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Die Goldenen Zwanziger: Annäherung an ein turbulentes Jahrzehnt mit Bezügen auf Karl Barth und unsere Gegenwart

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    Es ist ja nicht nur die TV-Serie „Babylon Berlin“, die derzeit zum Vergleich anregt: Wie ähnlich waren eigentlich die 1920er Jahre den gerade begonnenen 2020er Jahren? Wiederholt sich Geschichte? Erleben wir noch einmal solche „Roaring Twenties“? Nutzen wieder rechtsradikale Scharfmacher die Krise der Gesellschaft, um die Demokratie zu zerstören und ihren Menschenhass zur Staatsdoktrin zu machen? Eine Frage, die man auch aus der Religionsperspektive betrachten kann.

    Was die in diesem Band versammelten Autor/-innen auch alle tun. Nicht alle unter dem theologischen Aspekt. Aber auch das ist wichtig, denn natürlich steht bis heute als letztlich ungelöste Frage: Wie konnte dieser durchaus furiose Start in die erste deutsche Demokratie derart gegen die Wand gefahren werden und dem schlimmsten Regime in der deutschen Geschichte den Boden bereiten?Natürlich gibt es dazu schon beeindruckende Analysen und großartige Schilderungen, etwa in Jörg Sobiellas „Weimar 1919“ oder Freya Kliers „Dresden 1919“. Die Weimarer Republik startete eben leider nicht ohne Ballast. Und die Krisen, die sie aushalten musste, bereiteten ja gerade den Boden, auf dessen Grundlage radikale Kräfte an Einfluss gewinnen konnten.

    Aber da ist noch etwas. Und damit beschäftigt sich dieses Buch. Eher tastend natürlich, denn die Frage steht heute tatsächlich wieder – die alte Faust’sche Gretchenfrage mit der Religion, die auch die hier beitragenden Theolog/-innen nicht absolut setzen. Eher fragend, indem sie die Dialektische Theologie von Karl Barth als Ausgangspunkt nehmen, die der Schweizer Theologe genau in dieser Zeit formulierte und damit zumindest in der theologischen Debatte für einen gewissen Aufruhr sorgte, auch weil er mit seiner resoluten Sicht auf Gott einige religiöse Grundverständnisse der Zeit infrage stellte.

    Nicht ohne Grund wurde er später zum Mitbegründer der Bekennenden Kirche. Aber schon 1914 hatte er sich erschrocken gegen jenen Aufruf deutscher Intellektueller gewandt, die geradezu mit Begeisterung den Eintritt Deutschlands in den Krieg begrüßten. Unter ihnen auch Adolf von Harnack, für den Christian Nottmeier in diesem Band dann freilich noch eine Lanze bricht, denn Harnack steht für etwas, was in Deutschland derzeit auch unter die Räder zu kommen scheint: die Fähigkeit zum Kompromiss.

    Eigentlich ein hochgradig spannender Dialog, der auch wieder an Luther anbindet und das, was dem Wittenberger Reformator als Gottvertrauen galt. Nur hatte das, was die Mächtigen und Wortführer der 1920er Jahre als Gottvertrauen verstanden (und auch nur zu gern als Motto „Gott mit uns“ auf Koppelschlösser drucken ließen), mit Luthers Gottvertrauen nichts mehr zu tun.

    Und mehrere Beiträge beschäftigen sich mit der durchaus berechtigten Frage, inwiefern sich die deutschen Kirchen auch in den 1920er Jahren noch als Interessenvertreter der Macht verstanden, auch wenn sie 1919 ein uraltes Vorrecht eingebüßt hatten: die konfessionelle Bindung der Schulen. Keine Frage, dass auch diese Diskussion bis heute anhält in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit: Gehört Religionsunterricht (noch) in die Schule oder reicht ein allgemeiner Ethikunterricht? Was gibt Kindern ein moralisches Rückgrat fürs Leben?

    Vermittelt Religion nicht noch mehr? Eine durchaus berechtigte Frage in Zeiten, da die Mitglieder in Scharen ihren Kirchen davonlaufen. Denn auch diese Frage steht wieder oder immer noch: Wofür stehen eigentlich die kirchlichen Hierarchien? Schaffen sie für die Gläubigen überhaupt noch einen Raum, in dem sie ihren Glauben leben können? Und: Wo ist Gott?

    Eine Frage, die ja Barth indirekt gestellt hat – und sehr direkt beantwortet hat, als er seinen Glaubensbrüdern erklärte, dass Gott nicht zu begreifen ist. Und damit auch nicht vereinnahmbar ist. Auch nicht von der Kirche. Eine Frage, hinter der natürlich alle anderen existenziellen Fragen stecken, die alle Menschen beschäftigen, auch jene, die – mit Nietzsche – der Überzeugung sind, dass Gott tot ist.

