Zuletzt hat der in Leipzig lebende Autor Frank Kreisler mit Gespenstergeschichten für Kinder von sich Reden gemacht. Aber in ihm steckt auch ein listiger Krimi-Autor, was Freunde der kurzen Form schon in den diversen „Giftmorde“- und „Sachsenmorde“-Editionen der edition krimi erleben konnten. Einige dieser Geschichten trifft man wieder in diesem Band mit zwölf „finsteren Storys“.

Auf den ersten Blick wirken sie wie Experimente – so wie die meisten Storys, die man in den Sammelbänden der „edition krimi“ lesen konnte. Mal ging es darum, bekannte Wanderziele in Sachsen zum Schauplatz eines ausgeklügelten Mordes zu machen, mal um die vielen Möglichkeiten, Menschen mit Pflanzengiften ins Jenseits zu befördern, gewonnen aus wilden Gewächsen direkt vor unserer Nase.Aber das ist alles Staffage, sozusagen die Zutat für die Sherlock Holmes’ unter den Lesern. Wer glaubt, dass Krimis deshalb funktionieren, ist wirklich noch nicht weit vorgedrungen ins Land der menschlichen Abgründe – und der Faszination der Leser/-innen, die deshalb ganze Bibliotheken mit Krimis zusammentragen.

Denn letztlich geht es um das Rätsel im ganz normalen Mitmenschen: Warum wird er (oder sie) zum Mörder (bzw. zur Mörderin)? Denn wenn das „heimtückische Töten“ (wie es der germanische Wortursprung begreift) keinen Sinn macht, warum sind Menschen dann trotzdem so fasziniert davon? Und tun dann naiv, wenn sie hinterher befragt werden als Zeugen: Der sah doch aber wie ein ganz harmloser Nachbar aus! Hat immer freundlich gegrüßt.

Eben.

Deswegen kommt man am Ende des Bandes natürlich ins Grübeln, weil man sich bei einigen Geschichten partout nicht daran erinnern kann, wie Kreisler seine diversen Figuren sterben ließ. Selbst da, wo die Pointe darin besteht, dass ganz unverhofft die Polizei auftaucht und schon alles weiß über den Täter und seine Tat. Als wären die Ermittler so geniale Logiker, dass sie die Tat und den Täter einfach zusammenaddieren können wie einst Sherlock Holmes.

Aber das sind alles weder erlösende noch beruhigende Momente. Denn meistens nimmt die Polizei trotzdem die Falschen fest. Was mit den Motiven zu tun hat, die tief in unserer von Frust und Überdruss geprägten Gesellschaft stecken. Es gibt zwar auch die filmreifen Ganoven, die dann ihr Ende in Blödheit finden.

Aber gerade diese scheinbar satirischen Geschichten erzählen davon, dass das professionelle Verbrechen wie ein Parasit auf unserer Gesellschaft sitzt und mit den Unschuldigen und Schutzlosen so gefühllos umspringt, wie es andere Leute sowieso schon tun, die das Geld und die Macht dazu besitzen. Auch die Macht, mit anderen Menschen Schindluder zu treiben.

Natürlich hat das fast immer mit Besitz zu tun. Die deftigsten Geschichten lässt Kreisler in Einfamilienhäusern stattfinden, jenen Käfigen für Ehedramen, die uns die deutsche Bauspar-Industrie noch immer als erstrebenswertes Wohn- und Lebensideal versucht anzudrehen.

Besitz, die heilige Kuh, die am Ende sowieso die Erben oder Gerichtsvollzieher schlachten. Ganz zu schweigen von diesem eigentlich fürchterlichen Bild von einem festgesetzten Leben. Als müsste man sich nur eine Schachtel aus dem Katalog irgendwo in einer zugebauten Landschaft setzen, und alles wäre gut oder gar Friede, Freude, Eierkuchen.

Was eigentlich nie der Fall ist. Denn für diesen in Stein gemauerten Stillstand ist der Mensch eigentlich nicht gemacht. Bestenfalls sind es diese stoffeligen, gefühllosen und maulfaulen Männer, die dann glauben, sich fortan nie wieder anstrengen zu müssen für andere Menschen. Sie haben ja ihr trautes Heim und ihr einfühlsames Weib, das ihnen alle Bequemlichkeiten schafft, die sie sich als Wohlstandsgewinner verdient zu haben glauben.

