Almedin Civa war stinksauer. Aber nicht, weil seine Mannschaft gerade mit 0:7 gegen Eintracht Frankfurt aus dem DFB-Pokal ausgeschieden war. Viel stärker hat den Lok-Trainer emotional aufgewühlt, dass wieder einige Leute ins Stadion gelangt waren, die den Fußball zur Nebensache werden ließen. Schwarzer Qualm auf dem Dammsitz, Böller mitten zwischen Rollstuhlfahrern, Leuchtspurgeschosse in Richtung Gästeblock. Die Folge: Spielunterbrechung – und wahrscheinlich eine satte Geldstrafe gegen den Verein.

Wochenlang hatte der 1. FC Lok akribisch darauf hingearbeitet, diese 1. Runde des DFB-Pokals in Probstheida zu einem echten Fußballfest werden zu lassen. Mit 11.100 Zuschauern war das Bruno-Plache-Stadion schon lange vorher restlos ausverkauft. Das Wetter passte optimal. Und entsprechend dem Spieltagsmotto „Alle in Gelb!“, wimmelte es auf den vollbesetzten Rängen von sonnig leuchtenden Shirts und Trikots.

Und auch die Mannschaft des Leipziger Regionalligisten präsentierte sich gegen das Frankfurter-Bundesligateam willig, konzentriert und bissig. Schon in der 11. Minute hatte das weite Rund den Torschrei auf den Lippen. Willian Pacho und Robin Koch machten in der Abwehr gegen Lok-Alt-Neuzugang Osman Atilgan eine sehr unglückliche Figur, Torjäger Djamal Ziane sprintete heran und lief im Strafraum plötzlich völlig frei auf Kevin Trapp zu. Doch der Nationalkeeper hexte Zianes Schuss noch zur Ecke. Was für eine Chance!

Lok blieb dran. In der 35. Minute servierte Farid Abderrahmane von der rechten Strafraumecke eine Diagonalflanke sehenswert auf den Kopf von Tobias Dombrowa. Doch dieser verfehlte vom Fünfmeterraum aus den Torwinkel im langen Eck nur um Zentimeter. Um so bitterer, dass es nur zwei Minuten später – gefühlt aus dem Nichts – dafür im Leipziger Kasten einschlug.

Randal Kolo Muani (9, Eintracht Frankfurt) erzielt das Tor zum 0:1. Foto: Jan Kaefer
Randal Kolo Muani (9, Eintracht Frankfurt) erzielt das Tor zum 0:1. Foto: Jan Kaefer

Randal Kolo Muani, der im vergangenen Jahr für Frankreich im WM-Finale gestanden hatte, brachte den Ball von rechts aus spitzem Winkel nach innen. Vielleicht sollte es tatsächlich nur eine Eingabe werden, doch die Kugel prallte scharf an den Arm von Lok-Torwart Isa Dogan, von wo sie unter dessen Körper hindurch in die Maschen flutsche. Sah komisch aus, war aber das 0:1 für Eintracht Frankfurt. Mit diesem Ergebnis ging es auch in die Halbzeitpause.

In der zweiten Hälfte machte Lok gegen die drei Klassen höher spielende Eintracht zunächst weiterhin eine gute Figur. Doch als der 2014er Weltmeister Mario Götze (58.) und der gerade erst eingewechselte Omar Marmoush (66.) – jeweils zu frei stehend – in schneller Folge auf 0:3 erhöhten, war der Traum von der Pokalsensation geplatzt.

Für einige Personen auf den Tribünen war dies offenbar das Signal, nun anderweitig auf sich aufmerksam zu machen. Vom Dammsitz aus wurde ein Böller geworfen, der mit immenser Lautstärke genau zwischen Lok-Fans detonierte, die vom Rollstuhl aus das Spiel verfolgten. Schwer vorstellbar, dass diese fahrlässige und rücksichtslose Aktion keine Knalltraumata nach sich zieht.

Doch damit nicht genug. Ebenfalls auf dem Dammsitz entfaltete nun ein gezündeter Nebeltopf seinen stinkenden schwarzen Qualm über den Tribünenbereich, Bierbecher flogen. Außerdem wurden Leuchtspurgeschosse in Richtung Gästefanblock abgefeuert. Aggression machte sich breit – und Schiedsrichter Michael Bacher unterbrach die Partie in der 70. Minute und schickte die Teams sicherheitshalber in die Katakomben.

Polizei marschiert auf. Spielunterbrechung wegen Pyrotechnik. Foto: Jan Kaefer
Polizei marschiert auf. Spielunterbrechung wegen Pyrotechnik. Foto: Jan Kaefer

Gut gepanzerte Polizeikräfte füllten den Innenraum des Stadions und allmählich beruhigte sich das unwürdige Szenario. Nach etwa einer Viertelstunde liefen die Mannschaften wieder aufs Feld. Doch beim 1. FC Lok war die Luft nun komplett raus. Die Frankfurter trafen nach Belieben und beendeten die Partie schließlich mit 0:7. Ein Resultat, das dem Spielverlauf keineswegs gerecht wird und das zu einem gehörigen Anteil der provozierten Spielunterbrechung angerechnet werden muss.

„Die Menschen, die zu der Situation geführt haben, sollten sich Gedanken machen, ob die alles richtig machen im Leben. Einfach traurig und eine Frechheit“, nahm Lok-Trainer Almedin Civa auf der anschließenden Pressekonferenz kein Blatt vor den Mund. „Aber so lange sie dafür nicht bestraft werden, können sie alles machen. Leider Gottes werden die immer wieder ins Stadion kommen: ‚Hass, Hass! Krieg, Krieg! Gewalt!‘. Einfach peinlich“

Der 51-Jährige gestand, dass er „wegen so einer Scheiße“ in der Vergangenheit bereits ganz aufhören wollte mit dem Fußball. „Ich hoffe, irgendwann wird es so wie in England, dass die nie wieder ins Stadion kommen. Dann wirst du eben bestraft, dann bist du draußen und kannst Fußball im Fernsehen gucken, aber nicht im Stadion.“

Dass durch so ein Verhalten die Arbeit so vieler anderer Menschen in wenigen Minuten komplett zerstört wird, geht Civa nahe: „Es tut mir unheimlich leid für die Menschen, die das alles auf die Beine gebracht haben. Ich bin alltäglich mit denen zusammen. Ich liebe die Menschen rund um Lok Leipzig, das sind 99 Prozent, die alles für den Verein machen. Ich war gerade sehr emotional, denn das verfolgt mich schon ein ganzen Leben lang.“

Sportlich geht es für die Blau-Gelben aber schon am Mittwoch weiter. Dann werden wieder Regionalliga-Brötchen gebacken. Zu Gast ist der bisher punktlose Aufsteiger FC Eilenburg. Anstoß im Bruno-Plache-Stadion ist um 19 Uhr.

Die Statistik zum Pokalspiel: www.fussball.de/spiel/1-fc-lokomotive-leipzig-eintracht-frankfurt…

Der Polizeibericht zum Pokalspiel: www.l-iz.de/melder/polizeimelder/2023/08/einsatz-der-polizei-anlaesslich-des-fussballpokalspiels…

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Jan Kaefer über einen freien Förderbetrag senden.
oder

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar