Es beginnt oft schleichend. Die Kinder ziehen in eine andere Stadt, Freunde werden weniger, der Partner verstirbt oder die Mobilität nimmt ab. Was bleibt, sind häufig lange Tage mit wenigen sozialen Kontakten. Für viele ältere Menschen gehört Einsamkeit inzwischen zum Alltag.

So begann eine Mail, welche uns nach dem MACHN-Festival erreichte. Das Leipziger Startup CareVoice und wir waren wohl aneinander vorbeigelaufen, also suchten sie den Kontakt per Mail.

Über die Herausforderungen die mit der Einsamkeit, nicht nur im Alter, entstehen besonders die psychischen und gesundheitlichen Problemlagen haben wir im Oktober 2025 mit Frau Professor Riedel-Heller vom Universitätsklinikum Leipzig gesprochen, das Thema war für uns also nicht neu.

Was macht CareVoice und wie soll KI gegen Alterseinsamkeit helfen können? Wir nahmen Kontakt mit Colin Grahm, einem der Gründer, auf und trafen uns zum Gespräch.
Ein Auszug aus dem Schreiben sei vorangestellt: „In Leipzig arbeitet das junge Unternehmen CareVoice an einer solchen Lösung. Mit dem Telefonservice „hallo Helga“ sollen ältere Menschen regelmäßig Anrufe erhalten und Gespräche mit einer KI-gestützten Gesprächspartnerin führen können. Ziel ist nicht die Ersetzung menschlicher Kontakte, sondern ein zusätzliches Gesprächsangebot für Zeiten, in denen Angehörige, Freunde oder Nachbarn gerade nicht erreichbar sind. Die Idee dahinter ist einfach: Während Smartphones, Apps und Videokonferenzen für viele ältere Menschen Hürden darstellen, bleibt das Telefon ein vertrautes Medium. Ein Anruf benötigt keine neue Technik, keine Installation und keine Schulung.“

Zwei der Günder von CareVoice Jonas Paul und Colin Grahm beim MACHN Festival. Foto: CareVoice

Das Gespräch

Herr Grahm, Sie sind Webdesigner und Mitgründer der Firma CareVoice GmbH. Sie bieten das Produkt „hallo Helga“ an, wer ist Helga?

Helga ist ursprünglich die Oma von einem meiner Mitgründer. Die haben wir digitalisiert und stellen sie für Seniorinnen und Senioren bereit.

Kann man Helga anrufen, wenn man sich einsam fühlt?

Ursprünglich war angedacht, dass man sie anrufen kann. Das gestaltete sich aber technisch schwierig. Deswegen bieten wir jetzt an, dass Helga die Leute anruft. Also, Angehörige der Senioren buchen das vorher über unsere Online-Plattform.

Nehmen wir an, ich habe eine Mutter namens Renate. Ich wohne weit weg von ihr und kann sie nicht oft besuchen, zeitlich ist anrufen auch schwierig, dann buche ich bei Ihnen und sage: Renate soll an x Tagen um 18.00 angerufen werden. Dann ruft Helga an und wenn Renate nicht rangeht versucht sie es später nochmal?

Daran, an der Wahlwiederholung, arbeiten wir gerade, das hat sich mit unseren aktuellen Partnern schwierig gestaltet. Deswegen wird das gerade eingebunden, ist aber innerhalb der nächsten paar Wochen auf jeden Fall dabei.

Helga ist eine KI, ein Large Language Model, sie ruft also Renate an und sagt „Hallo Renate, hier ist Helga wie geht es Dir?“ Dann baut sich ein Gespräch auf, indem sie darauf regiert, was Renate sagt. Soll das einen persönlichen Kontakt simulieren?

Mir immer sehr wichtig zu betonen, dass wir niemanden ersetzen wollen, weder privat noch in der Pflege. Wir wollen wirklich nur unterstützend wirken und das rausholen, was der Angehörige aktuell eben nicht kann aufgrund von Arbeit, Kindern, Wohnorten und anderem. Helga sagt auch auf Nachfrage, dass sie eine KI ist.

Renate gibt ja im Gespräch eventuell viel von sich preis. Sie sagt, was sie beschäftigt, was sie macht und es entstehen viele Daten, auch personenbezogene. Was passiert mit denen?

Wir sind sehr darauf bedacht den Datenschutz extrem ernst zu nehmen. Man kann natürlich frei entscheiden, was man von vornherein preisgibt. Wir haben ja diese Plattform, wo der Auftraggeber die Hobbys reinschreiben kann, die Biografie. Da kann natürlich jeder selber entscheiden, was reinkommt. Alle Daten bleiben dann auch in der EU, wir arbeiten DSGVO-konform.

Der Server steht also in der EU, Helga ist ein KI-Chatbot auf Grundlage eines LLM. Wird mit den entstehenden Daten eine KI von OpenAI oder sonst wem trainiert, oder handelt es sich um ein lokales LLM?

Es ist ein lokales Model, welches auf einem Server in Österreich, also in der EU, läuft.

Bekommt der Auftraggeber eine Information, wenn ein Gespräch aus dem Ruder läuft, wenn also beispielsweise Selbstmordgedanken geäußert werden?

Ursprünglich war geplant, dass Helga Informationen an den Angehörigen schickt. Das ist aber aus datenschutztechnischen Gründen nicht machbar. Woran wir jetzt arbeiten ist, dass der Auftraggeber eine WhatsApp-Nachricht oder SMS erhält, etwa mit dem Inhalt: Es gibt Problem, schauen Sie persönlich nach.

Haben Sie das System schon getestet, also mit potenziellen Probanden?

Helga wurde bereits von einzelnen Seniorinnen und Senioren getestet. Wir selbst haben Tests auf die Spitze getrieben und verrückteste Szenarios simuliert.

Wann soll das Ganze an den Start gehen?

Wir sind Live und jeder kann Helga nutzen. Die interne Testphase für unseren Proof of Concept läuft aber weiter. Wir testen wie das Produkt vom Markt angenommen wird.

Das Ganze kostet für den Auftraggeber selbstverständlich Geld, wie wird das abgerechnet?

Es ist ein flexibles Abo-Modell, man kann täglich, mehrmals in der Woche, wöchentlich oder in einem anderen Turnus buchen. Die Preise finden Sie auf unserer Webseite.

Herr Grahm, ich bedanke mich für das Gespräch.

Die in der Überschrift gestellte Frage: „Kann KI bei Einsamkeit im Alter helfen?“, lässt sich auch nach dem Gespräch nicht eindeutig beantworten. Der Chatbot „hallo Helga“ ist ein Versuch die Einsamkeit für alte Menschen etwas erträglicher zu machen. Behutsam angewandt, mit wenigen Gesprächen, wenn ein persönlicher Kontakt wirklich nicht möglich ist, kann der „virtuelle Gesprächspartner“, meines Erachtens, hilfreich sein. Wenn „hallo Helga“ aber angewendet wird, um den persönlichen Kontakt komplett zu ersetzen, was nicht im Sinne der Gründer ist, dann sehe ich das kritisch.

Ich werde dazu mit Frau Professor Riedel-Heller Kontakt aufnehmen, ihre Expertise einholen und weiter berichten.

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