Es waren nie wirkliche Kredite und nie echtes Geld, die da an die ostdeutschen Wohnungsgenossenschaften und kommunalen Wohnungsunternehmen geflossen waren. Eigentlich nur fiktive Buchwerte. Aber sie wurden den Genossenschaften und kommunalen Unternehmen einfach in die Bücher geschrieben, als sie nach 1990 wieder eigenständig wirtschaften konnten. Lasten, die so groß sind, dass sie bis heute nicht abbezahlt werden konnten.
Sachsens kommunale Wohnungsunternehmen und Wohnungsgenossenschaften tragen noch immer eine Altschuldenlast von etwa einer Milliarde Euro.
Dies zeigt die Antwort auf eine Anfrage der wohnungspolitischen Sprecherin der Linksfraktion, Juliane Nagel (Drucksache 8/5319). Davon entfallen 596 Millionen Euro auf die Unternehmen des Verbands der Wohnungs- und Immobilienwirtschaft (vdw), der vor allem die öffentliche, kommunale Wohnungswirtschaft organisiert. 435 Millionen Euro Altschulden lasten auf den Genossenschaften, die im Verband der Wohnungsgenossenschaften (VSWG) organisiert sind.
„Auch 36 Jahre nach der staatlichen Einheit bleiben Ungerechtigkeiten. Dazu gehören die Altschulden der kommunalen und genossenschaftlichen Wohnungsunternehmen im Osten“, kommentiert die Landtagsabgeordnete der Linken Juliane Nagel diese Zahlen.
„Sie entstanden durch einen beispiellosen Akt der Bereicherung westdeutscher Banken, die sich zunächst am Volksvermögen der DDR und dann am Geld der Steuerzahlerinnen und Steuerzahler bedient haben. Bis heute verhindern diese Altlasten Investitionen, und im schlimmsten Fall muss Wohnraum privatisiert werden. Seit 2010 verlor die öffentliche Hand im Freistaat mindestens 3.000 kommunale Wohnungen (Drucksache 7/4862). Das hatte oft negative Folgen für Mieterinnen und Mieter, etwa wenn die neuen Eigentümer nicht erreichbar sind oder nichts sanieren.“
Die Linksfraktion fordert deshalb eine Entschuldungsinitiative durch den Bund oder das Land.
„Wir hatten das bereits 2023 im Landtag vorgeschlagen (Drucksache 7/14878)“, sagt Juliane Nagel. „Beim Beschluss des Doppelhaushalts 2025/2026 haben CDU, SPD, Grüne und Linke dazu eine Bundesratsinitiative mit anderen ostdeutschen Bundesländern vereinbart (Drucksache 8/3274, Punkt 13). Diese muss die Staatsregierung schnellstens starten. Wenn die kommunalen Unternehmen und Wohnungsgenossenschaften entschuldet werden, hilft das auch den Mieterinnen und Mietern unmittelbar!“
Das aktuell von SPD und Linke regierte Mecklenburg-Vorpommern hat das Problem seit 2021 aufgegriffen. Das Land stellt jährlich 25 Millionen Euro zur Verfügung, um die Kommunen und die kommunale Wohnungswirtschaft von Verbindlichkeiten zu befreien.
„Ein solcher Entschuldungsfonds würde auch in Sachsen sofort dabei helfen, die Wohnungsbestände fit zu machen – für barrierefreien, altersgerechten Umbau, für familienfreundliche Grundrissänderungen und vor allem für die energetische Ertüchtigung“, betont Juliane Nagel.
Wie es zur Altschuldenlast gekommen ist
Im Einigungsvertrag wurden die volkseigenen Wohnungsbestände mit den Schulden an die Kommunen übertragen. Im Artikel 22, Absatz 4 war festgelegt, dass mit „Wirksamwerden des Beitritts das zur Wohnungsversorgung genutzte volkseigene Vermögen mit gleichzeitiger Übernahme der anteiligen Schulden in das Eigentum der Kommunen“ übergeht.
