Beim Streit um Autos und Radverkehr in Leipzig wird oft vergessen, dass auch die Fußgänger und alle anderen, die die Fußwege benutzen, die Leidtragenden sind, wenn die Wege schlecht sind und Straßen kaum passierbar, weil es keine Überwege gibt, Bordsteine Hindernis sind und Autofahrer auch noch die Kreuzungen zuparken. Auch das spiegelt die Bürgerumfrage 2024. Ansatzweise.
Am zufriedensten sind die in der Bürgerumfrage Befragten noch mit der Erreichbarkeit der Ziele. Was erstaunlich ist. Selbst die Autoren des Berichts zur Bürgerumfrage staunen.
„Die Bedingungen aber, mit denen die Leipzigerinnen und Leipziger am meisten zufrieden sind, ähneln sich zwischen den Mobilitätsarten: Sehr zufrieden oder zufrieden sind Leipzigerinnen und Leipziger mit der Erreichbarkeit und Zugänglichkeit relevanter Zielorte (65 Prozent) sowie mit der Gehwegbreite (55 Prozent)“, kann man da lesen.
Ist das gut oder schlecht? Oder ist diese Zufriedenheit nicht eigentlich viel zu niedrig? Erzählt ein Wert von 65 Prozent nicht davon, dass 45 Prozent der Ziele in Leipzig selbst zu Fuß nur schlecht erreichbar sind? Dass da also etwa nicht stimmt?
Dass da einiges nicht stimmt, zeigen die anderen abgefragten Zustände im Fußwegenetz: „Etwas geringer fällt mit 45 Prozent jeweils die Zufriedenheit mit der Wartezeit an Ampeln sowie mit der Sicherheit der Querungsmöglichkeiten von Straßen aus. Verbesserungsmöglichkeiten bestehen unter anderem hinsichtlich
der Dauer der Grünphasen an Ampeln sowie des baulichen Zustandes und der Führung von Gehwegen. Mit Sitzmöglichkeiten sind 38 Prozent unzufrieden oder sehr unzufrieden, was vergleichsweise den stärksten Handlungsbedarf aufzeigt.
Potenzial zur Steigerung der Zufriedenheit gibt es auch bezüglich der Barrierefreiheit. Gleichzeitig kann aber etwa ein Drittel der Befragten diesen Aspekt nicht einschätzen. Darüber hinaus nimmt fast die Hälfte der Befragten (46 Prozent) nicht wahr, dass sich in den letzten drei Jahren in der Stadt Leipzig der Fußverkehr verbessert hat; nur 23 Prozent berichten von wahrgenommenen Verbesserungen (31 Prozent gaben nicht einschätzbar an; n = 1.291).“

Nur ist die Lobby der Fußgängerinnen und Fußgänger viel leiser als die der Autofahrer. Obwohl sie viel mehr Grund hätte, richtig laut und wütend zu sein.
Das wird nämlich deutlich, wenn die Leipziger nach notwendigen Verbesserungen im Fußwegenetz gefragt werden. „Mehr als die Hälfte der Personen sehen hier den Winterdienst auf Gehwegen (52 Prozent) sowie die Behebung baulicher Schäden (51 Prozent) als zentrale Änderungsbereiche. Die anderen Verbesserungsansätze werden mit höchstens 31 Prozent wesentlich seltener als die wichtigsten benannt“, liest man im Bericht.
Die eigentlichen Risiken werden einfach ausgeblendet
Was nicht bedeutet, dass die anderen notwendigen Verbesserungen weniger Handlungsbedarf erfordern. Denn da geht es auch ums Thema Sicherheit. Und während die Stadt bei den Verbesserungen vor allem an ihre eigenen Handlungsmöglichkeiten gedacht hat, wird bei den abgefragten Sicherheitsrisiken deutlich, dass es vor allem die Gedankenlosigkeit der Mitmenschen ist, die das Nutzen der Fußwege gefährlich macht.
„Der bauliche Zustand der Gehwege bietet nicht nur am meisten Potenzial für Verbesserungsmöglichkeiten im Fußverkehr, sondern er stellt für 40 Prozent der Einwohnerinnen und Einwohner Leipzigs gleichzeitig auch eines der größten empfundenen Sicherheitsrisiken dar“, fasst es der Bericht zur Bürgerumfrage zusammen.
„Noch mehr Befragte – 54 Prozent – nehmen Personen, die auf dem Fußweg Fahrrad fahren, als größte Gefährdung der Sicherheit im Fußverkehr wahr. Autos, zumindest parkende, sehen dagegen nur etwas mehr als ein Viertel der Menschen hier als ein Sicherheitsrisiko. Abgestellte Fahrräder sind mit 17 Prozent das seltenste genannte Sicherheitsrisiko der Leipzigerinnen und Leipziger.“
Eine mehr als problematische Aussage. Denn die Befragten hatten zu diesem Thema einen vorgegebenen Block, auf dem sie die Risiken ankreuzen konnten. Ein ganz wesentliches Risiko war gar nicht dabei – die zugeparkten Kreuzungen und Überwege. So schafft man sich natürlich einen blinden Fleck in der Wahrnehmung.
Mit den Items „Querung von Kreuzungen mit abbiegenden Autos“ und „schlecht einsehbare Stellen“ ist das Thema Falschparken einfach nicht erfasst. Und auch das Feld „Querung von Straßen ohne Zebrastreifen/Fußgängerampel“ umfasst nicht die gefährlichen Punkte, an denen Fußgänger zugeparkte Straßen überqueren müssen, erst recht, wenn dort parkende SUVs und Kleintransporter die Einsicht in die Straße komplett verstellen.
Eher ist dieser ganze Fragenkomplex so formuliert, dass die Stadt sich zurücklehnen kann: Es sind ja die Radfahrer auf den Gehwegen, die das größte Sicherheitsrisiko darstellen. Was schlichtweg nicht stimmt. Es sind die Stellen, an denen Fußgänger die Straße überqueren müssen, aber durch geparkte Fahrzeuge keine Übersicht über den Verkehr haben. Aber das merkt man nur, wenn man auch zu Fuß unterwegs ist.
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