Was auch auf jüngere Hochglanzdarsteller zutrifft, die in Kreislers Geschichten ebenso gründlich zu Tode gebracht werden. Nicht immer ist der Todesfall ordentlich geplant, meist eher Zufall, weil der Kerl unbedingt meinte, sich wieder völlig danebenbenehmen zu müssen. Und so gesehen zeichnet Kreisler durchaus selbstbewusste Frauen, die letztlich zur Tat schreiten und der permanenten Übergriffigkeit ein Ende setzen.

Manchmal holen sie auch Freunde zu Hilfe. Aber wenn es darum geht, den egozentrischen Pascha bzw. seine kompostierbaren Überreste zu beseitigen, sind sie einfallsreich und erledigen das so ordentlich, wie sie vorher dem Pantoffelhelden den Alltag bequem gemacht haben.

Natürlich sind es nicht nur Frauen, die sich auf diese Weise dagegen wehren, von ihren angetrauten Männern wie ein Besitzstück behandelt zu werden. Kreisler hat auch ein weites Herz für die Erniedrigten und immerfort Frustrierten, denen andere Leute immerfort klarmachen, dass sie keine Rechte haben und auch kein Recht bekommen, als vollwertiger Mensch betrachtet zu werden. Da kann auch einem Sänger, der sich eher für Brötchen-Engagements durch die Landschaft quält, etwas Wundersames begegnen, das ihm klarmacht, dass man gerade in dieser Position als Soloselbstständiger die wenigen wertvollen Chancen nicht einfach aus dem Fenster schmeißen darf, die wenigstens mal für ein halbes Jahr Schaffens-Freiheit verheißen.

Und dabei erinnert in den Geschichten nichts an Corona. Und trotzdem spukt dieses Jahr mit seinen eigenen Gespenstern hinein. Denn es hat offengelegt, wie schäbig unsere Gesellschaft schon vorher mit Soloselbstständigen und Künstlern umgegangen ist. Unter anderem. Und in der Geschichte „Wächterhaus“ thematisiert Kreisler die Sache mit dem Wohnen von einer ganz anderen Seite.

Denn nicht nur in den ach so schönen Einfamilienhäusern draußen auf der Fuchs-und-Hase-Wiese spukt die Einsamkeit. Sie spukt auch in der Großstadt – und in diesem Fall nimmt einer, der das Alleinsein in einem alten Haus eigentlich nicht aushält, die Sache auf drastische Weise selbst in die Hand.

Eine Geschichte, die man vielleicht im Corona-Lockdown nicht lesen sollte. Denn sie erzählt eigentlich von dem, was viele Menschen sich innig wünschen, aber nicht bekommen in einer Welt, in der der Egoismus gepriesen wird und das Bedürfnis nach Nähe der Rundum-Vermarktung unterliegt.

Es gibt Dinge, die man eigentlich nicht vermarkten darf. Und sie werden trotzdem verramscht und verscherbelt. Und eigentlich gilt das für so ziemliche alle Helden und Heldinnen in Kreislers Geschichten: Sie leiden unter ihrer Einsamkeit, sind es gewohnt, alles allein zu machen und zu organisieren.

Und Soloselbstständige wissen, was das bedeutet. Da macht man nicht nur seine Buchhaltung allein, baut das Equipment selber auf, übt allein und baut die Programme und steht allein auf der Bühne. Man muss auch mit den Misserfolgen allein klarkommen und niemand begrüßt einen morgens am Arbeitsplatz und hat schon alles vorbereitet.

Und es werden sich auch Leser/-innen in den Geschichten wiedererkennen, die glauben, gar nicht selbstständig oder solo zu sein. Und die trotzdem genau so leben und die Last alleine tragen. Eine Last, die ihnen die Faulpelze auf dem Sofa in der Stube nur noch schwerer machen.

So verwandeln sich Kreislers Geschichten von ganz allein in Geschichten über die Einsamkeit einer Gesellschaft, in der die Solidarität sowieso nur eine güldene Phrase fürs bürgerliche Feuilleton ist, wenn die verwöhnten Redakteure mal wieder meinen, da draußen einen Hauch von Menschlichkeit verspürt zu haben. So eine Anwandlung von Mitmenschlichkeit, die sich am nächsten Tag ganz bestimmt wieder in näselnde Verachtung für die Schmuddelkinder der noblen Gesellschaft verwandelt.

