Fünf Zeitbilder oder Jürgen Große und der moderne Pessimismus
Ralf Julke
15.02.2010
Fünf Zeitbilder.
Arthur Schopenhauer lebt. Als freier Autor in Berlin. Er ist heuer 46 Jahre alt, hat seinen Namen ein bisschen geändert, schreibt aber weiterhin beherzt Aphorismen. Keine Glossen. Auch wenn das so da steht bei Jürgen Große im Untertitel seiner neuesten Veröffentlichung: Geschichtsphilosophische Glossen.
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Große hat nicht nur Philosophie und Geschichte studiert, er hat sich auch noch habilitiert, hält Lehrveranstaltungen insbesondere in jenem seltsamen Zwischenfeld, das entsteht, wenn man Philosophie und Geschichte miteinander kreuzt: Geschichtsphilosophie. Ein Feld zum Pessimistischwerden. Ein Feld, das einer schon gründlichst beackert hat – nämlich jener Arthur Schopenhauer, der ein ganzes halbes Jahrhundert deutscher Selbstbetrachtung prägte, vielleicht sogar ein ganzes, wenn man die Folgen seines Denkens für allerlei jüngere Schulen des Skeptizismus und des Zeit-Pessimismus mit einschließt.
Und natürlich war Schopenhauer nicht der Prophet dieser Art des Denkens. Er war nur dessen konsequenter Denker und hat ziemlich gründlich dargelegt, dass diese Art der Welt-Haltung, die zuallererst eine Welt-Anschauung ist, eine bürgerliche Art der Reflektion ist. Den Bürger nicht zu verwechseln mit dem Citoyen, dem selbstbewussten Staatsbürger. Das war ja just die Schablone, mit der sich der geborene Danziger Schopenhauer gegen das in Berlin gepredigte Staatsbürgertum Hegels wehrte. Beides zwei sehr typisch preußische Arten, den Begriff des Bürgers zu besetzen. Mit fatalen Folgen bis heute.
Auch wenn dem alten Schopenhauer sehr wohl bewusst war, dass gegen den staatsbürgerlichen Zweck-Optimismus gesetzter bürgerlicher Pessimismus durchaus ein Affront sein konnte. 1825 wohlgemerkt. Da hatte sich die Leibnizsche Idee von der besten aller Welten in Hegelscher Pflege zur besten aller Nationen gemausert. Das spukt bis heute durch die Bücher der Geschichtsphilosophen und Politologen.
Wie etwa durch Francis Fukuyamas 1992 erschienene Welt-Betrachtung "Ende der Geschichte", das sich so gründlich als Fehleinschätzung erwiesen hat wie jeder Glaube daran, irgendetwas, was sich in menschlichen Gesellschaften konstituiert, als Ideal-Zustand postulieren zu müssen. Bei Fukuyama wurde aus dem Hegelschen Preußen eine idealisierte US-amerikanische Demokratie. Deren Scheitern er dann schon 2006 befürchtet. Eine erstaunlich kurze Geschichts-Sicht.
Dabei war Fukuyama in beiden Fällen noch kein alter Mann wie Schopenhauer, als der schrieb: "Der Grundcharakter des höheren Alters ist das Enttäuschtsein: Die Illusionen sind verschwunden, welche bis dahin dem Leben seinen Reiz und der Tätigkeit ihren Sporn verliehen: man hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und Hoheitsscheins erkannt; man hat erfahren, dass hinter den meisten gewünschten Dingen und ersehnten Genüssen gar wenig steckt und ist so allmählich zu der Einsicht in die große Armut und Leere unseres ganzen Daseins gelangt."
Jürgen Große: Fünf Zeitbilder.
Foto: Leipziger Literaturverlag
Das ist in seinen "Aphorismen zur Lebensweisheit" nachzulesen, erschienen 1851 in den "Parerga und Paralipomena". Da war Schopenhauer immerhin 63. Und Jürgen Große hat noch ein wenig Zeit. Er ist erst 46 und hat – neben diversen fachwissenschaftlichen Schriften zu seinem Arbeitsgebiet – auch schon einen Band Aphorismen im Leipziger Literaturverlag veröffentlicht, gemischt mit Essays und Fragmenten: "Aus Langeweile".
Bei Große fällt auf, wieviel Schopenhauer in seinen Sätzen steckt, wieviel Verachtung für das Jetzt und die Zeitgenossenschaft. Angereichert mit dem großen Gestus des Historikers. Die "Fünf Zeitbilder" sind ein Versuch, das Dilemma des Geschichts-Philosophen in fünf überschaubare Kapitel zu packen: Altertum, Erinnerung, Historien, Geschichte, Neuzeit. – Man sieht: Die Zukunft fehlt. Für einen Historiker ganz logisch, alles, was es zu erforschen gilt, liegt in der Vergangenheit. Da haben alle großen und falschen Ideen ihren Ursprung, da haben Reiche ihre Anfänge, aber auch alle Philosophien. Und daran muss sich Neuzeit messen lassen.
Naja. Nicht wirklich.
