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Der Leipziger Fotograf Martin Neuhof ist nicht nur Leipzigerinnen und Leipzigern durch sein politisches Engagement bekannt. Dieses begann im Jahr 2014, da war er einer der Gründer der Leipziger Initiative „No-Legida“ und war für diese weit über Leipzig hinaus aktiv. 2015 startete er die Fotoaktion „Zeig Dich“ um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen.

2018 rief er das Projekt „Herzkampf“ ins Leben. Dort porträtiert er, in Bild und Text, Menschen in Mitteldeutschland, die sich für Toleranz und Vielfalt einsetzen. Uns gegenüber sagte er dazu 2023 bei der Eröffnung der ersten Ausstellung des Projektes in der Leipziger Peterskirche: „Mit dem Projekt Herzkampf möchte ich Menschen sichtbar machen, die sich täglich für unsere demokratische Gesellschaft engagieren, aber viel zu selten gehört und gesehen werden. Ich setze mich dafür ein, dass in Sachsen der Diskurs nicht noch weiter nach rechts verschoben wird. Dass es endlich gelingt, die Initiativen gerade im ländlichen Raum zu stärken, die sich für eine demokratiefreundliche Gesellschaft einsetzen.“

Die Ausstellung zog durch mehrere ostdeutsche Bundesländer und 2025 folgte der Podcast „Herzkampf – die Unermüdlichen“. In diesem werden die alten schon fotografierten Protagonistinnen und Protagonisten eingeladen und interviewt. Den Fokus legt Martin dabei auf die Frage: Was hat sich seitdem bei Dir und in Deinem Umfeld verändert?

Im Vorfeld der Oberbürgermeisterwahl 2027 in Leipzig hat Martin Neuhof die Webseite „stimmzettel leipzig“ ins Internet gestellt. Dort werden alle Kandidierenden zur OBM-Wahl vorgestellt. Martin Neuhof schreibt dazu: „15 Kandidat:innen treten an. Wer sie sind, wofür sie stehen und wie gewählt wird. Unabhängig, mit Quellen und ohne Paywall.“

Wir wollten wissen, was ihn dazu bewogen hat und haben mit ihm gesprochen.

Herr Neuhof, bei den vielen Projekten die Sie machen und Ihrem gesellschaftlichen Engagement, kommt da manchmal der Broterwerb als Fotograf und das Privatleben zu kurz?

Eigentlich nicht, ich kriege das halt immer ganz gut jongliert, weil ich halt immer mich dann auf ein Projekt fokussiere. Also das ist ja so wie eine Treppe. Erst kam No-Legida, da kam in meiner Mittagspause einfach die Idee, ich möchte halt nicht, dass Pegida beziehungsweise Legida hier in Leipzig Fuß fasst. Das war damals als allererstes nur eine Facebook-Seite und dann ist das riesengroß geworden.

Warum jetzt die Seite „stimmzettel leipzig“?

Es ist mir vor einigen Wochen aufgefallen, dass ich keine gebündelten Informationen zum Wahlkampf finde. Ich habe geguckt und geguckt und dachte mir ich finde zu jedem Kandidierenden einzelne Artikel, aber ich finde keine Übersicht. Das hat mich extrem gestört und da dachte ich mir, ich setze mich jetzt hin und bastele so etwas mal selbst und schau mal wie weit ich komme. Dabei wollte ich auch probieren, im Gegensatz zu Herzkampf, ganz nüchtern Informationen zu sammeln, damit wirklich jeder, der vielleicht nicht meiner politischen Meinung ist, sich trotzdem ein klares, verständliches und neutrales Bild machen kann.

Kandidierende zur OBM-Wahl auf „stimmzettel leipzig“. Screenshot: LZ

Das neue Projekt „stimmzettel leipzig“ zeigt alle Kandidierenden zur OBM-Wahl, ohne Wertung Ihrerseits. Viele Menschen hätten erwartet, dass Sie dort vor der AfD warnen, warum tun Sie das nicht?