    Was ja, so Barth, überhaupt nichts über Gott aussagt, über den Menschen nun einmal nichts aussagen können. Es sagt nur etwas über das religiöse Verhältnis der Menschen zur Welt. Denn natürlich steht dieses Gottvertrauen auch für Weltvertrauen. Wer nicht darauf vertraut, dass sein Leben auf Erden gewollt ist und einen Sinn ergibt, der wird anfällig – nicht nur für Zweifel und Verzweiflung, sondern auch für „neue“ Heilslehren. Und dass der Aufstieg der Nazis auch ein religiöses Moment hatte, kann man nicht übersehen.

    Thorsten Schäfer-Gümbel geht in seinem Beitrag „Alle Menschen sind frei und gleich“ darauf ein, dass ja auch die heutige SPD ein gewaltiges Problem hat: Sie hat keine Antworten auf die zunehmenden Zweifel der Menschen, dass wir in einer gerechten Gesellschaft leben.

    „Zuletzt ist die Ungleichheit auch trotz guter Konjunktur kaum zurückgegangen“, schreibt er. „Viele sehen darin eine der Ursachen für die zunehmenden Bedrohungen für unsere Demokratie. Ein Gefühl des ,Zurückgelassen-Werden‘, des ,Nicht-gehört-Werdens‘ und des ,Nicht-gesehen-Seins‘ bietet einen Nährboden für menschenfeindliche Ideologien. Karl Barths Plädoyer für ein Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit ist deshalb brandaktuell.“

    Der Theologe Franz Seghers wird noch deutlicher. Denn auch in diesem Punkt ähnelt unsere Gegenwart den 1920er Jahren: Eine ungelöste Krise folgt der nächsten. Ohne die Krisenhaftigkeit, die dann in der Weltwirtschaftskrise 1929 kulminierte, ist das Scheitern der Weimarer Republik nicht zu verstehen. Aber diese Krisen haben ihre Ursache alle in gewollten Ungleichgewichten. Und auch heute kennen wir die bräsigen Wortmeldungen dazu, dass weder das Auseinanderdriften von Reich und Arm ein Problem wäre noch die Existenz eines riesigen Billiglohnsektors.

    Manche Äußerung aus den Lobbyverbänden der Wirtschaft klingen längst wieder so stählern und gewissenlos wie in den 1920er Jahren. Und Seghers deutet es zumindest an, dass das auch mit einer Politik zu tun hat, die ihren Zweck verfehlt, die falsche Ziele verfolgt und das Wohlergehen der Bürger aus dem Blick verloren hat.

    Auch dabei bezieht er sich auf Barth und seine Definition der Lebensdienlichkeit, die sich im Angesicht von Arten- und Klimakrise noch viel moderner anhört: „Die Lebensdienlichkeit ist eher als Narrativ denn als Konzept oder ausformulierte Strategie zu verstehen. Diese Grundüberzeugung zieht ihre Lehren aus dem Desaster und den Trümmern einer (neo-)liberalen Wirtschaftsdoktrin, die sich als Vollzug naturgesetzlicher Regeln verstand und vor jedem Eingriff durch Staat und Gewerkschaften immunisierte.“

    Noch in der Charta der Menschenrechte ist der Grundgedanke aufgegriffen. „Freiheit von (existenzieller) Furcht und (materieller) Not.“

    Und ganz trocken stellt Seghers fest: „Die soziale Ungleichheit und die Spaltung zwischen Arm und Reich wird gemacht. Der entscheidende Treiber dieser Entwicklung ist eine politisch durchgesetzte Steuerpolitik.“

    Seit wieder über eine gerechtere Verteilung der Steuerlast in Deutschland diskutiert wird, häufen sich auch wieder die bissigen Kommentare in den großen Medien, wie kompliziert und unpraktikabel höhere Steuern für die Reichen und Vermögenden wären.

    Wenn man auf den ersten Blick nicht wirklich glauben mag, dass die Zwanziger Jahre unserer Gegenwart ähneln könnten, wird mit einigen der Beiträge in diesem zur Diskussion einladenden Sammelband deutlich, dass viele Probleme, die zum Ende der Weimarer Republik geführt haben, heute wieder genauso nackt und ungelöst auf der Tagesordnung stehen. Manchmal nur etwas verwandelt, in neue Kleider verpackt.

    Und auch die Kirchen stecken wieder (oder noch) im selben Dilemma. Denn auch für die 1920er Jahre konstatieren mehrere Autor/-innen, dass sie damals nicht wirklich als Sprache des Gewissens hörbar wurden. Im Gegenteil: Die Kirchenführung war selbst meist auf einem stramm nationalistischen Kurs, gerade die der evangelischen Kirche, die sich seit dem Aufstieg Preußens selbst immer als Teil der Macht begriffen hatte und nun keine Antworten mehr hatte für Menschen, die nach dem fürchterlichen Weltkrieg nach eben solchen verlangten.

    Oder auch nicht verlangten, denn auch das wird deutlich, dass die Kirche damals gerade mit ihrer Abgehobenheit nicht wirklich Teil der großen Auseinandersetzungen der Zeit war. Im Gegenteil: Als es 1925 um die Wahl des Reichspräsidenten ging, unterstütze die Evangelische Kirche nicht den Kandidaten der Weimarer Koalition, sondern den alten Weltkriegsmarschall Hindenburg. Ein Baustein der Katastrophe, die die Weimarer Republik in den nächsten Jahren regelrecht implodieren ließ.