Für die Neuzeit gilt in Historikerkreisen für gewöhnlich die Heisenbergsche Unschärferelation: Man kann sie nicht wirklich beobachten, wenn sie geschieht. Geschichte erzählt sich erst durch Relikte, durch Distanz. Das ist auch Fukuyamas Problem: Er versucht als Politologe Geschichte zu formulieren. Möglichst zeitnah. Das kann nur schief gehen. Denn zur Geschichte gehört auch die zwingende Distanz des Beobachters.
Auch Große hat sie nicht. Im Gegenteil. Wie Schopenhauer ist er Betroffener, Teil des Geschehens, das er kritisiert. Zuweilen in schönen, gut formulierten Sätzen. Sätzen, die sich widersprechen, wenn man nur vor und zurückblättert. Einem vielfachen Beschwören eines Endes alle Geschichte stehen dann Sätze gegenüber wie: "Die Freiheitsidee erreicht ihre ganze Delikatesse nur in jenen Despotien, die von der freien Welt finanziert werden."
Geschichte setzt sich also fort. So unberechenbar und unvernünftig wie zuvor.
Nicht zu übersehen die heftige Kritik, die Große am Missbrauch solcher Worte wie Freiheit übt. Und am Größenwahn einer Gesellschaft, die jedes banale Ereignis zu einem "historischen" aufwertet. (Ohne dass er sich dabei Klemperers erinnert, der diese Anmaßung zuerst in der Sprache des Dritten Reiches entdeckte.) Das Schwierige an der Zeitgenossenschaft ist: Man bekommt sie nicht eingeordnet. Man weiß nicht wirklich, wo im Fluss der Geschichte man sich befindet, welche Art Zukunft da kommen wird.
Man weiß auch nicht, ob die Erfahrungen aus der Vergangenheit helfen. Und vor allem weiß man seit 1989 eines ganz gewiss nicht mehr: ob man zu den "Siegern der Geschichte" gehört. Das muss zumindest für Manchen eine Beruhigungspille gewesen zu sein, zu wissen, dass man per definitionem "auf der richtigen Seite" stand. Was dann vielleicht auch das Dilemma eines Großteils der alten DDR-Intelligenzija ausgemacht hat: dass sich ausgerechnet dieses als wissenschaftlich deklarierte "Wissen" als ein falsches Postulat erwiesen hat.
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Wie so manches Postulat in der Geschichte. Und vor allem auch in den Geschichtsbüchern, deren Autoren glaubten, den augenblicklichen Stand der Entwicklung für den Gipfelpunkt zu halten, die "beste aller Welten". Das hat sich immer als Trugschluss erwiesen. Man erliegt ja so gern dem Etikettenschwindel. Dabei weiß Große sehr genau, in welcher Philosophenschule er zu Hause ist, auch wenn viele seiner Sätze an die Hegelsche Logik und die Schriften von Karl Marx erinnern. "Der Untergang des Abendlandes würde mehr Trost spenden, wenn er das nicht schon immer getan hätte", schreibt Große - im Kapitel "Neuzeit", in dem er einige heftige Verurteilungen formuliert für die Zeit, ihre Epigonen und ihre Narreteien. Man fühlt sich allemal ermuntert, zwischendurch zu Lichtenbergs "Sudelbüchern" zu greifen. Auch der gehört in Großes Philosophielinie. Genauso wie oben zitierter Oswald Spengler, dessen "Untergang des Abendlandes" 1918 und 1922 erschien.
Noch so ein Geschichtsphilosoph also, der Geschichte in Zyklen, Auf- und Niedergängen denken wollte. Und damit Nachdenker gefunden hat bis heute. Die Buchhandlungen sind vollgestopft mit dicken Zeitschinken, in denen der Auf- und Untergang aller möglichen Imperien besungen, beschworen, erklärt wird. Ein immerwährendes Opernszenario, in dem immer neue Akteure zu "Siegern der Geschichte" erklärt werden.
Zumindest verständlich, dass Große zutiefst pessimistisch an der Neuzeit verzweifelt, an den "Modernen" schon gar, all diesen Haderlumpen, die nicht zu historischer Größe taugen und die man auch nicht als Helden in reich bebilderten Geschichtsbüchern sehen möchte. Aber etliche von ihnen werden es tatsächlich schaffen. Denn davon lebt Geschichte zu ihren größten Teilen eben auch: von den Dummheiten ihrer Helden. Große: "Irrtum vergeht mit der Zeit, Dummheit schreitet unbeirrt voran."
Das ist dann schon fast ein reiner, klarer Schopenhauer. Der durchaus auch hätte schreiben können: "Neuzeitmensch ist, wer mit seinesgleichen darüber streitet, ob die beste aller Welten schon Gegenwart oder noch Zukunft ist."
Nö, sagt der Neuzeitmensch. Darüber streiten sich nur die Geschichtsphilosophen und die Schmerbäuchigen aus den unlesbaren Feuilletons. Seit nunmehr 300 Jahren. Und die beste Antwort dazu hat immer noch Voltaire geschrieben, 1759: "Candide oder Der Optimismus". Manche Bücher verlieren augenscheinlich nie ihre Aktualität.
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