Wie gesagt, die Seite soll einfach für alle eine Informationsquelle sein. Wo kann ich mich über die Kandidierenden weiter belesen, wo finde ich Artikel über diese? Die Seite soll eine Art Schaltzentrale sein. Was ja auch geplant ist, ist der OBM-Kompass, dort kann jeder Kandidierende Stellung beziehen. Die Mails gingen schon letzte Woche raus, ein paar Leute haben schon geantwortet. Vor der Wahl kommt noch etwas dazu, womit man sehen kann, welche Kandidierenden die eigenen Positionen am ehesten teilen. Ich denke, das hilft den Menschen, die sich vielleicht nicht 24/7 mit Politik auseinandersetzen. Wenn sie dann überlegen, wen sie wählen wollen, soll die Seite einen Überblick über die Vielzahl von Kandidierenden und ihre Programme bieten.

Bei dem Kompass sollen alle Kandidierenden denselben Fragebogen erhalten. Sie können jeweils zustimmen, neutral bleiben oder ablehnen und eine kurze Begründung dazu schreiben. Wenn jetzt jemand in den Begründungen etwas schreibt wie: Alle rothaarigen Menschen werden aus Leipzig ausgewiesen! Wird das dann so veröffentlicht oder moderieren Sie die Antworten? Das mit den Rothaarigen ist absurd, ich wollte aber nicht auf konkrete Thesen einiger eingehen.

Ehrlich gesagt wäre es komisch, wenn so eine Begründung käme. Die Thesen drehen sich um die Stadt, also um Haushalt, Wohnen, Verkehr oder Kultur, und darum, was Politik hier konkret bewirkt. Was jemand schreibt, steht dort unverändert, es ist seine Antwort und nicht meine Meinung. Nur was rechtswidrig ist, etwa volksverhetzend oder beleidigend, veröffentliche ich nicht.

Gibt es von Ihrer Seite noch mehr dazu zu sagen?

Es ist das erste Mal halt seit 21 Jahren, dass in Leipzig nicht der Amtsinhaber zur Wahl steht, deswegen ist ja auch das Feld so groß. Ich habe die Seite so aufgebaut, dass sie alphabetisch sortiert ist. Darum kommt ein Getu Abraham als Erstes. Für alles, was auf der Seite steht, gibt es eine Quelle, es sind 165 Quellenangaben auf der Seite. Was vielleicht noch interessant ist, ich habe mit Absicht keine Fotos verwendet, und das als Fotograf. Ich finde, die Wahlentscheidung soll nicht von Äußerlichkeiten abhängen. Ich hatte überlegt zu jedem Kandidierenden zu gehen und den zu fotografieren. Dann dachte ich aber, dass in modernen Unternehmen bei Bewerbungen inzwischen auch oft auf Fotos verzichtet wird. Die Qualifikation, ob jemand Bürgermeister wird oder nicht sollte davon abhängen, welche Meinungen und Pläne er hat und nicht davon wie er aussieht.

Auf meiner Seite gibt es kein Tracking, keine Cookies, keine Werbung und es gibt eine eigene Seite in Leichter Sprache. Es gibt die Wahlseite auch in Englisch, weil ja EU-Bürgerinnen und Bürger die seit drei Monaten in Leipzig wohnen und ihren Hauptwohnsitz hier angemeldet haben auch wählen dürfen. Auf der Seite finden sich auch die Informationen zur Briefwahl, zu Terminen, Wahlhelfern und noch mehr.

Meine Idee ist, dass nach der OBM-Wahl nicht Schluss ist. Es kommen Bundestags- und Landtagswahlen, da kann ich mir eine Weiterführung vorstellen. Bei Stadtratswahlen überlege ich noch, ob ich das mit der Vielzahl der Kandidierenden schaffe.

Das war doch ein würdiges Schlusswort. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Fazit: Es lohnt sich, nicht nur für Unentschlossene, die Seite zu besuchen. Die Informationen über die Kandidierenden sind umfangreich und werden ständig ergänzt.

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