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„Nicht ohne mein …“ : Sehbehinderte knipsten in Leipzig Porträts

Daniel Thalheim
Thomas Fabian.
Thomas Fabian.
Sehbehinderte sehen anders. Dass sie auch den richtigen Blick für die Leipziger haben, bewiesen sie am 5. Dezember mit ihrer Fotoaktion „Nicht ohne mein ...“. Das Projekt der Filatow-Schule in Grünau, der Hochschule für Grafik und Buchkunst und des Deutschen Blindenhilfswerks (DBHW) traf mit ihren Fotografen und Schülern der HGB auf verschiedene porträtwillige Leipziger im Neuen Rathaus. Doch wer sind die Menschen hinter diesem Projekt?

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Diesmal ist neben den Projektleiter des DBHW, Heribert Tigges, auch die Schulleiterin der Grünauer Wladimir-Filatow-Schule, Rita Becker anwesend. Sie erklärt, dass die heute eingenommenen Gelder pro Anmeldung an das Blindenhilfswerk und den von Heribert Tigges betreuten Aufbauprojekten in Afrika fließen und wie viel Spaß den Schülerinnen und Schülern die Aktion bereitet. „Unsere Sehbehinderten fotografieren sehr gerne. Sie haben aufgrund ihrer Sehbehinderung individuelle Sichtweisen, die sie in ihre Kunst einfließen lassen. Das macht ja den Schnappschuss auch so interessant. Wir haben an unserer Schule auch einen Fotozirkel, der gut besucht ist“, erklärt Rita Becker. Auch wenn die Kinder und Jugendlichen sehr gerne fotografieren, ist es nicht als Vorbereitung für eine künstlerische oder fotografische Ausbildung zu verstehen.

„Es ist eine Wahrnehmungsschulung, dass die Kinder und Jugendlichen freier mit ihrer Behinderung umgehen lernen und sicherer im Leben sind“, erzählt Becker weiter, und fügt hinzu: „Unsere Schüler haben nach ihrem Schulabschluss, der identisch mit dem einer Realschule ist, die Möglichkeit, einen Beruf im Berufsbildungswerk ganz normal zu lernen oder das Abitur in der 'Brandenburgischen Schule für Blinde und Sehbehinderte in Königs Wusterhausen' zu besuchen.“ Dort haben die Jugendlichen die Möglichkeit, nach drei Jahren ihre allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Man weiß, in Brandenburg gilt das dreijährige Abitur. Jedes Bundesland ist in dieser Hinsicht anders.

Auftakt zum großen Foto-Shooting: Nicht ohne mein ...
Auftakt zum großen Foto-Shooting: Nicht ohne mein ...
Foto: Daniel Thalheim

Die Schulleiterin ist über die Zukunft ihrer Schulabsolventen nicht besorgt: „Berufe im physiotherapeutischen Bereich sind sehr beliebt, aber auch Berufe, wo man als Sehbehinderter mit technischen Hilfsmitteln am Computer arbeiten kann, wie als Journalist oder als Bankangestellter. Also überall, wo Lesen und Schreiben kein Problem für die Schüler darstellt, so lange sie die technischen Unterstützungen erfahren. Das kann man schon mit der Vergrößerung der Schriftgröße am Bildschirm erreichen. Doch auch Arbeiten als Call-Center-Agent sind denkbar. Viele Absolventen sind in diesem Bereich tätig.“

Die Schülersprecherin der Grünauer Filatow-Schule, Quendresa Maliqi, stammt aus dem Kosovo. Mit ihren Eltern kam sie 1999 aus dem damaligen Kriegsgebiet nach Leipzig und ist seit der dritten Klasse in der Filatow-Schule. Vorher besuchte die 17-jährige Schülerin eine klassische Schule, bis ihre Sehbehinderung festgestellt wurde. Nun möchte sie nach Königs Wusterhausen, um ihr Abitur zu machen. „Ich bin fast blind, aber das hindert mich nicht daran, meinen Berufswunsch Psychologie studieren zu wollen. Ich kann mich in andere Menschen hineinversetzen und weiß immer Rat, wenn mich jemand in Seelendingen fragt“, beschreibt die junge Frau ihren Berufswunsch.

