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Der 1. FC Lok zwischen Trauer und Träumen: „Wir nehmen die Herausforderung an“

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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 81, seit 31. Juli im HandelDie neue Saison beim 1. FC Lok begann mit Tränen. Sportdirektor und Cheftrainer der vergangenen Saison, Wolfgang Wolf, versammelte zwei Tage nach dem Scheitern in den Aufstiegsspielen gegen den SC Verl noch einmal die Mannschaft, seine Mannschaft. In der Kabine versuchte er den Jungs zu erklären, warum er gehen muss und bekam bald vor Tränen keine kompletten Sätze mehr heraus. Der Bundesligaspieler und -trainer, der mit dem 1. FC Nürnberg und den Stuttgarter Kickers aufgestiegen war, sollte kein dritter Aufstieg vergönnt sein.

    Schon in Bielefeld, nach dem 1:1 gegen den SC Verl, weinte Wolf hemmungslos an der Seite von Lok-Präsident Thomas Löwe. „Wir waren alle wie gelähmt, niemand konnte in Bielefeld etwas sagen. Das war Niedergeschlagenheit pur. In der 3. Liga hätten wir uns strukturell enorm weiterentwickeln können“, so Löwe. Vier Wochen nach dem Scheitern ist der Schmerz noch nicht überwunden, aber zurückgedrängt. Die neue Saison in der Regionalliga ruft eher als gedacht. Die nunmehr 20 Klubs haben in einer Videokonferenz mit dem Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV) mehrheitlich für einen Start am 15. August votiert. Für die Drittliga-Absteiger Carl Zeiss Jena und Chemnitzer FC bedeutet das, genauso wie für Lok, nur drei Wochen Vorbereitungszeit und für die acht gehaltenen Stammspieler keinen Urlaub.

    „Die Kröte mussten wir schlucken und das interessiert am Ende auch keinen“, sagt der, der die Suppe jetzt auslöffeln muss. Nachdem sich Wolf von seinen Spielern verabschiedet hatte, stellte er seinen Nachfolger in beiden Positionen vor: Almedin Civa. Nach einem Jahr Auszeit vom Fußballgeschäft hatte sich der 48-Jährige bei Lok beworben und ist nun ein wesentlicher Grund, warum Löwe und Co wieder positiv nach vorn schauen. „Er hat unglaubliches Fachwissen und kennt die Spieler, die er verpflichtet hat, persönlich. Er reißt alle mit im Verein, ist immer positiv. Ich habe außerdem noch keinen Trainer bisher gesehen, der von 7:30 Uhr bis nach Mitternacht für Lok arbeitet“, so Löwe über Civa. Civa lüftete den Schleier aus Tränen, Traurigkeit und Tristesse, der über Probstheida lag und holte binnen vier Wochen elf neue Leute.

    „Der Gesamtverein hat hart gearbeitet, damit wir das schaffen können“, schiebt Civa jegliches Lob von sich. Vor allem Gremien und Geschäftsführer, seit 1. Juli arbeitet Jürgen Schwarz an der Seite von Martin Mieth, haben sich um Sponsoren bemüht, die bei der Finanzierung von Spielern mithelfen. Denn nicht nur zahlreiche Spielerverträge liefen aus, auch ETL hatte sich als Hauptsponsor verabschiedet.

    Die Firma Franz-Josef Wernzes finanzierte das erstmalige Abenteuer Profifußball beim 1. FC Lok von 2018 bis 2020. Weil aber die Ergebnisse im ersten Jahr trotz erhöhter Investitionen hinter denen zurückblieben, als die Spieler bei Lok noch nebenbei arbeiteten, kamen Zweifel auf. Zwar erreichte Lok im zweiten Jahr die Meisterschaft – trotz eines überzogenen Budgets im Vorjahr –, ETL überzeugte das aber offenbar nicht. „Wir sind den Sponsoren, Gönnern und Unterstützern, die teilweise schon direkt nach dem Spiel in Bielefeld ihre Hilfe angekündigt haben, dankbar“, so Löwe.

    Das Titelblatt der LEIPZIGER ZEITUNG Nr. 81, Ausgabe Juli 2020. Foto: Screen LZ

    So konnte Civa unter anderem Tom Nattermann zu Lok holen. Der Stürmer traf einst 17 Mal unter Civa beim SV Babelsberg, wurde beim FC Sachsen und bei RB Leipzig ausgebildet. Mike Eglseder kommt von der SV Elversberg. Eglseder hat schon fast 200 mal Regionalliga gespielt und soll den Abschied von Ex-Kapitän Robert Zickert in der Innenverteidigung kompensieren. Er hat genauso wie Nattermann und auch der als Neuverpflichtung bereitstehend Farid Abderrahmane schon unter Civa gespielt. Außerdem konnte Lok bis auf Zickert alle bezahlbaren Stammkräfte der Vorsaison halten.

    Kevin Schulze und Matthias Steinborn waren nicht zu bezahlen oder sollten nicht weiter bezahlt werden. Patrick Wolf, eine Bank in der Meister-Saison, zieht es zurück in die Heimat. Dafür spielen Leon Heynke, Djamal Ziane, Robert Berger, Sascha Pfeffer, David Urban, Maik Salewski und Paul Schinke weiterhin bei Lok. Letzterer ist von der Qualität der Mannschaft überzeugt. „Wir haben 12 bis 13 richtig gute Spieler. Die Stammspieler der Vorsaison und die erfahrenen Nattermann, Eglseder und Abderrahmane werden den zahlreichen jungen Spieler drumherum viel beibringen können“, so Schinke, der die Nachfolge von Robert Zickert als Kapitän antreten wird.

