lösung“.

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Es gibt 12 Kommentare

Schade, dass sich mit solchen Aktionen die Ukrainer selbst immer mehr in ein schlechtes Bild rücken und damit denen, die sagen, die Ukraine sei ein sehr nationalistisch geprägtes Land, in die Hände spielen. Wie kann man auf eine solch primitive Weise eine Filmaufführung in einem demokratischen Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht, stören? Eindrucksvoller wäre es gewesen, in der nachfolgenden Diskussion die Stellen in dem Film, die nicht stimmen sollen, aufzuzeigen und damit auf eine mögliche Manipulation hin zu weisen. Jetzt wird auch in Zukunft keiner genau wissen, was stimmt an dem Film und was vielleicht nicht.
Herr Nagler bleibt erstaunlich ruhig bei diesen Unverschämtheiten.
Die Abgeordnete von den Linken geht gar nicht. Es gibt bei den Linken so gute Leute und es ist schade, dass die Partei durch solche Personen immer mehr verliert. (und durch scheinbar immer mehr Transatlantiker, Neoliberale und Globalisierungsbefürworter unter den Linken).
Den Artikel selbst finde ich eher schlecht, da er wenig Substanzielles enthält, was dazu dienen könnte, sich selbst eine Meinung zu bilden. Soll man wohl auch nicht.
Das Niveau der Störer scheint für den Autor nicht weiter erwähnenswert zu sein.

Seien Sie vorsichtig mit Ihren Wünschen Frau Eicker, oder wollen Sie gar selbst inhaltlich etwas hierzu beitragen? Die Messlatte hat hier ganz eindeutig das liebreizende Geschöpf am Rand der Veranstaltung, mit ihren Rufen nach der fehlenden Einladung, gelegt. Aber es steht Ihnen frei, diese gern noch etwas tiefer zu legen, sofern die Redaktion das auch zulässt.
Oder lesen Sie mal Susann Kohout, TU Braunschweig, in Ihrer Dissertation über “Die Bedeutung von Emotionen bei der Rezeption von Nutzer*innenkommentaren zu Online-Nachrichten” dazu:
“Interessanterweise führten auch rationale, nichtemotionale Ausdrucksweisen zu reaktanten Reaktionen. .. Zu rationale Ausdrucksweisen könnten entsprechend das gegenseitige Verstehen verhindern.”
Asymmetrische bzw. symmetrische affektive Disposition und Perspektivübernahme, ab Seite 198.
Ich für meinen Teil habe lediglich das Gesehene auf meine eigenen Erfahrungen bezogen.
Etwas Selbstreflektion täte Ihnen vielleicht auch ganz gut. Bin gespannt auf Ihre Ergebnisse.

“Geht mir auch immer so wenn ich was getrunken habe. Was nicht heißen soll, dass ich dann rum pöble und meine Nationalität unerwünscht in das Mikro rufe.”? Ernsthaft? Gehts noch ne Etage Niveauloser?

PS: um weiter Ausgrenzungen zu vermeiden fordere ich, dass weitere Diskussionen hier in Suaheli geführt werden.

Klassisches Paradoxon: eine Person die keinen Namen hat, aber so wichtig ist, dass Menschen hysterisch dafür protestieren, damit sie zu einer Veranstaltungen namentlich eingeladen wird. Vielleicht sollten wir dich alle mal förmlich um Entschuldigen bitten? Aber wie? Dann bitte noch die Liste mit den Personen die dagegen nicht mehr eingeladen werden dürfen nachreichen. Danke.
Bis zu “Wir sind hier um dagegen zu sein, weil wir das nicht in Ordnung finden..” hatten Sie mich schon. Selbst sagen Sie ja: “schon vor dem Film” .. “spannende Diskussionen geführt” zu haben. Nur ist nicht jede Protestveranstaltung, einschl. Gegenprotest, ein Versuch Meinungen zu beeinflussen? Wer frei von Narrativen ist, werfe den ersten Stein. Im späteren Verlauf wird es leider immer emotionaler. Verständlich, bei dem Thema und wenn nur 10 Leute als Support-Gruppe dabei sind. Geht mir auch immer so wenn ich was getrunken habe. Was nicht heißen soll, dass ich dann rum pöble und meine Nationalität unerwünscht in das Mikro rufe. Den Teil mit dem Faschismus leugnen schon eher.
“Ideologen (und damit schließe ich Religionen ein) sind wie Arschlöcher, jeder hat eins, gewöhnlich redet man nicht drüber, schon gar nicht zeigt man es überall herum. Und wenn doch, dann nur weil etwas damit nicht stimmt.” Hat mal jemand Schlaues so oder so ähnlich gesagt.
Pro forma hier schon mal die Entschuldigung an alle die mich vergessen dieses Weihnachten bei sich Zuhause ein zu laden. Ist nicht schlimm, aber spart auch keine Heizkosten.

