In der nächsten Ratsversammlung wird das von der Stadt erarbeitete „Biotopverbundkonzept für die Stadt Leipzig“ zwar noch nicht zur Abstimmung stehen. Aber das ist auch nicht so schlimm. Denn es stecken drei Jahre Arbeit darin, die Umweltverbände waren eingebunden. Und selbst in der Verwaltung hat die Arbeit an dem Konzept schon zu einem Umdenken geführt, auch wenn sich das beim Streit um diverse Projekte im Stadtgebiet so bisher nicht zeigte.
Man denke nur ans Jahrtausendfeld. Doch um Biotope in Leipzig besser zu schützen, hat die Stadtspitze jetzt auf Vorschlag von Baubürgermeister Thomas Dienberg die sogenannte Biotopverbundplanung auf den Weg gebracht. Es geht um Wälder, Gewässer, Wiesen und Gehölze – und das, was dazwischen fehlt.
Oder mit der Formulierung der Stadt: „Der Biotopverbund ist ein Netz aus Lebensräumen für Tiere und Pflanzen. Nur wenn diese dauerhaft miteinander verbunden sind, können Arten ungehindert zwischen den Flächen wandern oder sich ausbreiten. Nur so wird dem Artensterben entgegengewirkt und kann biologische Vielfalt erhalten bleiben. In einer wachsenden Stadt wie Leipzig sind jedoch viele Ansprüche an die Fläche miteinander in Einklang zu bringen. Für den Bau von Wohnungen, Kitas und Schulen sind in den letzten Jahren viele Brachflächen bebaut und Lebensräume eingeschränkt worden.“
Jedes neue Bauprojekt gefährdet vorhandene Grünbereiche. Egal, ob es die Schulcampus-Pläne am Jahrtausendfeld waren oder geplante Verbau eines Stücks Elsterufer in der Holbeinstraße. Leipzigs Ämter entscheiden oft nach Schema F, Natur- und Landschaftsschutz spielen bei den Abwägungen für Baugenehmigungen immer wieder nur eine untergeordnete Rolle. Was die Stadt den Umweltverbänden, die gegen diese Bauprojekte protestieren, auch immer wieder in trockenem Amtsdeutsch erklärt.
Was nicht neu ist. Das Thema sorgt in den Leipziger Umweltverbänden seit Jahren immer wieder für Entsetzen. Erst recht, wenn städtische Ämter nach ihren Genehmigungen trocken erklären, dass der Schutz wertvoller Biotope für ihre Entscheidungen keine Rolle gespielt hat. Oder man die geschützten Arten ja einfach irgendwo anders ansiedeln könnte. Obwohl alle wissen, dass das Unsinn ist und die wichtigen Biotopinseln im Stadtgebiet ja trotzdem zerstört werden.
Das „Kompensations“-Denken muss sich ändern
Und so geht die Biotopverbundplanung auf eine Petition der Umweltverbände aus dem Jahr 2019 zurück. Die Petition bekam das positive Votum des Stadtrates und mündete 2022 in den Auftrag an die Verwaltung, diese überfällige Biotopverbundplanung nun auch zu erarbeiten. Die Verbände wurden dann bei der vorliegenden Konzeption auch eingebunden, bestätigt das Baudezernat, und haben eng mit dem Stadtplanungsamt, dem Amt für Stadtgrün und Gewässer sowie dem Amt für Umweltschutz zusammengearbeitet.
Zwei beauftragte Planungsbüros haben zudem zahlreiche Datensätze zu Artnachweisen und Biotopen in Leipzig ausgewertet und verschiedene Brachflächen entsprechend untersucht. Alle Flächen im Stadtgebiet wurden bewertet, welche Funktion sie im Biotopverbund haben. Das Ergebnis dieser Analyse zeigt auf, in welchen Bereichen die Verbünde weitgehend intakt sind und wo Lücken bestehen, sodass sich Tier- und Pflanzenarten nicht ungehindert ausbreiten beziehungsweise wandern können.
Das Herzstück des jetzt vorliegenden Konzeptes sind drei Karten, die für Leipzig typische (Lebensraum-) Biotopverbünde darstellen. Sie zeigen naturschutzfachlich relevante Flächen auf und wie diese auch außerhalb der Schutzgebiete räumlich miteinander verknüpft sind.
Die fehlenden Übergänge
Und die Verwaltung verspricht auch: Das Biotopverbundkonzept soll bei Fragen der Stadtentwicklung sowie in der Bauleitplanung berücksichtigt werden. Zusätzlich bilde es eine fachliche Grundlage, den Landschaftsplan der Stadt Leipzig fortzuschreiben. Was eine wesentliche Frage noch offen lässt: Wie die Stadt die in den Karten sichtbar werdenden Lücken im Biotopverbund künftig schließen will. Denn wenn Biotope durch Bebauung isoliert sind, fällt es den dort lebenden Lebewesen schwer, in die nächstgelegenen Lebensräume zu wechseln.
Der Beschlusspunkt 2 der Stadtratsvorlage deutet zumindest an, was da künftig passieren soll: „Der Beschlusspunkt 2 ist auf diese Weiterentwicklung ausgerichtet und bezieht sich auf die Fortschreibung des Landschaftsplanes der Stadt Leipzig. Einen wichtigen Bestandteil des Landschaftsplanes bildet die Flächenstrategie für Kompensationsmaßnahmen, die auf Grundlage des Biotopverbundkonzeptes erarbeitet wird. In einer wachsenden Stadt werden regelmäßig Eingriffe in Natur und Landschaft vorbereitet, die durch naturschutzfachliche Aufwertung auszugleichen sind.
Um Verzögerungen in der Bauleitplanung durch die aufwendige Suche von möglichen Kompensationsflächen zu reduzieren, soll die im Rahmen des Verbundkonzeptes bereits ermittelte Kulisse möglicher Aufwertungsflächen mit anderen (soweit nach aktuellem Kenntnisstand bekannten) Raumansprüchen abgeglichen und räumliche Akzente aus gesamtstädtischer Perspektive gesetzt und mögliche Flächen für Kompensation vorsorglich ermittelt werden.“
Das wäre ein echter Strategiewechsel. Denn bislang sucht die Stadt für Kompensationen meist Gebiete am Stadtrand oder gar jenseits der Stadtgrenzen, was dem Biotopverbund in Leipzig aber nicht die Bohne hilft. Wenn man aber schon Planungen hat, wie mögliche Biotopverluste im Stadtgebiet selbst ausgeglichen und dabei Übergänge zwischen den Lebensräumen gestärkt werden können, macht das Thema Kompensation überhaupt erst einmal Sinn.
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