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„Er meinte, dass das Fass voll war“ – Mutmaßlicher Mörder vom Auwald offenbarte sich am Tattag einem Freund

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    Fast ein Jahr nach dem tödlichen Angriff auf eine 37-jährige Sozialarbeiterin und Mutter im Leipziger Auwald ist im Prozess gegen ihren mutmaßlichen Mörder kein Ende abzusehen. Am Mittwoch sagte ein Freund des Angeklagten, der sich aktuell in Israel befindet, am Landgericht per Video-Livestream aus. Kurz nach der Tat hatte sich der Tatverdächtige ihm gegenüber offenbart.

    „Ich habe mich bei ihm sicher gefühlt, hatte das Gefühl, ich kann sein, wer ich bin.“ So sprach Danni R. (39) über den Angeklagten Edris Z. (31), den er „einen seiner besten Freunde in Deutschland“ nennt. Am Mittwoch wurde der Zeuge, der sich momentan in Israel befindet, per Video-Schaltung in den Saal 14 des Leipziger Landgerichts geholt, um seinen Eindruck von Edris Z. zu beschreiben.

    Der 31-Jährige ist des Mordes und der gefährlichen Körperverletzung angeklagt: Er soll seine frühere Partnerin Myriam Z. (37) am 8. April 2020 brutal attackiert und schwer verletzt haben, als sie im Auwald mit ihrem wenige Wochen alten Baby im Tragetuch spazieren ging. Die Sozialarbeiterin war zwei Tage später im Krankenhaus verstorben. Das kleine Mädchen, das nicht von Edris Z. stammte, blieb bei dem Angriff unversehrt und wächst nun ohne seine Mutter auf. Überdies wirft die Staatsanwaltschaft Edris Z. auch vor, Myriam Z. bereits im August 2018 am Fockeberg angespuckt und beleidigt, ihrem Begleiter gar ins Ohr gebissen zu haben, als er einschreiten wollte.

    Zeuge schätzt Angeklagten als depressiv ein

    Danni R. schilderte im Video-Stream, den Angeklagten seit etwa 2012 gekannt zu haben. Die freundschaftliche Beziehung habe ihm viel bedeutet, so der Familienvater, denn Edris Z. habe ihm „von Herzen gut zugehört“ und sei ein Mensch gewesen, dem seine Frau ohne Bedenken die vier gemeinsamen Kinder zur Betreuung überließ.

    Doch zugleich sprach Danni R. auch von psychischen Problemen seines Freundes: So habe dieser unter Schlafstörungen gelitten und Schwierigkeiten gezeigt, Neues anzufangen und sich von alten Verhaltensmustern zu lösen. Deswegen sei Edris Z. zeitweise Proband in einer von ihm geleiteten „psychoanalytischen Gruppe“ gewesen, sagte der Therapeut. Er habe sein Verhalten als depressiv eingeschätzt, jedoch nicht gewusst, wie die Probleme zu kurieren seien.

    Vorschläge, Edris Z. mal durch einen gemeinsamen Mallorca-Urlaub auf andere Gedanken zu bringen, wurden offenbar nie realisiert. Auch die von zeitweiser Diskriminierung geprägte Biographie und die Flucht des Angeklagten, der 1995 als Kind mit seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland gekommen war, seien kein großes Thema gewesen.

    Zeuge: Angeklagter sah sich ungerecht behandelt

    Die Beziehung zwischen Edris Z. und Myriam Z., die sich durch die gemeinsame Arbeit in der Flüchtlingshilfe kannten, habe er als normal eingeschätzt, erinnerte sich Danni R. während der Vernehmung. Erst nach der Trennung im Februar 2018 und dem mutmaßlichen Ereignis am Fockeberg ein halbes Jahr darauf seien ihm die Schwierigkeiten klargeworden, so der Zeuge.

    Die später getötete Myriam Z., die der Zeuge nur wenige Male persönlich traf, hatte danach ein Gewaltschutzverfahren gegen ihren Ex-Partner angestrengt. Edris Z. habe dies nicht fassen können: „Das war schon extrem, die ganze Situation für ihn“, antwortete Danni R. auf die Frage des Vorsitzenden Richters Hans Jagenlauf, wie Edris Z. damit umging, in einem Verfahren als Beschuldigter dazustehen. Demnach habe er sich von seiner Ex-Freundin und den Behörden ungerecht behandelt gefühlt und als falsch dargestellt gesehen.

    Geständnis in der Küche

    Am Tag der Tat, so Danni R., ging er morgens mit seiner Tochter zu einem Arzttermin. Später traf er sich mit Edris Z. in dessen Wohnung in der August-Bebel-Straße. Sein Freund sei unruhig und aufgeregt gewesen, habe ihm in der Küche offenbart, dass er im Auwald auf Myriam Z. getroffen sei. Die habe ihn wieder einmal ausgelacht, woraufhin er einen „Stein geworfen“ und „ein paar Mal zugeschlagen“ habe, ehe er geflüchtet sei. „Er meinte, dass das Fass voll war“, so der Zeuge auf die Frage, warum es zu einer solchen Gewalthandlung kam.

    Edris Z. habe angekündigt, selbst zur Polizei gehen zu wollen – die nahm ihn am späten Nachmittag des 9. April fest. Einen Tag später wurde aus dem Vorwurf des versuchten Mordes ein vollendeter: Myriam Z. war in einer Klinik ihren Kopfverletzungen erlegen.

    Demgegenüber geht die Staatsanwaltschaft davon aus, dass Edris Z. das Opfer gezielt habe töten wollen, um es für die Aussage bei der Polizei und das Gewaltschutzverfahren zu bestrafen. Er habe bewusst ausgenutzt, dass Myriam Z. mit keinem Angriff rechnete. Laut Anklage soll der Täter mindestens zehnmal mit einem Hammer auf die 37-Jährige eingeschlagen haben, wovon vier Hiebe ihren Kopf trafen.

    Prozess verzögert sich massiv

    Ursprünglich hätte der Zeuge Danni R. bereits Ende Januar aussagen sollen – doch Komplikationen bei der Tonübertragung hatten dies verhindert. Auch am Mittwoch musste die Sitzung mehrfach unterbrochen und bei der Technik nachjustiert werden, weil die Sound-Qualität zu wünschen übrig ließ. Oft waren mehrere Nachfragen nötig, um Danni R. akustisch zu verstehen.

    Der Prozess, der ursprünglich bis Mitte Dezember 2020 terminiert war, wird kommenden Mittwoch fortgesetzt. Ein Befangenheitsantrag der Verteidigung gegen den Vorsitzenden der Strafkammer wurde inzwischen als unbegründet verworfen. Derzeit sind, zumeist im Wochentakt, weitere Verhandlungstage bis 2022 geplant.

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