Danke für den Kontext, Herr Freitag. Das waren noch Zeiten, als der Finanzrevisor Pfiffig hier noch sein Unwesen trieb, und ich mir sogar sein Buch kaufte. Leider.
Die Kritik an Herrn Dankwardt bzw. die Richtung, wie ich seine Äußerungen einzuordnen habe, verstehe ich glaube jetzt besser. Die Form, wie er von mehreren Personen angegangen wird, lehne ich weiter ab.

Sie haben mit der “Lenkungsmacht” ein griffiges Wort in die Debatte gebracht. Ich denke, die hatte Herr Nagler wohl mit seinem Mikrofon. Aber die Macht war klein, denn gegen hysterisch schreiende Menschen, die nach Fallstricken in der Argumentation und Wortverdrehung gieren, kommt man auch damit offensichtlich nicht an.

Ich kenne nicht alle Filme von Oliver Stone. “Platoon” fand ich sehr sehenswert, aber das auch eher aus der Sicht eines Kunstfilms. Warum es unerträglich sein soll, das man einen Film von ihm aufführen lässt und erst danach diskutiert und seine Meinung äußert, warum man als Abgeordnete des Staates in eine ruhig ablaufende, mäßige Polizeimaßnahme hineingeht und meint sie eigenhändig beenden zu können, und Sie dann noch schreiben, das Frau Nagel dort zwischen den Polizisten doch nur etwas “klären” wollte, das erschließt sich mir nicht. Ich sehe mir das Video an und habe überhaupt keine Lust auf diese Leute, dafür jedes Verständnis für die Leute, die dort beleidigt und aggressiv angegangen werden.
Und wären dort Querdenker gegen einen Film von Linken mit diesen Methoden vorgegangen, hätten Sie vermutlich nicht erst nach “Kontext” und “Lenkungsmacht” gesucht. Aber wie gesagt, ich vermute nur.

Der Videoausschnitt ist in der Tat sehr interessant. Erstaunlich und bewundernswert, wie besonnen Mike Nagler versucht, die Situation zu entschärfen und auf die Möglichkeit einer sachlichen Diskussion am Ende für ALLE verweist. Sehr schade, dass immer mehr die Unkultur des Pöbelns und Störens unter dem Motto “Haltet Eure Fresse” oder “…Du Arsch” gegenüber Andersdenkenden Einzug hält.
Die Aussage im Artikel, Wunsch nach neuer Leitung oder Enzug der städtischen Förderung, ist halt ein echter Michael Freitag…
Sehr guter Kommentar von Sebastian.

@Sebastian: Ich gebe hiermit gern weiteren Kontext in die Debatte, da der Artikel eh lang genug war/ist und nicht alles hineinpasste. Sie spielen zum Beispiel aus meiner Perspektive (siehe Kontext) die Äußerungen von Herrn Danckwardt herunter, wenn Sie glauben, er würde mit seiner Stalin-Bejahung nur reagieren.

Ebenso stellen Sie leider nicht die Frage, wer in solchen Situationen die sogenannte Lenkungsmacht darüber hat, wie ein Abend verläuft. Ich gehe davon aus, dass es der Veranstalter ist, zumal im Wissen um die Kontroverse – alles andere finde ich ein wenig unredlich, zumal nach der Aufregung schon vor dem Filmstart.

Ich gebe also zu bedenken, dass Sie etwas von den Füßen auf den Kopf stellen, wenn Sie diese Lenkungsmacht unterschätzen und damit die Möglichkeiten, so einen Abend ordentlich und ausgewogen vorzubereiten, deutlich untertreiben. Offenbar, um den beiden geflohenen, jungen Ukrainerinnen das Recht auf Protest gegen eine solche Darstellung der Ereignisse in ihrer Heimat abzuschwächen.

Dass dies nicht in bessere Bahnen gelenkt wurde, liegt nicht an ihnen.