Die Treuhandanstalt wies den Wohnungsunternehmen ursprünglich zweckgebundene Zuweisungen aus dem Staatshaushalt der DDR als Kredite zu, und das ohne Kreditvertrag. Diese Buchkredite wurden nach der Veräußerung der Wohnungsunternehmen durch die Staatsbank der DDR – hauptsächlich an die Deutsche Kreditbank AG und die Berliner Bank AG – zu Realkrediten. Diese willkürlich erzeugten Schulden wurden also mitverkauft.
Am Tag der Währungsumstellung im Juli 1990 betrugen diese Verbindlichkeiten 36 Milliarden DM. Sie wuchsen durch Zinserhöhungen bis Ende 1993 auf 51 Milliarden DM. Die ostdeutschen Wohnungsunternehmen wurden dadurch wirtschaftlich handlungsunfähig und in eine totale Abhängigkeit gedrängt. 1994 wurden sie per Gesetz gezwungen, einen Teil der Altschulden als echte Kreditverbindlichkeiten anzuerkennen, wofür ihnen ein anderer Teil der fiktiven Kredite erlassen wurde.
Deshalb mussten aber die Banken nicht etwa Zinsausfälle hinnehmen, sondern die Bundesrepublik übernahm die erlassenen Schulden in den sogenannten Erblastentilgungsfonds. So hatten die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler insgesamt für die Bankprofite aufzukommen.
Empfohlen auf LZ
So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:














Keine Kommentare bisher
Sehr gut, liebe Redaktion, daß sie dieses Thema bringen! Es ist unfaßbar, was vor mehr als 35Jahren abging.
Ich erlaube mir, auf den thematisch verwandten, mehr als 20Jahre alten Artikel “Schulden ohne Sühne” im Tagesspiegel hinzuweisen, an den ich mich seither gut erinnere (und den ich anhand des markanten Eröffnungssatzes “Es kommt einiges zusammen für Horst Köhler an diesem 1. Juli.” leicht wiederfand): https://www.tagesspiegel.de/meinung/schulden-ohne-suhne-1233985.html
Hier der zentrale Absatz: “Formell wurden die Zuwendungen an die Volkseigenen Betriebe, die Wohnungswirtschaft und die Genossenschaften über die ebenfalls staatlichen Banken abgewickelt. Also — Kredite? Da kennt sich der Westbanker aus. Kredite müssen zurückgezahlt werden, Einheit hin. Sozialismus her. Dass in der DDR gar keine Kredite im marktwirtschaftlichen Sinne vergeben wurden, dass also die vermeintlichen Schulden der Unternehmen nichts anderes waren als politisch gewollte und gesteuerte Subventionen, scherte weder die Politik, noch die Banken. Auch, dass die einzelnen Wirtschaftseinheiten ihre Nettogewinne an den Staatshaushalt abführen mussten, irritierte hier nicht. Aber wie hätten die Betriebe da ihre angeblichen Schulden begleichen können?” Aber lesen Sie bitte auch den Rest des Artikels.
Tja, Tempi passati, aber die Langzeitfolgen badet diese unsere (sic!) Volkswirtschaft weiter aus. Der Untertitel “15 Jahre Währungsunion: Wie sich westdeutsche Banken auf unsere Kosten an fiktiven DDR-Krediten bereicherten” benennt das Problem ungeschminkt.
Ich frage mich heute noch, was das für Typen waren, die 1990ff in der Roscherstraße den damals aus dem Boden gestampften Wohnwagenstrich frequentierten, dort mit ihrem Daimler anhielten und sich durch die offene Autotür eine Art Drive-in-Fellatio gönnten. Es werden u.a. die gewesen sein, die mit ertricksten Schulden in Milliardenhöhe absahnen konnten. Soll man das alles vergessen? Nö!