Was die AfD-Fraktion im Leipziger Stadtrat praktiziert, unterscheidet sich nur graduell von dem, was die blauen Fraktionen auch im Land und im Bund versuchen: Man versucht, mit Anträgen Positionen wieder für gesellschaftsfähig zu verkaufen, die dem Geist der Demokratie zutiefst widersprechen. Unter anderem versucht hat es die Leipziger AfD-Fraktion mit dem Antrag, das 1945 abgerissene Siegesdenkmal auf dem Markt wieder zu errichten. Als hätte Leipzig die Folgen von Krieg und Militarismus längst vergessen.

Natürlich verraten solche Anträge, in welchem Geist diese „Alternative“ unterwegs ist, die ihre politischen Ideale in einer Zeit sucht, als Säbelrasseln, Nationalismus und die Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ typisch waren für ein erzkonservatives Bürgertum, das 1933 den direkten Schulterschluss mit den Nationalsozialisten suchte.

Als Leipzigs Ratsversammlung 1945 den Beschluss fasste, dieses Denkmal abräumen zu lassen, wusste man noch sehr genau, wohin der preußisch-deutsche Militarismus, der mit dem Denkmal gefeiert wurde, geführt hatte. Das war nämlich im Stadtgebiet überall zu sehen.

Weit mehr als unanständig

Es ist weit mehr als unanständig, wenn die AfD-Fraktion in ihrem Antrag der damaligen SPD-Fraktion unterstellt: „Die antragstellende Fraktion geht davon aus, dass es sich bei dem Antrag der SPD vom 13.09.1945 um einen Akt ‚vorauseilenden Gehorsams‘ und der Anbiederei an die sowjeti­sche Besatzungsmacht handelte.“

Als wenn die SPD nicht gerade eine von jenen Parteien gewesen wäre, die von den Nationalsozialisten verboten und bekämpft worden waren und deren Mitglieder meist genauso Gefängnis und KZ erlebten wie die der KPD, wenn sie nicht in die Emigration gegangen waren.

Oder passt hier das Wort zynisch besser?

Abriss als Zeichen eines Neuanfangs

Das Kulturdezernat jedenfalls gibt der von so altem Kriegergeist beseelten AfD-Fraktion Paroli und erklärt deutlich, warum dieses Siegesdenkmal auch im Jahr 2022 nichts auf dem Leipziger Marktplatz zu suchen hat.

„Der Abriss des Siegesdenkmals auf dem Marktplatz 1946 war ein im öffentlichen Raum sichtbares Zeichen des Neubeginns nach Krieg und NS-Herrschaft und entsprach vollumfänglich jenem Zeitgeist. Jede Rehabilitierung des preußisch-deutschen und dezidiert antifranzösischen Siegesdenkmals rührt am antifaschistischen Grundkonsenses der Nachkriegsordnung und widerspricht dem Gedanken der europäischen Aussöhnung“, stellt das Kulturdezernat fest.

Die erste Beschwerde bei Wiedererrichtung dieses Denkmals dürfte dann direkt aus Leipzigs Partnerstadt Lyon kommen. Wobei auch den anderen Partnerstädten sehr mulmig werden dürfte, wenn in Leipzig wieder so ein Kriegerdenkmal aufgestellt würde.

Das Kulturdezernat gibt den Blauen noch eine kleine Geschichtslektion, warum das heutige Leipzig ganz bestimmt nicht in der Tradition der alten Kriegervereine steht.

Ein deutliches Zeichen gegen Krieg und Militarismus

„Der Abriss des Siegesdenkmals auf dem Leipziger Marktplatz 1946 war ein im öffentlichen Raum weithin sichtbares Zeichen des Neubeginns nach Krieg und NS-Herrschaft. Wiewohl der Abriss zu diesem Zeitpunkt formal gesehen noch nicht aufgrund der von den Besatzungsmächten geschaffenen Gesetzeslage zwingend war, entsprach er zweifellos und vollumfänglich jenem Zeitgeist, wie er sich nach den Zerstörungen des von Nazi-Deutschland ausgegangenen Krieges sowie den Verbrechen des NS-Regimes unvermeidlich äußerte.

Nicht zufällig wurden bereits am 1. August 1945 im Zuge der weitergehenden Entnazifizierung auch Straßennamen wie Augustusplatz sowie Kaiser-Wilhelm-Allee und Bismarckstraße umbenannt.

Hatten sich doch insbesondere auch die Hohenzollern-Dynastie sowie die Vertreter der altpreußischen Generalität mit Reichspräsident von Hindenburg an der Spitze durch Kampagnen wie die ‚Dolchstoßlegende‘ und Ereignisse wie den Tag von Potsdam 1933 als ‚Totengräber der Demokratie‘ von Weimar kompromittiert und teilweise tief mit dem NS-Regime eingelassen; zudem spielte der Bezug auf eine Wiederholung des Sieges von 1870/71 bei der publizistischen Begleitung des Angriffs auf Frankreich 1940 sowie generell bei der geistigen Mobilmachung der deutschen Bevölkerung stets eine Rolle.

Die antimilitaristische Tradition gehörte wiederum im Kern zum Selbstverständnis der SPD, die nach den immensen Opfern der Gleichschaltung und NS-Verfolgung nach 1945 in der Verantwortung für den Wiederaufbau verständlicherweise auch für eine Aufarbeitung der Verstrickung von Militär und Terrorherrschaft eintrat.

Hier von einem ‚Akt der Bilderstürmerei‘ zu sprechen, wäre absurd; vielmehr gehörte das preußisch-deutsche Siegesdenkmal in den Augen der antifaschistischen Kräfte sowie der überlebenden Aktivisten der Arbeiterbewegung zu den seit langem bestehenden Ärgernissen einer militaristisch abgesicherten ‚Klassenherrschaft‘, deren Fortexistenz im öffentlichen Raum als provozierende Belastung für den nötigen Neubeginn aufgefasst werden musste.

Jeder heutige Versuch einer selbst nur verbalen Rehabilitierung des Siegesdenkmals würde daher mindestens indirekt an die Wurzel des antifaschistischen Grundkonsenses der Nachkriegsordnung in Deutschland rühren, was gewiss von den Antragstellern nicht intendiert sein kann.

Zudem würde ein demonstratives Anknüpfen an dieses dezidiert antifranzösische Monument dem heute für uns so wichtigen Gedanken der europäischen Aussöhnung widersprechen, dem nicht zuletzt das Völkerschlachtdenkmal seine neue Akzeptanz auf europäischer Bühne sowie in der Stadtgesellschaft verdankt. Eine zeitgemäß kritische Vergegenwärtigung des Siegesdenkmals wurde zudem erst kürzlich mit dem viel beachteten Projekt ‚Zucker.Rausch.Germania‘ der Schaubühne Lindenfels im Jahr 2021 geleistet.“

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