Während in vielen Teilen Leipzigs wichtige Grünoasen verschwinden, denken Leipzigs Planer am Bürgerbahnhof Plagwitz daran, hier wieder zu verdichten und mehr Gewerbe und Wohnen zu platzieren, wo sich die Bürger eigentlich Freiraum, Grün und Artenschutz wünschen. Vor zwei Monaten kritisierte der BUND Leipzig zum ersten Mal den Bebauungsplan Nr. 380.1 „Grüner Bahnhof Plagwitz – Nordteil, Leipzig-Südwest“.

Anlass war die Rodung der dortigen Bäume und Großsträucher. Viele Bürger/-innen und Initiativen sind mittlerweile aktiv geworden. Der BUND Leipzig reichte nun ebenfalls eine Stellungnahme ein und startete bereits im Januar zusammen mit NABU Leipzig und dem Ökolöwen eine Petition.

Die aktuelle Bauplanung sieht zwischen der Ladestraße West und dem Radweg den Neubau mehrerer mehrstöckiger Gewerbebauten vor. Des Weiteren sollen die alten Bahnschuppen an der Ladestraße West saniert und ebenfalls für Gewerbe nutzbar gemacht werden. Im nördlichen Teil ist zudem eine Mischbebauung aus Wohnen und Gewerbe geplant. Diese Planung steht im Widerspruch zum „Zielbild des INSEK 2030“ der Stadt Leipzig, das eine Balance zwischen Freiraum und Verdichtung beinhaltete. So ist das gesamte Gelände im Landschaftsplan als wichtige Grünverbindung und Erholungsschwerpunkt ausgewiesen.

Die Petition „Grün statt Beton am Plagwitzer Bürgerbahnhof!“ wird vom BUND Leipzig schon jetzt als voller Erfolg gewertet: Über 3.800 Leipziger/-innen unterstützen die Forderungen des BUND Leipzig, indem sie ihre Unterschrift in digitaler oder analoger Form abgaben. Statt einer weiteren versiegelten Gewerbefläche verlangen sie eine Erweiterung des Bürgerparks und somit eine Entsiegelung der Fläche zwischen Ladestraße West und Radweg. Die eingereichte Stellungnahme der Regionalgruppe befasst sich nochmal intensiver mit den einzelnen Problematiken rund um den Bebauungsplan.

„Unsere Stellungnahme bestätigt noch einmal detailliert die Forderungen unserer Petition und greift Defizite sowie Widersprüchlichkeiten der Planungsunterlagen zum Plagwitzer Bahnhof auf”, erklärt Melanie Lorenz, Sprecherin des AK Umweltrecht.

„Außerdem wurde uns die Sichtung eines Waldkauzes auf dem Gelände gemeldet, weshalb wir ein größeres Artenspektrum an Brutvögeln vermuten als im Artenschutzfachbeitrag angenommen. Dieser beruht nicht nur auf veraltetem Datenmaterial, sondern auch auf einer veralteten Roten Liste“, erklärt Karin Backhaus aus dem AK Natur- und Artenschutz. Der BUND Leipzig fordert daher eine umfassende, erneute artenschutzrechtliche Prüfung, die Anwendung von „animal aided design” (AAD) sowie eine ökologische Baubegleitung, insbesondere bei Abriss und Rodungsarbeiten.

Die Kritik des BUND

Der BUND Leipzig beanstandet auch die Einordnung des Plangebiets als unbeplanter Innenbereich, wodurch die gesetzlichen Eingriffs-Ausgleichs-Regelungen umgangen werden. Die Fläche sei aufgrund ihrer Größe und Lage vielmehr als sogenannte Außenbereichsinsel im Innenbereich zu werten.

Weiterhin verstoße der B-Plan in seiner derzeitigen Fassung gegen zwingendes Bauplanungsrecht. Laut einschlägiger Raumordnungs- und Regionalplanung dient die Fläche einerseits als wichtige Grünverbindung und Erholungsschwerpunkt, darüber hinaus ist sie als primäre Luftleitbahn mit siedlungsklimatischer Bedeutung ausgewiesen. Der aktuelle Planentwurf, der eine Halbierung der Grünfläche durch neue Gewerbebebauung zwischen Ladestraße West und dem Radweg vorsieht, macht diese Funktionen zunichte.

Dies stellt aus Sicht des BUND einen Widerspruch zu sämtlichen Fachplänen dar und verletze das baurechtliche Anpassungs-, das Abwägungs- und das Entwicklungsgebot (§§ 1 Abs. 4, Abs. 7, § 8 Abs. 2 BauGB). Insbesondere die Ausweitung von Gewerbeflächen orientiere sich nicht am lokalen Bedarf. Im B-Plan soll letztlich zu gleichen Anteilen Grün- und Baufläche festgesetzt werden, was der Bezeichnung als „Grüner Bahnhof Plagwitz“ nicht gerecht wird.

„Berücksichtigt man all diese Punkte, entsteht nicht der Eindruck, dass hier ein ‚großflächiges Grünflächen- und Freiraumareal‘ entstehen soll. Hier besteht ein deutlicher Widerspruch zwischen Planungsziel und tatsächlicher Realisierung. Der B-Plan entspricht nicht den planerischen Zielvorstellungen der Stadt, wie sie in der Begründung des Planentwurfs Ausdruck gefunden haben“, schlussfolgert Melanie Lorenz.

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Es gibt 7 Kommentare

@Sebastian: Otto-Normalbüergerin kann das Leerstandspotential eines Stadtbezirkes natürlich nur aus der eigenen Beobachtung heraus schätzen. Um den sinnlosen Lerrstand zu bekämpfen fordert der BUND (und andere) von der Stadtverwaltung ein Leerstandsmanagement. s. hier: https://www.bund-leipzig.de/bauen.

