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Moscheebau in Gohlis: Die Spur der Schweine

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    Sie haben gehetzt und aufgerufen, Schweineköpfe auf dem Gelände zu platzieren, wo die Ahmadiyya-Gemeinde eine Moschee errichten möchte. Sie - das sind Netzuser, welche sich auf der Facebookseite der "Bürgerinitiative Gohlis sagt Nein" herumtreiben. Nun ist passiert, wozu sie zumindest verbal so bereit waren, dass sie es offen angesprochen, diskutiert und scheinbar im Scherz geplant haben. In der Nacht haben vermutlich Moscheebaugegner auf dem Gohliser Grundstück Bleichertstraße, Ecke Georg-Schumann-Straße fünf Schweineköpfe auf Pfähle gespießt und offenbar auf diese Weise versucht, das Gelände für die Muslime zu entweihen.

    Wer verstehen will, wie sich Hass – oft genug völlig vorbei am Thema Moscheebau und eher auf den gesamten Islam gerichtet – aufbauen lässt, kann dies bis heute auf der offiziell als Seite der Bürgerinitiative gegen den Moscheebau verantworteten Facebookseite nachlesen. Nachfolgender Dialog fand – neben anderen ähnlicher Art, am 9. November 2013 auf eben jener Seite der „Bürgerinitiative Gohlis sagt Nein“ statt und ist dort bis zum heutigen 15. November ungelöscht nachzulesen.

    User „Ba Stel“ schreibt: „Lasst uns ein Schwein schlachten wo die affen ihre Moschee bauen wollen!! Problem gelöst!!!“ Woraufhin der ebenfalls bis heute aktive User „Tommy Schiller“ anmerkt: „Ich bin Handwerker, wie wäre es mit einer mobilen Schweinekopfschleuder, die man auf einen Kleinbus installieren kann? Ich mache gleich mal eine Modellzeichnung…“ Das wiederum gefällt dem User „Philipp Hartung“, welcher mit einem „^^“ amüsierte Zustimmung signalisiert.

    Für „Peter Uwe“ ein gefühltes Startsignal: „ENTLICH lasst es uns so machen!!“.

    In der vergangenen Nacht war es dann soweit. Eine Mülltonne wurde entzündet, fünf Schweineköpfe unbekannter Herkunft auf Pfähle gespießt und so versucht, das Baugelände für die muslimische Ahmadiyya-Gemeinde zu entweihen. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen und wird sicherlich auch bei der Bürgerinitiative nachfragen müssen.

    Denn längst hat sich die Seite zur Sammelstelle für einen regelrechten Kreuzzug gegen den Islam gemausert, andere Meinungen werden nicht mehr diskutiert, sondern niedergebrüllt. Fast jeder Eintrag strotzt mittlerweile vor Gewaltbereitschaft und immer wieder wird auf die Online-Petition von Viola Hartung (CDU) durch sie selbst hingewiesen. Seit heute morgen gibt es mal wieder die typischen Absetzungsbewegungen der nach wie vor anonymen Macher der Facebookseite, welche dazu gern vorgebliche „Leserzuschriften“ nutzen.

    Wie perfide es die Verantwortlichen dabei verstehen, die unaufhörlichen Hetzereien einerseits zu dulden und andererseits zu befördern, zeigt eben jener Eintrag, nachdem man sich vorab notdürftig von der nächtlichen Aktion distanziert hat. „Meine Güte, jetzt gehts schon los…

    Da rollte vor 2 Stunden die Feuerwehr an, um ein Feuer zu löschen. Irgendwer muss wohl etwas auf dem besagten Grundstück angezündet haben. Nach 30 Minuten und abartigem Gestank war der Spuk glücklicherweise vorbei, doch die Polizei ist noch jetzt offenbar mit der Spurensuche beschäftigt… Was haben den Steuerzahler eigentlich die bisherigen Einsätze rund um den geplanten Moscheebau gekostet? Und was kommt noch alles? Mit leider zunehmend angsterfüllten Grüßen“

    Während dies also die Angst der Anwohner, an welcher längst die Moscheebaugegner im Netz ihren ganz eigenen Anteil haben, spiegeln soll und gleichzeitig natürlich auf die Kosten verwiesen wird, die diese Aggressionen mit sich bringen, ist von der Initiative zum Anschlag selbst zu lesen: „Liebe Freunde der Bürgerinitiative Gohlis sagt Nein, nachfolgend ein „Bild“-Bericht über eine Protestform gegen den geplanten Moschee-Bau, die wir ablehnen und für absolut kontraproduktiv halten. Mit solchen Hardcore-Provokationen kann man für unser Anliegen kaum werben, und die linksgestrickten Medien versuchen daraus ganz sicher Sympathie-Kapital für die Islamisten herauszuschlagen. Moschee NEIN, aber nicht mit solchen Mitteln!“

    Der Einwurf kommt wohl zu spät, die Worte könnten schon zu Taten geworden sein, nun müssen die Strafverfolgungsbehörden wohl der Spur der Schweine folgen. Die Formulierungen „Hardcore-Provokation“, „Islamisten“ und „linksgestrickte Medien“ könnten den Weg weisen. Schuld sind selbstverständlich andere.

    Dass es die selbst gerufenen Geister sein könnten, fällt den Machern ebenso wenig ein, wie Bedauern zu äußern. Stattdessen haben sie ihr Spektrum nun um die „Asylantenfrage“ erweitert.

    Am Mittag hat auch die Stadt Wind von der Nacht-Aktion bekommen. In einem Statement entschuldigt sich Oberbürgermeister Burkhard Jung. „Die Stadt Leipzig ist geschockt von diesem widerwärtigen Anschlag. Ein solcher Frevel, der Jenseits meiner Vorstellung liegt und der die Grundlagen des interreligiösen Zusammenlebens erschüttert, ist nicht hinnehmbar. Ich verurteile diese feige Tat auf das Schärfste und werde mich dafür einsetzen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Die Ahmadiyya Muslim Jamaat Gemeinde bitte ich im Namen der Stadt um Entschuldigung.“

    Nachtrag d. Red.: Die Nachverfolgung der Herkunft der Schweine ist offensichtlich nahezu unmöglich, da den Tieren durch die Täter die Ohren samt Markierungen entfernt wurden.

    Weitere Berichte dazu vom 15. November 2013

    Zum (ersten) Artikel dazu auf Bild.de | Widerlicher Anschlag auf geplante Moschee

    LVZ-Online | Blutige Schweineköpfe auf Leipziger Moschee-Areal: OBM entsetzt, Ahmadiyya unbeeindruckt

    Sueddeutsche.de | Schweineköpfe und Feuer auf Moschee-Gelände

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