Sozialbürgermeister Thomas Fabian selbstbewusst: Nicht ohne mein ... Beatles-Album.
Sozialbürgermeister Thomas Fabian selbstbewusst: Nicht ohne mein ... Beatles-Album.
Foto: Daniel Thalheim
Aktiv am Leben nimmt die junge Frau auch an Sport und Kultur teil. Es ist gar nicht so, wie man vielleicht so landläufig denkt, dass Menschen mit Sehbehinderung den lieben langen Tag zu Hause sitzen und nur zum Einkaufen mit Stöckchen spazieren gehen. „Ich spiele auch gerne Goalball, was auch bei den Paralympics eine anerkannte Sportart ist. Das Prinzip ähnelt dem des Torball, nur ohne Leine. Letztes Wochenende war ich bei den deutschen Jugendmeisterschaften, obwohl ich erst seit einigen Monaten im Team bin. Goalball wird auch Klingelball genannt, weil im Ball eine Klingel ist, die uns hörbar zeigt, wo der Ball gerade ist. Diese und andere Sportarten helfen uns bei der Koordination, sich spielend leicht in unserer Umgebung orientieren zu können. So wie das Fotografieren eine Übung für uns ist.“ Maliqi ist auch in einer Theater AG und war früher in einem Schwimmverein. Nun lässt sie sich überraschen, wie die Fotoaktion läuft. „Es kommt immer darauf an, wie lange das Shooting dauert und wo die Orte sind, wohin wir laufen müssen und was sich die Leipziger vorstellen.“, schließt Maliqi freudestrahlend.

Auch das gibt es. Sebastian Walter war auch an der Filatow-Schule. Aber nicht weil er sehbehindert ist, sondern das so genannte „ADHS“ hat. Mit dieser Aufmerksamkeitsstörung hatte er es schwer, sich in einer herkömmlichen Klasse durchzusetzen und gute Leistungen zu erbringen. So ist der 17-Jährige sechs Jahre in der Filatow-Schule gewesen. Walter begrüßt das dortige Prinzip: „Dort sind kleinere Klassen, wo ich mich besser konzentrieren konnte. Die Lehrer haben einen nicht in die hintere Bankreihe abgeschoben, sondern hatten Zeit, sich auf einen einzulassen. In großen Klassen, wie in den 'normalen' Schulen ist das schon problematischer, weil man auf schlechte Schüler nicht mehr achtet. Nun lerne ich Gärtner, was auch mein Berufswunsch ist.“

Auf die Frage hin, warum er denn bei der Aktion mitmacht, sagt der junge Mann: „Ich bin von einem hier teilnehmenden Mädchen angesprochen worden, ob ich nicht mitkommen will und habe spontan zugesagt. Ich will einfach wissen, was diese Aktion bedeutet und wie das durchgeführt wird.“

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Dann muss er sich schleunigst beeilen, denn schon sind die ersten Gruppen unterwegs. Auch der anwesende Leipziger Bürgermeister für Soziales und Jugend, Dr. Thomas Fabian, ist begeistert und hält stolz sein Beatles-Album „Abbey Road“ in den Händen. Er hat also genaue Vorstellungen, wie sein Foto auszusehen hat: „Ich bin hier, weil ich einfach diese wunderbare Aktion unterstützen möchte und die 50 Euro für das Shooting können nicht zu viel sein. Nun beratschlagen wir uns gerade, wo wir einen Zebrastreifen finden.“ Wie das Foto dann aussehen wird, kann man auf dem besagten Albumcover betrachten. Oder man sieht das Ergebnis im nächsten Frühjahr im Museum der Bildenden Künste, wenn die Werke mit Einverständnis der Abgebildeten ausgestellt werden.

„Nicht ohne mein ...“ ist ein Foto-Kunstprojekt des Deutschen Blindenhilfswerks, gefördert durch die Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West. Schirmherrin ist Bundesministerin Dr. Ursula von der Leyen.

www.blindenhilfswerk.de


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