@Sebastian: was mir ganz spontan einfällt: auf der gegenüberliegenden Seite, an der Saarländer Straße, Leerstand schon seit Jahren. Die großen Gewerbegebiete an der Zschocherschen Straße, da steht auch einiges leer (z.B. ex Möbelum). Das Kaufhaus Held in Lindenau seit etwa 5 Jahren Leerstand. Und dann die vielen kleinen Läden, die für Büros, Handel und Kleingewerbe durchaus geeignet sind – leer seit Jahren. Weil sich mit vermieteten läden nicht so gut spekulieren lässt.

Ich kann zumindest aus dem Bereich den BIC (schräg gegenüber vom Taschenkaufhaus) sagen, dass dort seit Jahren Vollvermietung herrscht, inklusive des Parkdecks. Da gibt es Wartelisten.
Wo in Plagwitz ist denn Gewerbefläche großflächig leerstehend? Das Bürohaus am Ende der Weißenfelser Straße?

Wenn Sie sich das wirklich fragen, und wir proforma unterstellen, dass Ihre Annahme auch ganz objektiv stimmt liebe Constance, will ich es einmal versuchen:
Es sind bestimmt weder die reichen grünauer Investoren, die in Ihren plagwitzer Gewerbeimmobilien sitzen, noch der berüchtigte grünauer Hausbesetzer. Dieser lebt dagegen eher preiswert im ollen, nach sozialistischem Plan und Maß gestalteten Plattenbau. Wo öffentliche Bauten, wie z.B. auch Geschäfte, an zentralen Plätzen konzentrierte angelegt, und in einer, an die damals geplante hohe Einwohnerdichte, angepassten Menge vorhanden sind. In den letzten Jahrzehnten und über alles betrachtet, ist die Stadtteil Grüna also eher breit gelaufen, wenn nicht sogar geschrumpft, aber keinen Falls gewachsen (mein subj. Empfinden).
Plagwitz dagegen ist ein alter Stadtteil, mit einer Topologie, die mindestens seit dem Anfang der Industrialisierung stetig gewachsen ist. In Ermangelung von Platz und in Anbetracht sich periodisch ändernder Nutzungsziele (von Dorf zu Industrie und nun zum Wohnviertel), musste stets erweitert, an- und umgebaut werden. Dort haben, im Verhältnis zur langen Existenz, Einkaufszentren noch keinen so großen Einfluss gewirkt. Dafür gab es in Plagwitz aber schon immer Hausläden, die stets einer gewissen Fluktuation unterlegen, aber demnach völlig dezentrale verortet, zuletzt jedoch, bedauerlicher Weise auch hier, der Zentralisierung weichen. Es bleibt ein Überangebot an Verkaufsfläche welches Sie beobachten.
Sie sehen vielleicht an dieser Stelle auch, dass Ihre Frage also eigentlich korrekter lauten müsste: Warum wird die so zahlreich vorhanden Ladenfläche in Plagwitz, soviel teurer als die wenige in Grünau, gehandelt? Und da wären ich wieder bei der von mir bereits erwähnten Stadtbau mit Ihren Töchtern und Brüdern in Russland und in der Verwaltung.
Aber worauf ich hier eigentlich hinaus wollte: Der Vogel muss weg! So oder so. Ob Wohnung, Laden oder Öko-Acker. Warum eigentlich kein Gaskraftwerk? Egal! Auch wenn Bob der Baumeister nur ganz sanft die Abrissbirne schwingt, zärtlich mit der Baggerschaufel in den alten Schotter gleitet und zuletz mit viel Gefühl das neu aufgetragene Erdreich verdichtet, die Geschöpfe des Waldes die dort im Ölbunker leben sollen, werden sich kaum an der notwendigen Aufarbeitung der Bahn-Altlasten beteiligen. Sicher hat der BUND auch dafür ein Konzept. Mein Vorschlag war, wie gesagt, die Eulen nach Grünau zu tragen. Zwei Probleme, eine Klappe.
Schönen Tag!

Ecke und Mimi, da Sie so kluge Kommentare über Arbeitsplätze schreiben, haben Sie sicher auch eine Erklärung dafür, warum in Plagwitz und Lindenau so viele Gewerbeimmobilien leer stehen. Wo doch dort überall Grünauer drin sitzen und irgendwas arbeiten könnten 🙂

Da brat mir doch einer nen Storch! Wer weis ob der Vogel überhaupt noch lebt, nachdem er so fies geblitz-dingst wurde.
@Ecke: der BUND möchte aber lieber Eulen nach Grünau tragen, keine Arbeitsplätze.

Abseits aller CO2-Ausdünstungen, sind wir uns doch hoffentlich alle einig, dass ohnehin der halbe Platz umgegraben werden müsste. Die Frage ist eigentlich nur noch wer es bezahlt. Entweder mal wieder eine der vielen Stadtbau-Töchter oder eine “urbane Landwirtschaft”, die dann von den beglückten Bürgern am Subbotnik gepflegt wird. Spekulativ in jedem Fall. Vielleicht hilft auch die Waldfee. Gemäß Bodengutachten allerdings, säuft letztere derzeit noch Altöl und Schmiermittel. Und für sozialistischen Ackerbau ist auch noch etwas zuviel Arsen in den Proben ein Problem.

Das sieht der BUND sehr einseitig durch die bio-vegane-grüne Brille!
Wir brauchen genau solche Mischgebiete mit Wohn- und Arbeitsplätzen, um Vekehr mit den damit verbundenen CO2-Ausscheidungen und Flächenbedarf zu vermindern. Bringt Arbeitsplätze nach Grünau und das Viertel wird sich beleben und urbaner!

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