Hier noch der versprochene Kontext. https://www.l-iz.de/politik/leipzig/2016/01/der-fall-danckwardt-fraktionsaustritt-des-leipziger-stadtrates-124361

Einfach verstörend, sich diese Situation anzusehen. Gibt es eigentlich auch Videoaufnahmen der unglaublich hysterisch schreienden Frau, die mit “Warum hast Du sie nicht eingeladen, Du Arsch?” offenkundig mehrfach eine Beleidigung sendet?
Trommelnde Leute, die eine Filmvorführung stören wollen, obwohl der Anmelder ganz ruhig darauf hindeutet, dass er sich NACH dem Film eine Diskussion wünscht?
Dann um 3:50 herum diese Situation, wo eine Hand voll Leute gegen den anderen, blau gekleideten Mann andiskutiert, er dennoch ruhig bleibt und dabei versucht sich jedem zu widmen? Er geht leider auf die Stalin-Vorlage ein und sagt irgendwas dazu, anschließend führt die blonde junge Frau ab 4:05 eine Art Performance vor ihm auf. Ich hab keine Ahnung, warum er dort stehenbleibt und sich der “gegnerischen” Gruppe ruhig widmet, obwohl sie im Stakkato auf ihn einreden und dabei auch lauter werden, völlig egal was er sagt.
Der Mann am Mikro sagt später, es gäbe hier in Deutschland immer mehr ukrainische Nationalisten, was die junge Störerin sofort auf sich bezieht und ihn immer, immer wieder lautstark unterbricht. Aus dieser allgemeinen, diskussionswürdigen Äußerung wird ein Wortgefecht über “es sind gar nicht Alle Nationalisten” (was er nicht behauptet hat). Später wird bei 7:34 irgendwas aus dem Hintergrund gerufen, was zu leise ist um es zu verstehen, worauf der Mann am Mikrofon wiederum reagiert mit “Wir wollen mit Faschisten nicht diskutieren, das ist richtig, aber…” und wird SOFORT wieder von der jungen Frau unterbrochen, die diese allgemeine Aussage WIEDER auf sich bezieht und antwortet “ich bin keine Faschistin!”.

Sich diese Szenen anzusehen ist einfach absurd. Es geht allein darum zu stören, den Film zu verhindern, und solange irgendwas rumzubrüllen, Plakate wegzunehmen (am rechten Rand der Leinwand), bis irgendwas eskaliert, jemand die Nerven verliert, und die ganze Sache am Besten gar nicht stattfinden kann. Cancel Culture wie aus dem Lehrbuch. Bei 8:34 wird dann noch ein neckisches “Als Gäst:in eingeladen!” reingebrüllt. Völlig lächerlich.
Ich hätte gern die Ruhe und nervliche Belastbarkeit, die dieser Herr Nagler lange Zeit bewahrte. Ich wäre viel früher ausgerastet, bei all dieser aufgeladenen, hineingesteigerten Hysterie und Lautstärke, die jeden Diskurs von vornherein unmöglich macht.

Ich verstehe auch die Kritik nicht an dem Thema Podiumsdiskussion: Diese beleidigende, respektlose Frau im Hintergrund fragt ja wiederholt, wen er (der “Arsch”, wie sie ihn immer wieder nennt) denn aufs Podium eingeladen hätte. Die Antwort, dass es kein Podium gäbe, sondern es eine globale Diskussion (?) wäre, ist doch erst mal eine Erklärung.
Auch der Satz um 10:00 “geh einfach nach Hause” zu der jungen Dame mit Akzent, die ist doch nach all dem Geschrei in seine Richtung, dem Drohen mit ihrem Trommelstock in seine Richtung (fast in Berührungsnähe), nach ihren ständigen Unterbrechungen über 10 Minuten hinweg und der Energie, die all das kostet, dann irgendwo auch verständlich und an sich auch völlig banal. Und natürlich meinte er ein jetzt aktuelles, nicht näher bekanntes, “Zuhause”, nicht dieses Wortverdrehspiel von Russland oder der Ukraine, was die Demonstranten im Anschluss sofort wieder entwickeln um weiter laut sein zu können und zu provozieren.

Allgemein fällt auf, dass fast alle Wortmeldungen aus der Richtung der Filmzeigenden ruhig und erklärend sind, während die absolute Mehrheit der Wortmeldungen der Demonstranten pöbelig, unhöflich, unkonstruktiv und einfach nur eskalierend-störend sind.

Danke Michael Freitag für diesen Artikel und die Einordnung von Film und Hintergründen. Und danke auch für die Bereitstellung des Videos, damit man sich einen Live-Eindruck dieser Situation verschaffen kann. Der erste Satz im letzten Absatz war eines der Highlights. 🙂

et audiatur altera pars – uralter kernspruch – hat sich auch nach 2000 jahren noch nicht ‘rumgesprochen. andererseits: ich hab’s in der schule gelernt – 6te / 7te klasse. nicht sooo schlecht.

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