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Tanners langes Interview mit Diana Wesser: Konstruktive Kritik - darum geht es doch! (Teil2)

Volly Tanner
Diana Wesser
Diana Wesser
Foto: Volly Tanner
Diana Wesser hat die Ausschreibung für den "Kunstraum[10].lindenau" gewonnen, den kunstbestückten Spagat am Lindenauer Markt, die Flächengestaltung am neuen Kaufland. Im Interview gibt sie Auskunft zu Konzept, zum Diskurs und zum ganzen was und warum.

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Kann Kunst diese Haltung umdrehen? Nicht ohne Grund heißt Dein Projekt PROtest. Da steckt ja vor allem das PRO drinnen.

Aktiv ‘umdrehen’ vielleicht eher nicht, das wäre ja auch nicht gerade menschenfreundlich, das kann jeder nur für sich selbst entscheiden und angehen. Kunst hat aber das Potenzial, Diskussionen anzuregen, den Blick und die Wahrnehmung zu verändern und neue Handlungsräume zu eröffnen.

Die Idee zu ‚PROtest’ kommt aber aus dem Bedürfnis, aus einer passiven oder destruktiven Anti-Haltung in einen aktiven, handlungsfähigen Zustand zu kommen. Wenn ich gegen etwas bin, dann reicht es nicht unbedingt aus, das immer wieder zu artikulieren. Inspiriert hat mich auch ein Lied aus den 90ger von Knarf Röllem: „Ihr seid immer nur dagegen, macht doch mal bessere Vorschläge!“ Und da kann ich zu aller erst bei mir selber anfangen. Das PRO steht nicht für ein bedingungsloses Hinnehmen, viel mehr steht es für produktive Kritik und kreativen Protest. Es steht auch dafür, FÜR etwas einzutreten und auch für Vorschläge und Ideen, die es wert sind, ausprobiert zu werden.

Mir geht es um eine aktive Haltung und darum, einen Prozess in Gang zu setzen, der hoffentlich auch über den Projektzeitraum weiter läuft. Der Discounter ist jetzt da, daran ist nicht mehr zu rütteln. Aber wie wir mit ihm umgehen, welche Wirkung er auf den umliegenden Stadtraum hat, darauf können wir noch Einfluss üben. Die Frage ist doch, wie man sich vor allem als Anlieger das Gebäude und seine Funktion für die eigenen Zwecke zu nutzen machen kann? Was nach Ablauf des Projektes mit den Schaukästen passieren wird, ist aufgrund der unsicheren Finanzierung des Kunstraums auch noch ungewiss. Auch das gilt es zu bearbeiten und Vorschläge dafür zu machen, wie die weitere Nutzung auch ohne große finanzielle Mittel aussehen könnte, damit es hinterher nicht heißt, es hätte keine besseren Ideen gegeben und statt Kunst dann Werbung zu sehen ist.

Wie können sich aber Menschen nun Beteiligen? Kunst lebt ja hoffentlich von Partizipation, vom Austausch …

Diana Wesser hat die Ausschreibung für den "Kunstraum[10].lindenau" gewonnen
Diana Wesser hat die Ausschreibung für den "Kunstraum[10].lindenau" gewonnen
Foto: Volly Tanner

Ich verstehe mein Projekt als Angebot, an das mach sich andocken kann, dessen Aufmerksamkeit man für sich selbst nutzen kann, um gemeinsam eine viel größere Wirkung zu erzielen, als es der Einzelkämpfer je haben kann. Und ich biete an, meine Erfahrung, Kontakte und Zeit zu investieren, um zumindest einige der Vorschläge, die kommen, zu realisieren oder sie im Rahmen des Projektes anzukündigen. So gesehen bin ich hier als Künstlerin auch Vermittlerin. Dabei mache ich keinen Unterschied, ob die Ideen von einem Unternehmer, einem Kind oder einem Künstler kommt. Mögliche Formate sind Spaziergänge, Vorträge, Ausstellungen, Workshops aber auch interventionistische oder nachhaltige Projekte, die sich mit dem Umgang mit Kaufland aber auch mit der Nutzung und Gestaltung des umgebenden Stadtraums auseinandersetzen. Ich bin offen für jede Idee, solange sie im weitesten Sinne beim Thema bleibt.