    Ein wenig Sorge macht ihm noch die Kaderbreite. „Aber es bringt nichts, jetzt jemanden zu holen, nur um jemanden zu holen, wir brauchen auch Qualität. Wenn die 3. Liga-Klubs ihre Planungen abgeschlossen haben, gibt es neue Möglichkeiten. Es ist ja dieses Jahr bis Oktober Zeit.“ Trainer Civa wurden in den vergangenen Wochen zahlreiche Spieler angeboten, aber so richtig gepasst hat es nicht. „Wir suchen noch einen defensiven 6er und Innenverteidiger.

    Am besten U23 und dennoch mit genug Erfahrung“, so der gebürtige Bosnier. „Wir haben bisher nur drei Innenverteidiger. Das ist bei einer solch langen Saison zu wenig. Aber es muss absolut passen.“ Dass durch Corona mehr Spieler auf den Transfermarkt drängen, wie es sein Vorgänger Wolfgang Wolf prophezeit hatte, kann Civa nur teilweise bestätigen. „Klar, es gibt viele Vereine, die im Umbruch sind, weil es finanziell anders aussieht, so wie bei Lok, aber wie immer drängen viele A-Jugendliche auf den Markt, die es nicht in die ersten Mannschaften ihrer Klubs schaffen.“

    Durch die Aussetzung der Abstiegsregel und dem Aufstieg von Tennis Borussia Berlin sowie dem FSV Luckenwalde ist die Liga auf 20 Teams gewachsen. 38 Spieltage sind zu absolvieren. Gerade für die Amateurklubs ein dickes Brett, wenn auch für alle reizvoll. „Die Regionalliga verfügt über eine gute Qualität. Das ist dieses Jahr eine sehr, sehr interessante Staffel“, freut sich Löwe auf die Gegner, auch wenn sie nicht MSV Duisburg, Hansa Rostock oder Dynamo Dresden heißen werden. Angst, dass die dreiwöchige Vorbereitung zum Problem wird und der Motor nicht ins Laufen kommen könnte, hat er jedenfalls nicht. Heiko Scholz ist am selbst eingeleiteten Umbruch durch die Umstellung auf Profibedingungen letztlich gescheitert.

    „Dass Stammspieler trotz Gehaltsverzichts geblieben sind, freut mich und ist die Grundlage unseres Optimismus“, so Löwe. „Und zuerst denken wir an das schwere Spiel beim FC Eilenburg.“ Lok muss am 8. August, 18 Uhr, zum Sachsenpokal-Halbfinale beim FC Eilenburg antreten. Die Chance auf eine Teilnahme am DFB-Pokal ist durchaus realistisch. „Eilenburg ist immer eklig, zumal Sascha Pfeffer und ich gesperrt sind“, weiß Schinke. „Wir werden von außen pushen und hoffen, dass Chemnitz in einem möglichen Finale vielleicht noch nicht so eingespielt sein wird.“

    Der Sachsenpokalsieg ist das erste große Ziel von Civas Mannen und könnte den Schleier des Trübsals noch weiter lüften. Konkrete Ziele für die Liga formuliert der Neu-Trainer jedoch nicht. „Die Jungs sollen trainieren, gesund bleiben und sich weiterentwickeln. Von Saisonzielen halte ich nichts. Mit Babelsberg haben wir mal das Ziel ausgerufen, nicht abzusteigen und sind am Ende aufgestiegen. Von daher ist es irgendwo auch sinnlos, Ziele zu formulieren.“ Civa hat dennoch die anderen Klubs im Blick.

    „Die Regionalliga-Spitze war oft wild. Altglienicke hat eine sehr gute Mannschaft weitestgehend zusammengehalten, sich gut verstärkt und einen guten Trainer. Cottbus könnte auch wieder angreifen, dazu Chemnitz und Jena. Mal sehen, was der BFC und der BAK machen werden.“ Paul Schinke hofft, dass auch bei Lok wieder etwas nach oben geht. „Den Anspruch habe ich auch an mich selbst und ich bin mir sicher, dass sechs, sieben Teams oben mitspielen werden. Wir sind eine Wundertüte. Wir brauchen Glück und die jungen Spieler müssen gut arbeiten, sodass wir, wenn etwas passiert, gut wechseln können“.

    Thomas Löwe wäre es dagegen auch lieb, wenn die Fans viele Dauerkarten holen werden. „Der Verkauf ist in dieser Saison sehr wichtig für uns, da wir in nächster Zeit davon ausgehen, dass man nur mit einer Dauerkarte ins Stadion kommen kann. Die Dauerkarte ist Dauer- und Unterstützerkarte. Wir hoffen, dass unser Dauerkartenverkauf durch die Decke schießt. Das würde uns sehr helfen, unseren Verein durch die Coronakrise zu bringen und weiter eine ordentliche Arbeit zu machen“, so Löwe, der lächelnd anfügt: „Ich könnte dann auch ruhig schlafen.“ Der Verkauf beginnt am 7. August – und vielleicht stehen am Ende der Saison diesmal Freudentränen. „Aber dafür brauchen wir auch Glück“, so Schinke.

    Die neue Leipziger Zeitung Nr. 81: Von verwirrten Männern, richtigem Kaffee und dem Schrei der Prachthirsche nach Liebe

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