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Leipzig im Schuldneratlas Deutschland 2011: Kaum Besserung - prekäre Aussichten

Ralf Julke
Schuldneratlas Bundesrepublik.
Schuldneratlas Bundesrepublik.
Karte: Creditreform
Am Donnerstag, 3. November, veröffentlichte Creditreform den neuen Schuldneratlas für Deutschland. Das Unternehmen hat als Spezialist für Forderungs- und Kundenmanagement eine recht genaue Übersicht, wieviele Deutsche verschuldet sind. Und die Schuldenrate erzählt natürlich einiges über das Auf und Ab im Wirtschaftsleben - denn das spiegelt sich meist recht schnell im eigenen Portemonnaie wider - und in den Schwierigkeiten, Kredite abzubezahlen.

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9,38 Prozent aller erwachsenen Deutschen über 18 Jahre waren zum Stichtag 1. Oktober 2011 überschuldet und wiesen nachhaltige Zahlungsstörungen auf, stellt Creditreform fest. 2010 waren es 9,50 Prozent. Die Zahl der überschuldeten Personen hat sich 2011 gegenüber dem Vorjahr um rund 80.000 auf bundesweit 6,41 Millionen Betroffene verringert (minus 1,3 Prozent).

Positiv auf die Verschuldungssituation der Verbraucher in Deutschland hat sich die gute Konjunktur- und Arbeitsmarktentwicklung der letzten zwölf Monate ausgewirkt, schätzt das Unternehmen ein. Durch die Aufnahme einer Erwerbsarbeit konnten überschuldete Personen ihrem Schuldendienst wieder nachkommen und Verbindlichkeiten abbauen.

Überschuldung liegt dann vor, wenn ein Schuldner die Summe seiner fälligen Zahlungsverpflichtungen auch in absehbarer Zeit nicht begleichen kann und ihm weder Vermögen noch andere Kreditmöglichkeiten zur Verfügung stehen. Als die vier Hauptursachen für Überschuldungsprozesse gelten Arbeitslosigkeit, Trennung vom Lebenspartner, Krankheit und das Konsumverhalten.

Das Land Bremen bleibt weiter Negativspitzenreiter mit der höchsten Schuldnerquote der 16 Bundesländer, gefolgt von Berlin und Sachsen-Anhalt.

Die geringsten Schuldnerquoten verzeichnen Bayern (6,88 Prozent; minus 0,18 Prozentpunkte), Baden-Württemberg (7,50 Prozent; plus 0,04 Prozentpunkte) und Sachsen (8,26 Prozent; minus 0,11 Prozentpunkte).

Unter den besten fünf Ländern mit der geringsten Verbraucherüberschuldung befinden sich neben dem Freistaat Sachsen auch die ostdeutschen Länder Thüringen und Brandenburg. Aber das hat - so stellt es auch Creditreform fest - nichts mit guten Einkommen zu tun, sondern mit der Tatsache, dass sich die Erwerbstätigen in diesem Speziallabor für Mini-Jobs und Mini-Löhne schlicht Konsum verkneifen.

In der Wortwahl von Creditreform: "Aufgrund von Konsumverzicht und einer vorsichtigeren Kreditnutzung der Verbraucher liegt die Schuldnerquote im Osten Deutschlands seit drei Jahren unter der Quote Westdeutschlands."

2008 - so hat das sächsische Landesamt für Statistik ausgerechnet - lag Sachsen auf dem vorletzten Platz mit den Haushaltsbruttoeinkommen in Deutschland - knapp 2.800 Euro waren das im Monat. Nur das deutlich ärmere Mecklenburg-Vorpommern lag mit rund 2.700 Euro dahinter. In Brandenburg zum Beispiel standen den Haushalten fast 3.200 Euro zur Verfügung.

Und da vom Brutto natürlich eine ganze Reihe von Abgaben fortflossen, blieben einem Haushalt in Sachsen 2008 nur noch 1.842 Euro für den Konsum - oder eben für Schuldentilgung. Thüringer Haushalte können zum Beispiel 1.951 Euro im Monat ausgeben, in Brandenburg sind's 1.982 Euro.

Wer aber jahrelang auf derart niedrigem Level verdient, der wagt schon seltener eine größere Anschaffung - und bekommt auch von seiner Bank deutlich seltener den Kredit dafür eingeräumt. So gesehen ist eine Schuldnerquote von 8,26 % doch eine Menge. Es entspricht immerhin rund 300.000 Personen.

In Sachsen sticht Leipzig mit über 11 Prozent Schuldnerquote  heraus.
In Sachsen sticht Leipzig mit über 11 Prozent Schuldnerquote heraus.
Karte: Creditreform

Die Stadt Leipzig liegt übrigens aktuell bei einer Schuldnerquote von 11,62 Prozent. Hier ist gegenüber dem Vorjahr nur ein minimaler Rückgang der Quote im 0,01 Prozent zu verzeichnen - und das trotz aller "Arbeitsmarktbelebung": Viele der neuen Jobs sind tatsächlich nur Jobs und helfen nicht im geringsten dabei, aus der Schuldenmisere herauszukommen.

