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Spurensuche: Wie die Schocken-Sammlung die jüdische Enteignung überlebte

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    Salman Schocken wird 1877 als Sohn einer armen jüdischen Familie in der deutsch-polnischen Grenzregion Posen geboren. Schon früh ist er begeistert von deutscher Literatur, hebräischer Poesie und jüdischer Mystik. Mit 20 Jahren fängt er an, Bücher und Schriften zu sammeln. Zu dieser Zeit gründet er gemeinsam mit seinem Bruder ein Kaufhaus, das schnell zur Grundlage für seinen sozialen Aufstieg wird.

    In den 1930er Jahren umfasst seine Sammlung bis zu 60.000 Bände. Die Geschichte des jüdischen, aber auch des deutschen Volkes auch in seiner Sammlung zu verfolgen, ist der Leitgedanke, erklärt die Historikerin Caroline Jessen.

    Am 18. Oktober eröffnet sie mit ihrer Präsentation zu Schocken die Vortragsreihe „Spurensuche“ in der Bibliotheca Albertina. Diese setzt sich bis in den Dezember hinein mit der Provenienz und Zerstreuung des jüdischen Bucherbes in Deutschland auseinander. Salman Schockens Sammlung bildet im Rahmen der Provenienzforschung eine spannende Ausnahme. „Schockens Sammlung blieb der deutschen Wissenschaft zwar lange verschlossen, entging aber auch der Zerstörung, der viele andere Werke während der Zeit des Krieges zum Opfer fielen“, so Jessen.

    1933 verlässt der Sammler gemeinsam mit seiner Frau Lilly und den drei Kindern Deutschland und zieht nach Jerusalem. Auch seine Sammlung lässt er der jüdischen Enteignung zum Trotz überführen.

    Neben Handschriften von Goethe und Heinrich Heine sowie dem Nachlass von Novalis und Theodor Fontane finden sich in dem Depot seiner Privatbibliothek bedeutende hebräische Werke. Schocken wurde oft auf gefährdete Privatbibliotheken und Sammlungen jüdischer Besitzer/-innen in Deutschland angesprochen und gebeten, dieses jüdische Kulturgut durch private Ankäufe vor Raub und Zerstörung zu retten.

    Caroline Jessen präsentiert Schockens Geschichte. Foto: privat

    So auch im Fall des deutsch-jüdischen Buchhändlers und Antiquars Louis Lamm, der 1940 in Amsterdam lebt. Lamm und seine Tochter werden später nach Auschwitz deportiert und dort 1943 ermordet. So weist Schockens Sammlung viele Verbindungen zum Schicksal der Juden und Jüdinnen während des Nationalsozialismus auf.

    Aber nicht nur aus diesem Grund zeigt Schockens Erbe, warum Provenienzforschung auch wichtig ist, wenn es sich bei den Objekten nicht um Raubgut handelt. Denn die Sammlung ist nach 1945 oft Gegenstand intensiver Diskussionen über die Verortung jüdisch-deutschen Kulturgutes.

    Schockens Traum ist eine Art Miniaturabbildung einer jüdischen Nationalbibliothek. Die verstreuten hebräischen Schriften, ob in Deutschland oder einem anderen Staat, sind Teil einer Kultur, die er im Zeichen der Souveränität zeigen will. So möchte Schocken jüdische Werke in Deutschland gegen seine bedeutende deutsche Sammlung in Israel tauschen.

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 96. Seit 29. Oktober 2021 im Handel. Foto: LZ

    Im Blick hat er dabei unter anderem die Nürnberger Haggada-Werke, die im Germanischen Nationalmuseum liegen. Der damalige Direktor Ludwig Grote verweigert den Tausch, da die Handschriften „Bestandteil der deutschen Kultur“ seien, mit ihrem stark an den Rheinischen Kupferstichen ausgerichteten Stil. Auch der erste deutsche Bundespräsident Theodor Heuss sah die Abgabe nach Jerusalem kritisch: Diese könnte so ausgelegt werden, als wolle man alle deutsch-jüdischen Verbindungen kappen und jüdisches Kulturgut von sich schieben.

    Schocken stirbt 1960, der Tausch kam nie zustande. Seine Nachkommen verkauften einige deutsche Werke, so den Novalis-Nachlass. Dennoch sind bis heute große Teile der Schocken-Sammlung nicht öffentlich zugänglich. Sein Schicksal zeigt, wie ambivalent Diskussionen über jüdisches Kulturerbe bis heute sind und wie Provenienzforschung die Debatte anregen und zu einer Lösung verhelfen kann.

    Weitere Vorträge im Vortragssaal der Bibliotheca Albertina, jeweils ab 18 Uhr:

    15. November 2021, Cordula Reuß (Leipzig), „Wenn Bücher reden könnten…“,
    Einblicke in die Provenienzforschung der Universitätsbibliothek Leipzig

    29. November 2021, Kerstin von der Krone (Frankfurt am Main), „Judaica Frankfurt“, Zur Geschichte einer Sammlung jüdischer Sammlungen

    6. Dezember 2021, Emile Schrijver (Amsterdam), „Zwischen Realitäten und Illusionen“, Zur Provenienzforschung jüdischer Bücher

    13. Dezember 2021, Meike Hopp (Berlin). „Wir Zurückgebliebenen gleichen Konservatoren eines geplünderten Museums“, Von der Rekonstruktion jüdischer Sammlungen der Weimarer Republik

    „Spurensuche: Wie die Schocken-Sammlung die jüdische Enteignung überlebte“ erschien erstmals am 29. Oktober 2021 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 96 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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