Aber Frank Kreisler lebt in Leipzig. Da und dort lässt er die Underdogs aus seiner näheren Umgebung auftreten oder – von Frust und Alkohol besinnungslos gemacht – über die Balkonbrüstung stürzen. Er weiß, dass die Menschen in diesem Land in zwei völlig verschiedenen Welten leben. Und dass die, die jeden Tag um ihren Job und ihre Zukunft fürchten müssen, für die aalglatten Immer-Rechthaber nur ein Wort haben, das eigentlich alles zusammenfasst, was sie von ihnen halten: „Schnösel“.

Ja, auch ein paar Schnösel kommen in diesen Geschichten zu Tode. Was aber eben nicht bedeutet, dass danach das Recht triumphiert oder gar die Gerechtigkeit. Denn um Gerechtigkeit zu bekommen, sind Kreislers Heldinnen und Helden zu arm. Sie gehören nicht zur Klasse derer, die dann eben einfach mal „ihren Anwalt“ anrufen. Denn sie können sich keinen leisten. Und wissen auch, dass sie beim Verhör bei der Polizei nur eine winzige Chance haben, erhört zu werden, wenn der Beamte auf der anderen Seite des Tisches noch so etwas hat wie Empathie oder wenigstens die Welt kennt, aus der sie kommen.

Logisch, dass es da in etlichen von Kreislers Geschichten sehr finster zugeht. Aber auf eine überzeugende Art logisch. Denn viele Mittel stehen den Gequälten ja nicht zur Verfügung. Es gibt keine Instanz, die sie anrufen können. Egal, was sie tun – es muss zerstörerisch sein. Und eigentlich steht nur die Frage: Bewahren sie sich dabei ihre letzte Selbstachtung oder geben sie auch noch das letzte Quäntchen Hoffnung preis? Auch über solche Schicksale gibt es dicke Romane. Keine Frage. Solche Romane lieben die deutschen Literaturjurys, weil man darin so viel Menschliches findet.

Dass dieses Leid aber eigentlich nicht in die Literatur gehört, sondern in die gesetzgebenden Parlamente, vergessen sie dabei. Sie haben dieselbe Wand im Kopf wie die von Solidarität schwärmenden Kommentarschreiber.

Denn wenn die Mühseligen und Beschämten sich wehren wollen, haben sie meist keine anderen Mittel in der Hand als das geschärfte Küchenmesser oder die Flasche auf dem Küchentisch. Es sei denn, sie entscheiden sich dafür, sich selbst möglichst schnell mit Kalorienbomben und Alkohol aus der Welt zu schaffen.

Natürlich können auch Krimi-Autoren nicht aus ihrer Haut. Denn deshalb schreiben sie ja Krimis – selbst wenn es lauter erfundene kleine Geschichten sind, die nach 20 Seiten zu einer Pointe kommen müssen, sei sie auch schwarz und bitter. Aber es gibt keine Fälle ohne diese zutiefst menschliche Frage nach Gerechtigkeit.

Und die beginnt eben nicht erst, wenn die Leiche in ihrem Blut liegt und eine clevere Kommissarin Knoblich schon regelrecht riecht, wo sie den Täter suchen muss. Die beginnt vorher, weit vor dem Moment, in dem ein Mensch, der sich keinen Rat mehr weiß, anfängt den Gedanken zuzulassen, die Sache zu einem Ende bringen zu müssen. Und zwar bald.

Und so werden auch diese zwölf Geschichten kleine Erzählungen von der Sehnsucht nach Gerechtigkeit, die die Underdogs ganz anders empfinden als jene Schnösel, denen stets alle Anwälte, Gerichte und Gesetze beiseitestehen. Und die mit ihrer Art Denken dafür sorgen, dass die stets von der Sorge um den nächsten Tag Getriebenen da unten nie zur Ruhe kommen dürfen und ihre Zwänge hinter sich lassen können.

Was zwar die Mordrate im gut verwahrten Deutschland nicht erhöht, dafür den Absatz all der garantiert tödlichen Mittelchen gegen Frust, Traurigkeit und Einsamkeit. Da musste gar nicht erst Corona um die Welt wandern. Das Virus aus Geiz und Gnadenlosigkeit war schon vorher bei uns zu Hause. Und wird auch danach weiter in aller Behaglichkeit dafür sorgen, dass sich nichts ändert und sich Kreislers kurze Krimis auch noch nächstes und übernächstes Jahr so lesen, als wären sie gerade erst passiert.

Sind sie ja auch in gewisser Weise. Aber das interessiert weder die Polizei noch das hohe Feuilleton.

Frank Kreisler Die schwarzen Schmetterlinge, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2021, 12 Euro.

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