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Ein Roman über einen der berühmtesten Räuber in Sachsen: Die Hure und der Meisterdieb

Ralf Julke
Die Hure und der Meisterdieb.
Die Hure und der Meisterdieb.
Foto: Ralf Julke
Kein Buchgenre hat in den letzten Jahren so einen Aufschwung erlebt wie der Historische Roman. Eigentlich ein skurriler Vorgang - die große Zeit des Historischen Romans war im 19. Jahrhundert. Doch auch im 21. lassen sich die Leser für Geschichten tief aus der Geschichte begeistern. Und einen wahren Kern dürfen sie auch noch haben. Da kommen selbst berühmte Räuber wieder zu Ehren.

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Bettina Szrama hat sich Nickel List ausgesucht alias der Schwarze Nickel alias Freiherr von Mosel. 1656 in Waldenburg geboren, sorgte er im letzten Jahrzehnt als Anführer einer Räuberbande für Furore in Sachsen, Thüringen und Norddeutschland, bis er 1698 gefasst wurde und 1699 in Celle hingerichtet wurde. Früher hätte man hier automatisch die Wendung "zusammen mit seinen Spießgesellen" verwendet. Aber das fällt einem nach dem Lesen der Geschichte, die Bettina Szrama geschrieben hat, nicht mehr so leicht. Sie gab dem Räuberhauptmann eine Seele.

Und sie gab ihm eine eine große Liebe an die Seite. Auch die ist historisch nachweisbar: Anna von Sien.

Bettina Szrama hat ein paar einschlägige Bücher gelesen über den berühmten Räuberhauptmann. Manche Bibliothek hat sie auch noch stehen, wenn der Bestand gut gepflegt ist. Hans von Hülsens "Nickel List. Die Chronik eines Räuberhauptmanns" zum Beispiel, erschienen 1926 bei Reclam. Der Bursche, der sich um 1680 in Beutha in Thüringen niederließ, zur Tarnung einen Gasthof betrieb und seine Karriere als Pferderäuber begann, verschwindet immer wieder hinter dem Ruhm anderer Räuber - des Stülpner Karl zum Beispiel. Und das, obwohl er in seiner Zeit viel berühmter war, die wohlhabenden Bürger zwischen Thüringer Wald und Nordsee in Panik versetzte, die spektakulärsten Raubzüge in Bürgerhäusern, Schlössern und Kirchen absolvierte und zuletzt mit Steckbriefen im ganzen Reich gesucht wurde.

1697 wurde er vom Schöppenstuhl in Leipzig für vogelfrei erklärt. Und das noch zu einem Zeitpunkt, an dem sein größter Raubzug - der Einbruch in die Michaeliskirche in Lüneburg, wo er den Schatz der Goldenen Tafel plünderte (1698) noch vor ihm lag. Der Schöppenstuhl ist nicht die einzige Verbindung Nickel Lists zu Leipzig. Auch hier führte er einige seiner erfolgreichen Raubzüge durch. Im Dezember 1698 machte der Gefangentransport, der den Räuberhauptmann nach Hildesheim transportierte, in Leipzig Station - und der Räuber war das Stadtgespräch. Bettina Szrama baut das in ihren Roman ein wie so viele nachweisbare Begebenheiten aus seinem Leben. Immerhin agierte List, der 1606 in Beutha verhaftet werden sollte und bei der Flucht zwei Landschöffen erschoss, schon in einer Zeit der Zeitungen. Nicht nur Gerichtsakten hielten sein Treiben fest. Er war ein Thema für die Presse und die Autoren der Nickel-Geschichten konnten auf die gedruckten Berichte über sein Leben zurückgreifen.

Die Geschichte des Räuberhauptmanns Nickel List als Roman.
Die Geschichte des Räuberhauptmanns Nickel List als Roman.
Foto: Ralf Julke

Bettina Szrama nimmt seine letzten Jahre als Rahmen für ihr Buch, verändert ein paar Details, lässt List zum Beispiel seinen alten Gasthof mit seiner Ehefrau und deren Geliebten abfackeln, so dass die Szenerie anfangs fast an die des romantischen deutschen Romans erinnert: Nickel flieht und begegnet mitten in der Nacht seiner künftigen Geliebten, eben jener Anna von Sien, die ihrerseits auf der Flucht ist - aus Leipzig.

Leipzig bildet das bunte Einstiegsbild für den Roman. Hier begegnet der Leser nicht nur Anna, die von ihrem wütenden Ehemann (dem historisch nachweisbaren Weinhändler Jürgen von Sien) im Gasthaus "Zu den drei Schwänen" am Brühl aufgestöbert wird. Auch das ein realer Ort, den Leipzigern bekannt als Gründungsort des "Großen Konzerts", aus dem dann später das Gewandhausorchester wurde. Bei Szrama ist es ein Wirtshaus, in dem besonders gern dasfahrende Volk einkehrt, zu dem ihre Anna gehört. Und wie in der historischen Nickel-Geschichte verflechten sich auch in diesem Buch die Schicksale der beiden, auch wenn es nicht die klassische Romanze um die Räuberbraut ist. Im Gegenteil: Die beiden eigensinnigen Charaktere können nicht wirklich zueinander kommen - auch weil sie beide erstaunlich modern wirken. Nickel in seiner durchaus changierenden Persönlichkeit - mal der arme Räuber Nickel, mal der stolze und selbstbewusste Herr von Mosel, der sich auch von der selbstbewussten Anna nicht einschüchtern lässt.