    Etliche der Beiträge beschäftigen sich natürlich auch mit dem, woran man in der Regel zuerst denkt, wenn man den Begriff Goldene Zwanziger hört: mit der bis heute beeindruckenden Kreativität in der Kunst, der Architektur (Stichwort: Bauhaus), dem Theater (Stichwort: Brecht) oder der neuen Rolle der Frau. Mythos oder Realität, fragt zum Beispiel Antje Schrupp. Und kann feststellen, dass die neue Selbstbehauptung der Frauen (die es sich leisten konnten) ganz und gar nicht zu einem dauerhaften Erfolg des Feminismus geworden ist. Im Gegenteil: Die Debatte hält noch immer an und Männerbünde begreifen noch immer nicht, wie ihre eigene Machtokkupation eigentlich funktioniert.

    So betrachtet zeigen die Beiträge in diesem Buch, die sich immer wieder mit Aspekten der Theologie von Karl Barth verknüpfen, dass wichtige Themen, die die Weimarer Republik beschäftigen, noch immer aktuell sind, teilweise ungelöst oder unbegriffen, auch weil scheinbar der „rasende technologische Fortschritt“ sie völlig beiseite drängt.

    Das ergibt dann zwar eine technologische Politik mit Menschen, die rotieren wie Uhrwerke. Nur das Menschliche bleibt auf der Strecke. Es sind ja nicht nur die in Billigjobs Entsorgten, die Vertrauen und Zuversicht verloren haben. Es frisst sich längst auch durch die Mitte der Gesellschaft. Und es stellt die Frage, die Barth eben ganz zentral gestellt hat: Wie lebensdienlich ist unsere Politik? Und zwar in ihrer ganzen Dimension.

    Dass erst das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe den aktuell Regierenden klarmachen musste, dass sie auch in Verantwortung stehen vor der jüngeren Generation und deren Zukunft, sagt eigentlich alles. Und auch das ist ja nicht neu, wenn man sich die ganzen Kanzlerkabinette aus der Endzeit der Weimarer Republik anschaut und ihre Unfähigkeit, die Zukunft des Landes und der Demokratie zu denken.

    Womit wir wieder bei von Harnack wären, der letztlich genauso eine Minderheitenposition vertrat wie Karl Barth, der für die junge Demokratie warb, während die Kirchenobrigkeit schon eifrig den Schulterschluss mit Nationalisten und Militaristen suchte. Christian Nottmeier schreibt: „Insofern war seine Theologie wohl kaum mehr pluralismusfähig als in den 1920er Jahren, eben weil sie etwas ermöglichte, was im deutschen Protestantismus jener Jahre außerhalb des liberalprotestantischen Lagers nur schwer zu finden war: die Fähigkeit zum Kompromiss.“

    Diese Kompromisslosigkeit bedeutete ja bekanntlich das Ende der Weimarer Republik. Insofern nimmt es sich schon seltsam aus, wenn der Historiker Alexander Gallus gerade die Frage diskutiert, ob nun ausgerechnet die „Weltbühne“ mit ihren scharfen Beiträgen zum Niedergang der Weimarer Republik beigetragen habe. Das schreibt diesem gerade mal in 15.000er Auflage erscheinenden Blättchen eine Macht zu, die es nie hatte.

    Und die sich auch nicht messen kann mit der Macht der Millionen-Blätter aus dem Hugenberg-Konzern, die tatsächlich dafür sorgen, die Stimmung im Land aufzuheizen. Aber hier tut sich ein anderes Thema auf, das ein eigenes Kapitel im Buch gebraucht hätte: die Rolle der Massenmedien in der Weimarer Republik, die sich auch mit dem Erfolg des Stummfilms (hier eines fast vergessenen Luther-Films) nicht abhaken lässt.

    Auch hier war Barth weiter als seine Zeitgenossen, der die modernen Medien nicht mied, sondern als elementaren Bestandteil des zeitgenössischen Alltags verstand. Man kann die Menschen nicht abholen, wenn man ihren Alltag nicht kennt und ihre Lebenswelt ausblendet als wäre Kirche ein geschlossener Raum, in dem eine verschworene Gemeinschaft sitzt, die genauso tickt wie der Pfarrer oder der Bischof.

    Das war damals nicht der Fall und ist es auch heute nicht. Was damals wie heute auch für einen Großteil der Ratlosigkeit vieler Menschen verantwortlich ist, die gern einen Halt hätten irgendwo, Zuspruch und Tröstung über das Dasein in einer durchaus chaotischen und rasenden Welt voller Zumutungen. So gesehen eine Grundsatzdiskussion über die Rolle, die Kirche überhaupt noch spielen kann in einer Welt, in der sich immer mehr Menschen nicht mehr gehört und akzeptiert fühlen.

    Elisabeth Engler-Starck, Lars Hillebold, Astrid Maria Horn und Matthias Ulrich (Hrsg.) Die Goldenen Zwanziger, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2021, 20 Euro.

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