Leipzig auf die Landkarte der wichtigen Städte zurückbringen: Der Leipziger Trendforscher Sven Gabor Janszky im L-IZ-Interview
Gernot Borriss
11.01.2013
Sven Gabor Janszky (links).
Foto: Sven Gabor Janszky
„Für uns ist Leipzig ein Handicap“, sagt der Leipziger Trendforscher Sven Gabor Janszky im L-IZ-Interview. Der Braindrain - die Abwanderung der Talente - nach Westen habe der Stadt viel Kreativität genommen. Gleichwohl will er mit seinem Unternehmen „2b AHEAD ThinkTank“ „zur ersten Unternehmergeneration zu gehören, die Leipzig auf die Landkarte der wichtigen Städte zurückbringt“.
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Herr Janszky, Sie sind Trendforscher. Wie erforscht man künftige Trends, die Andere erst noch setzen müssen?
Genau genommen erforschen wir, in welche Technologien und Trends heute die größten Investitionen fließen. Wir pflegen ein Netzwerk zu den Innovations-Chefs der großen und mittleren Unternehmen der deutschsprachigen Wirtschaft aus den verschiedensten Branchen, also zu den Köpfen, die selbst die Entscheidungen für Investitionen und künftige Geschäftsmodelle treffen.
Wenn Sie diese Personen nach aktuellen Investitionen und ihren Plänen für die kommenden Jahre fragen, dann ist es nicht schwer, jene Trends zu erkennen, die von allen vorangetrieben werden … und jene, die aktuell blockiert werden.
Diese „Treiberanalyse“ ist der Maßstab, mit dem wir den Unternehmen ihre künftigen Trends und Geschäftsmodelle zeigen. Sie sehen: Keine Kristallkugel, sondern echte Wissenschaft mit Methoden der qualitativen Sozialforschung!
Sie bezeichnen Ihr Unternehmen „2b AHEAD ThinkTank“ als „Deutschlands innovativste Denkfabrik“. Um welche Ecke herum denken Sie noch, an der Andere stehen bleiben?
Diese Beschreibung hat uns vor Jahren einmal eine große Wirtschaftszeitung verpasst. Wir haben das übernommen, weil es sehr gut beschreibt, was wir tun.
Es gibt viele Agenturen, die sich mit Trends beschäftigen. Aber den meisten fehlt das Bewusstsein dafür, was Trends eigentlich sind. Da gibt es einige, die Trendscouts an alle Ecken der Welt schicken und dann in ihren Trendreports berichten, dass in Shanghai jemand sein T-Shirt links herum angezogen hat. Das hat natürlich wenig mit Trends zu tun.
Dann gibt es die Marktforscher, die auf die Straße gehen und die Menschen befragen, wie die Welt in zehn Jahren sein wird. Das ist ebenso Quatsch, weil keiner der Befragten eine Ahnung davon hat. Und dann gibt es jene Trendgurus in Deutschland, die seit 25 Jahren im Geschäft sind und denken, sie selbst würden die Trends setzen, indem sie auf ihre Bücher „Megatrend“ schreiben. Auch das ist natürlich Blödsinn.
Und was machen Sie stattdessen?
Wir dagegen verstehen uns als innovativer Dienstleister der Wirtschaft. Die will wissen, was sich bei ihren Kunden und in ihrem Geschäft in den kommenden zehn Jahren verändern wird.
Die hängt nicht vom hippsten Style in Shanghai ab oder vom persönlichen Geschmack eines selbsternannten Trendgurus, sondern, welche Technologien mit Macht in die Märkte gedrückt werden.
Wir kennen die Köpfe und entwickeln mit diesem Wissen die Zukunftsstrategien und Zukunftsprodukte der Unternehmen. Wir sind keine Wahrsager, wir bringen Unternehmen dazu, ihre Zukunft selbst zu gestalten und Innovationsführer zu werden.
Innovative Ideen entstehen zumeist an besonderen Orten. Inwieweit ist Leipzig als Platz für Trendsetter und Kreative geeignet?
Wollen Sie eine ehrliche Antwort? Für uns ist Leipzig ein Handicap. Die Leipziger Kreativitätsstadt liest sich nett in den Broschüren und Förderprogrammen. Mit der Wirklichkeit hat das wenig zu tun.
Bei aller Liebe zum Leipziger Design und den Kreativ-Vereinen: An jenen Standorten, wo international wirklich Zukunft gemacht wird, sitzen visionäre Denker, wagemutige Nerds, unternehmerische Strategen und finanzstarke Investoren abends zufällig in der Kneipe nebeneinander. In Leipzig treffen Sie eine Handvoll von denen im Morgenflieger nach Frankfurt.
Wir müssen ehrlich sein mit uns selbst: Der Braindrain nach Westen hat Leipzig in den letzten zehn Jahren viel Kreativität genommen.
Woran machen Sie das fest?
Meine Realität ist: Wir haben derzeit zwei attraktive Direktorenpositionen in unserem Trendforschungsinstitut für „Analyse & Trendstudien“ sowie „Beratung & Innovationsprojekte“ unbesetzt, weil die entsprechend geeigneten Personen in Deutschland sich einen Umzug nach Leipzig nicht vorstellen können.