Und die Hamburger Jüdin Anna, die ihn in seiner selbstbewussten Personifikation im Freiherren-Kostüm liebt, ihren Mosel, aber schon im nächsten Moment bereit ist, mit dem nächsten kühnen Räuber aus seiner Bande ins Bett zu steigen.

Bettina Szrama: Die Hure und der Meisterdieb.
Bettina Szrama: Die Hure und der Meisterdieb.
Foto: Ralf Julke
Manchmal aus reinem Pragmatismus. Auch das ein modern anmutendes Element, auch wenn es wohl für die historische Anna lebensnotwendig war, sich etwa so zu verhalten. Auch sie hat die Tragödie am Ende überlebt, die Justiz ließ sie laufen - doch schon kurze Zeit später verliert sich ihre Spur in Schlesien, was wohl eher nicht heißt, dass sie - wie in diesem Roman - am Ende mit dem Verräter und der gesamten Beute nach Frankreich fliehen konnte.

Anders als in der historischen Realität, wo die öffentliche Fahndung nach Nickel schon seit 1696 und der Räuber schon 1997 für vogelfrei erklärt wurde, macht Bettina Szrama den Verrat eines Bandenmitglieds zum Drehpunkt ihrer Geschichte. Eben noch scheint das Handwerks des kühnen Räubers zu funktionieren, schafft er mit seinen Verschworenen einen Coup nach dem anderen - doch nach dem Raub von Lüneburg bricht das Kartenhaus der Träume in sich zusammen. Der Verrat liefert die komplette Bande ans Messer, die Amtsmänner schlagen zu und sammeln Nickels Bande ein, als müssten sie nur noch die einzelnen Versteckadressen abklappern.

Auch in der realen Geschichte ist so ein Moment der Ernüchterung nachweisbar - er ereilt den erfolgreichen Räuberhauptmann in den ersten Tagen seiner Haft, als er zu begreifen scheint, dass das Spiel aus ist und auf ihn und seine Räuber die härtesten Strafen der kaiserlichen Gerichtsordnung warten. Und die scharfe Befragung in der Folterkammer ist dazu nur das Präludium.

Aber vor solchen Entscheidungen stehen Romanautoren natürlich: Schreiben sie lieber eine detailgenaue Biographie? Auch die kann bei solchen Helden wie Nikol List und Anna von Sien spannend sein. Solls aber ein Roman werden, müssen die Figuren deutlich mehr Fleisch bekommen, als es Gerichtsschreiber fertig bringen, in ihre Akten zu schreiben. Die Autoren sind also zum Dazuerfinden gezwungen, müssen ihre Helden plausibel machen. Manche greifen dazu in die literarische Mottenkiste. Bettina Szrama ist konsequenter und modernisiert ihre Hauptcharaktere. Und sie tut es mit Gefühl. Man versteht sie fast alle und erlebt das Ende natürlich als Schock, denn das hat man Nickel und seinen Getreuen so nicht gewünscht. Es ist auch ein Ende, das von der Mordlust der neuzeitlichen Justiz erzählt, die modernen Räubergeschichten in den heutigen Medien gar nicht so fremd sein dürfte.

Szrama gelingt es, hinter der aufs notwendig fatale Ende zusteuernden Geschichte des erfolgreichen Räuberhauptmanns auch eine faszinierend ungeschliffene Liebesgeschichte zu erzählen, eine voller Eifersucht, Untreue, Verlorenheit, Verführung und Verletzung. Und sie erzählt plastisch, flott und szenenreich. Auch das nicht selbstverständlich bei historischen Romanen. Eigentlich schon filmreif. Man kann es sich fast schon vorstellen beim Lesen als große deutsche Historienverfilmung mit Wäldern, alten mitteldeutschen Städten, nächtlichen Einbrüchen in dunkle Gemäuer und einer rasanten Flucht mit einem Pferdegespann Richtung Lübeck ...



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Die Hure und
der Meisterdieb

Bettina Szrama, Gmeiner Verlag, Meßkirch 2011, 12,90 Euro
Die Stoffe sind da. Und es ist just der Historienroman, der mal wieder zeigt, das deutsche Geschichte viel reicher und bunter ist, als es die üblichen Medien mit ihrer Verkürzung auf zwei grottenlangweilige Diktaturen immer wieder suggerieren.

Bettina Szrama "Die Hure und der Meisterdieb", Gmeiner Verlag, Meßkirch 2011, 12,90 Euro

Mehr über Nickel List:
www.suehnekreuz.de/sachsen/beutha.htm

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