Konkret können formulierte Ideen, Zeichnungen oder auch Fotos entweder per E-Mail an PROtest-Lindenau@web.de gesendet oder direkt in der Buchhandlung Seitenblick am Lindenauer Markt für mich hinterlegt werden. Aber bitte nicht anonym. Wer mich treffen möchte, kann mir eine E-Mail schreiben oder seine Kontakte im Seitenblick hinterlassen. Ab dem 20. Mai wird es einen Weblog geben, auf dem auch kurzfristige Termine bekannt gegeben, alle Vorschläge und eingereichten PROteste gepostet und auch eine Dokumentation des Prozesses zu sehen sein werden (http://protestlindenau.wordpress.com). Veranstaltungen werden aber auch über die Schaukästen selbst kommuniziert.

Zum Auftakt am 24. Mai lade ich ein, ab 16 Uhr auf dem Lindenauer Markt gemeinsam PROtest-Plakate zu entwerfen, deren Aussagen alle mit dem Wort ‚FÜR’ beginnen. Als Material dienen Verpackungen von Kaufland. Diese Plakate und Schilder werden dann in den Schaukästen ausgestellt und über den Projektzeitraum bis Oktober mit weiteren eingereichten Ideen erweitert.

Partizipieren kann man auch als Publikum. Und jeder, der meinem Projekt kritisch gegenüber steht, ist eingeladen, einen besseren Vorschlag zu machen.

Mehr zum Thema:

Tanners langes Interview mit Diana Wesser: Konstruktive Kritik - darum geht es doch! (Teil 1)
Feindbilder sind doch etwas fantastisches ...
Welche Gruppen, Milieus, Menschenzusammenhänge willst Du ansprechen? Um wen geht es Dir? Und kann Kunst überhaupt in der derzeitigen Reizüberflutung, im Tittytainmentgewitter noch relevant sein?

Ich spreche zunächst alle an, die im weitesten Sinne mit dem Kaufland am Lindenauer Markt konfrontiert sind, aber auch jene, die sich an einem produktiven Stadtraumdiskurs beteiligen möchten. Ich versuche auch mit denjenigen in Kontakt zu kommen, die in der Regel nicht an Beteiligungsprozessen beteiligt sind, die ja häufig nur die Bildungsmitte erreichen. Also konkret heißt das, dass ich mich bewusst nicht in erster Linie ausschließlich an ein Kunstpublikum richte, schließe das aber natürlich nicht aus.

Ich denke, dass künstlerische Praktiken ein experimentelles Werkzeug sein können, unsere Gesellschaft kritisch zu hinterfragen. Ihre Stärken liegen darin, Strukturen wahrnehmbar zu machen und zu hinterfragen, ohne sie unbedingt ändern zu wollen. Als Künstlerin, die im sozialen Raum arbeitet, verstehe ich mich weder als Sozialarbeiterin noch als Stadtplanerin, sondern vielmehr als kreativer Katalysator. Anstatt darüber nachzudenken und zu planen, wie Stadt sein sollte, stellen künstlerische, partizipatorische Praktiken im sozialen und urbanen Raum eine strategische Stadtplanung in Frage und loten stattdessen vorhandene Potentiale und alternative Nutzungen aus.

Ob das relevant, also bedeutsam ist, muss vermutlich jeder für sich selbst entscheiden. Dass Kunst relevant sein kann, hat sich ja nicht zuletzt an der doch etwas hitzigen Diskussion um die Kunst in Verbindung mit Kaufland gezeigt. Kunst kann relevant sein, sie ist es aber nicht aus sich heraus. Also nicht nur, weil etwas Kunst ist, ist es auch relevant.

Danke Diana.

Ich danke Dir.

www.dianawesser.de
http://protestlindenau.wordpress.com


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