An anderer Stelle hat sich die Gefahr erhöht, in die Schulden abzugleiten. Auch Creditreform verfolgt besorgt den schleichenden Prozess der "Erosion der Mittelschicht“. Sie findet "ihre (schleichende) Fortführung in einem wesentlichen Teil des Kernmilieus der deutschen Gesellschaft, nämlich im Submilieu der Statusorientierten, die einen gehoben-konventionellen Lebensstil führen, 'mit Stolz auf den erreichten Lebensstandard'. (...) Zudem vollzieht sich die allmähliche Auflösung von ökonomischen Sicherheiten im Milieu der Traditionellen (+ 0,35 Punkte / + 37.000 Fälle), das sich zunehmend von der gesellschaftlichen Modernisierung überfordert zeigt und als Teil der überlieferten Arbeiterkultur offenbar nur schwer Anschluss an die moderne Arbeitskultur halten kann – oder will."

Die Stadt Leipzig liegt mit der Schuldnerquote 11,62 Prozent etwas über dem Niveau von Landkreis Leipzig (8,56 %) und Landkreis Nordsachsen (9,28 %). Das entspricht auch in etwa der Verteilung der Arbeitslosigkeit und der Tatsache, dass viele Besserverdienende, die in Leipzig arbeiten, in den Umlandgemeinden wohnen.

Der Schuldneratlas 2011 für die Bundesrepublik.
Der Schuldneratlas 2011 für die Bundesrepublik.
Karte: Creditreform
Innerhalb Sachsens ist Leipzig damit so etwas wie die freistaatliche Schuldnerhochburg. Die Kreise im Süden des Freistaats haben in der Regel Quoten zwischen 6 und 7 Prozent. Dresden - zum Vergleich - hat 8,30 Prozent. Aber schon der Vergleich mit Halle zeigt, dass Städte durchaus noch größere finanzielle Sorgen haben können. Dort beträgt die aktuelle Schuldnerquote 16,17 Prozent. Und das ist ein Niveau, mit dem sich die Stadt aus Sachsen-Anhalt in der Region westdeutscher Städte bewegt, die mit heftigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu kämpfen haben - Wuppertal zum Beispiel (17,87 %) oder Gelsenkirchen (15,43 %). Beides Städte, in denen die Schuldnerquote sogar stieg.

"Stabil ist der Trend des Vorjahres, wonach Überschuldung jünger wird", schreibt Creditreform. "Zwar weisen Personen der Altersgruppe 40 bis 49 Jahre mit 12,66 Prozent weiterhin die höchste Schuldnerquote auf, allerdings sind hier relativ gesehen weniger Personen betroffen als 2010 (13,29 Prozent). Anders verlief die Entwicklung bei jungen Erwachsenen im Alter zwischen 20 und 29 Jahren und in der Altersgruppe der unter 20-Jährigen. So ist mittlerweile mehr als ein Viertel (26,3 Prozent) der überschuldeten Personen jünger als 30 Jahre. In der Altersgruppe der 20 bis 29-Jährigen stieg die Schuldnerquote auf 11,35 Prozent (Vorjahr: 10,75 Prozent). Viele der Betroffenen dürften ihr Leben lang unter der frühen Überschuldung leiden."

Hinter der nüchternen Feststellung von Creditreform Wirtschaftsforschung steht auch eine von konservativen Politikern forcierte Verteuerung des Studiums - angefangen von Studiengebühren bis hin zu Kürzungen in den Studentenwerken oder beim ÖPNV, die von den Studierenden irgendwie kompensiert werden müssen.

Und wohin geht die Reise? - Die Verbraucher sind sensibilisiert, stellt Creditreform fest: "Zudem sind aufgrund der 'Inflation der Krisen' bei den deutschen Verbrauchern eine zunehmende Sensibilisierung und Ausgabenvorsicht festzustellen."

Helfen wird das aber nicht, denn während die Bundesbürger immer mehr sparen, ihre Konsumausgaben drosseln und den Gürtel enger schnellen, sind ganze Branchen dabei, ihnen das Leben erst so richtig sauer zu machen. Die Creditreform Wirtschaftsforschung zu diesem Themenkomplex: "Allerdings mehren sich hierzulande auch die Überschuldungsrisiken. Neben einer sich abzeichnenden konjunkturellen Eintrübung dürften der Anstieg atypischer Beschäftigungsverhältnisse und die im Wirtschaftsaufschwung eingegangenen finanziellen Verpflichtungen die Überschuldungsproblematik der Verbraucher in den kommenden zwei Jahren belasten. So ist davon auszugehen, dass sich die bestehende Sockelüberschuldung weiter verfestigen wird. Eine deutliche Rückführung der Zahl der überschuldeten Verbraucher ist vor diesem Hintergrund nicht zu erwarten."

www.microm-online.de

www.creditreform-leipzig.de


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