Vor mehr als sechs Jahren schlugen über 250 Hooligans und Rechtsradikale eine Schneise der Verwüstung durch den linksalternativen Leipziger Stadtteil Connewitz – unter den mutmaßlich Beteiligten befand sich auch Kersten H., Beamter im sächsischen Strafvollzug. Nachdem mehrere Anläufe in der Vergangenheit gescheitert waren, steht der 36-Jährige nun seit Dienstag wegen Landfriedensbruchs vor dem Amtsgericht – und schweigt.

Über sechs Jahre nach dem brutalen Angriff auf den Leipziger Stadtteil Connewitz am 11. Januar 2016 muss sich seit Dienstag ein weiterer Beteiligter wegen Landfriedensbruchs verantworten. Geschätzt 250-300 Rechtsradikale hatten an jenem kalten Januarabend, während sich zahlreiche Bewohner des linksalternativen Viertels in der City zum Protest gegen die „Legida“-Bewegung zusammenfanden, eine regelrechte Verwüstung entlang der Wolfgang-Heinze-Straße angerichtet.

Autos, Geschäfte und Schaufenster wurden mit Äxten und Eisenstangen demoliert, Pyrotechnik gezündet, Menschen verletzt, Unbeteiligte terrorisiert. Die herbeigeeilten Polizeikräfte konnten den Großteil der zumeist ortsunkundigen Angreifer in einer Seitenstraße einkesseln.

JVA-Beamter bis 2019 im Dienst trotz Ermittlungsverfahren

Das Brisante: Der verdächtige Mann, der seinerzeit mit über 200 weiteren Personen durch die Polizei festgesetzt wurde, war damals als Beamter im Strafvollzugsdienst Sachsen tätig, bewachte dabei offenbar auch inhaftierte Neonazis und konnte trotz laufender Ermittlungen bis 2019 unbehelligt weiterarbeiten – seinen Chef hatte der damals 33-Jährige offenbar erst Ende 2018 im Angesicht des bevorstehenden Prozesses über das Strafverfahren informiert.

Da der junge Mann keine Angaben zu seinem Beruf gemacht hatte, fiel er zunächst durch das Raster der Behörden, dann kam es auch zu einem Fehler bei der Datenübermittlung, aufgrund dessen H. ein früher ausgeübter Beruf zugeordnet wurde – so jedenfalls die offizielle Erklärung. Seit Januar 2019 ist H. vom Dienst suspendiert. Der Ausgang des Disziplinarverfahrens und der drohende Verlust des Beamtenstatus hängen davon ab, wie der Prozess ausgeht.

Kersten H. schweigt sich durch den Prozess

Am Dienstag hörte Kersten H. scheinbar ruhig und entspannt den Ausführungen der Anklage zu. Staatsanwältin Sandra Daute warf dem 36-Jährigen seine Beteiligung an dem Überfall auf den Szenekiez vor, wobei er sich in Kenntnis des Vorhabens entschlossen habe, seine Mittäter in ihrem gewaltsamen Tun zu bestärken.

„Herr H. möchte keine Angaben machen“, erklärte sein Anwalt Helmut-Hartwig Heuer knapp. Sondierungen über ein mögliches Strafmaß zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und Verteidigung waren zuvor ohne Ergebnis geblieben.

 „Wir wollen nichts von euch, wir wollen die Zecken“

Daher trat das Gericht direkt in die Beweisaufnahme ein und vernahm hintereinander vier Polizeibeamte, die am fraglichen Abend im Einsatz waren. Besonders Überraschendes kam dabei nicht zutage: Übereinstimmend beschrieben die Einsatzkräfte die Angreifer als dunkel gekleidet und meist vermummt. Sie wurden zunächst für linksgerichtet gehalten und auch ein bevorstehender Angriff auf den Connewitzer Polizeiposten befürchtet, der durch einen Einsatztrupp unterbunden werden sollte.

Doch schon als die Einsatzkräfte näherrückten, wurde die tatsächliche Gesinnung des Klientels klar: „Haut ab, wir wollen nichts von euch, wir wollen die Zecken“ – so habe es sinngemäß geheißen, erinnerte sich Polizist Matthias K. (43) im Zeugenstand. Nach Festsetzung der Angreifer auf der Auerbachstraße hätten Einzelne geäußert: „Wie geht es jetzt weiter? Wir haben doch nichts gemacht.“

Erzürnte Anwohner sammelten sich

Während des Wartens auf den Gefangenentransport schaukelte sich die Situation wieder hoch, weil sich immer mehr erzürnte Anwohner von Connewitz rund um die Festgenommenen gruppierten, die unter Polizeibewachung auf dem Boden hockten. Gleich würden alle Einwohner von Connewitz kommen, man würde sich das nicht bieten lassen: Derlei Drohungen habe ein erregter Mann ihm gegenüber geäußert, sagte Gesetzeshüter Stefan F. (42). Erst etwa 21 Uhr, rund zwei Stunden nach dem Geschehen, erfolgte der erste Abtransport – dieser sei im Bereich Herderpark attackiert worden.

Dass er nur zufällig in die Polizeimaßnahme geraten sei, habe keiner aus der Gruppe geltend gemacht, so die Polizeibeamten.

Urteil womöglich Ende der Woche

Videoaufnahmen der Polizei, die das Gericht in Augenschein nahm, offenbaren die chaotischen Szenen während der Festsetzung der Neonazis. Wiederum sind Rufe wie „Wir sind wegen den Zecken hier“ zu hören, im Hintergrund ertönen Knall- und Sirenengeräusche.

Bisheriger Kenntnis nach soll der Angeklagte auf keinem der Videos eindeutig zu erkennen sein. Weil sich eine Videosequenz nicht abspielen ließ und zudem noch Aktenteile im Selbstleseverfahren studiert werden sollen, setzte das Gericht einen weiteren Verhandlungstermin für Freitag an. Möglicherweise wird dann auch ein Urteil fallen.

Mehrere Anläufe für Prozess gescheitert – Protest vor dem Gebäude

Kersten H. hätte sich übrigens schon längst vor Gericht verantworten sollen – doch immer wieder waren Termine kurzerhand ausgefallen, zuletzt im Januar 2020, als der suspendierte Gefängnisaufseher unter Verweis auf einen Magen-Darm-Infekt kurzerhand nicht erschien und selbst seinen Anwalt sitzen ließ.

Vor dem Gericht hatte sich am frühen Morgen Protest der Initiative „Rassismus tötet“ formiert: Die Aktivistinnen und Aktivisten kritisierten mit dem Transparent „Kein Freispruch für Nazis und Justiz“ die Behörden unter anderem für die aus ihrer Sicht schleppende Aufarbeitung des orchestrierten Connewitz-Angriffs.

Und in der Tat: Vielfach kamen Angeklagte nicht zuletzt wegen der langen Zeitspanne zwischen Überfall und Gerichtstermin mit milden Strafen davon.

Laut Zahlen vom Januar 2022 sind (Stand 20. September 2021) genau 163 der Beteiligten rechtskräftig verurteilt worden, das entspricht einer Quote von 75 % aller Verdächtigen.

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