Ich höre ständig die Empfehlung, wir könnten mit einem Umzug nach Hamburg, München oder Berlin unser Geschäft schlagartig verdoppeln. Das ist sicher auch richtig.
Ich will aber nicht aus Leipzig weg. Ich liebe die Offenheit, die Natürlichkeit und den Größenwahn dieser Stadt. Und ich liebe den Gedanken, zur ersten Unternehmergeneration zu gehören, die Leipzig auf die Landkarte der wichtigen Städte zurückbringt: und zwar mit international einzigartigen Produkten, statt mit Jammerei und dem Betteln nach immer neuen Förderprogrammen.
Sven Gabor Janszky (links).
Foto: Sven Gabor Janszky
Hat es Sie nie gereizt, Konzepte, die Sie für kommerzielle Kunden entwickeln, selbst unternehmerisch umzusetzen?
Oh doch! Aber ich habe gelernt, dass man nicht alles auf einmal machen kann.
Jetzt bringen wir den 2b AHEAD ThinkTank in den kommenden drei Jahren erst einmal vom „innovativsten“ zum „größten“ Trendforschungsinstitut Deutschlands. Dabei werden wir einen neuen Typ von Agentur entwerfen, in der fluide Teams weltweit um einen kleinen Kern mit starken Werten kreisen.
Ich bin sicher, dass dies auch das Zukunftsmodell für viele andere Unternehmen wird. Wenn wir das erreicht haben, dann haben wir auch das Potenzial, unsere Zukunftsprodukte mit eigenen Mitteln auf die Märkte zu bringen.
Innovatoren sind für Sie idealerweise „Rulebreaker“ ("Regelbrecher"), so der Titel Ihres Buches. Welche moralischen Grenzen setzen Sie beim Überschreiten von Konventionen?
Wirkliche Innovatoren müssen ihre eigenen Geschäftsmodelle angreifen. Sonst tun es andere. Das ist der Grund, warum der Düsenantrieb nicht vom Propellerhersteller erfunden wurde, der Kugelschreiber nicht von Füllfederhalter-Experten und das eBook nicht von Verlagen.
Das heißt: Starke Innovatoren müssen die Grundregeln ihrer Branche brechen. Moralische Grenzen dabei sind allein die Menschenwürde und die Menschenrechte; allerdings nicht unbedingt Gesetze, Verordnungen oder Branchen-Kodizes. Diese zu brechen ist anstrengend, aber für Innovationen wichtig.
Nehmen Sie etwa Beate Uhse. Sie hat sogar einen Grundgesetzartikel gebrochen, um ihre Innovation in die Welt zu bringen und einen gewaltigen Markt zu erobern. Sie wurde erst bekämpft. Später bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Solche Rulebreaker gibt es in jeder Branche. Sie machen unsere Welt lebenswerter. Ich habe zehn davon in diesem Buch porträtiert. In meiner täglichen Arbeit als Berater entwerfe ich mit heutigen Unternehmen in verschiedenen Branchen solche Rulebreaker-Konzepte.
Mal abgesehen von Ihren beruflichen Projekten: Gibt es eine Idee zur Veränderung, bei deren Realisierung Sie helfen?
Ich habe im vergangenen Jahr ein Hilfsprojekt initiiert, bei dem ich gemeinsam mit den deutschen Mitgliedern des internationalen Service-Clubs „Round Table“ mehr als 380.000 Euro für die „Schmetterlingskinder“ gesammelt habe. Das sind etwa 2.000 Kinder in Deutschland, die einen seltenen Gendefekt haben, der täglich zu Schmerzen und oft zum Tod führt.
Weil sie so wenige sind, sind sie kein lukrativer Markt für Pharmaunternehmen und Gesundheitswirtschaft. Deshalb kümmert sich niemand um sie. Wir haben in den letzten 12 Monaten begonnen, ein deutschlandweites Informations- und Versorgungssystem für sie aufzubauen. Das wurde von den 20 Leipziger Tablern koordiniert. Inzwischen wird das Projekt auch international ausgeweitet.
Außerdem habe ich gerade erst 20.000 Euro für die Hilfsorganisation des Ryanair-Gründers Kell Ryan gespendet. Kell hatte mir an der Hotelbar bei unseren letzten Executive Days von den bahnbrechenden Ergebnissen von „Medical Action Research“ erzählt. Ich liebe es, in starke „breaktrough innovations“ zu investieren, egal ob in Beruf oder Gesellschaft.
Haben Sie da noch etwas in der Pipeline?
In der näheren Zukunft werde ich wohl eine Schule neuen Typs gründen. Unsere bisherigen Schulkonzepte sind inzwischen über 100 Jahre alt. Wenn meine Tochter in fünf Jahren in die Schule kommt, dann verdient sie eine moderne Schule mit Lehrern, die auf der Höhe der Zeit sind.
Es wird eine Schule mit Themenräumen statt Klassenzimmern, mit virtuellen Assistenten in Handys, Tischen und Wänden und Schulfächern, die nicht mehr Geschichte, Geografie oder Biologie, sondern Verantwortung, Mut und Reflexion heißen. Das wird auch eine Rulebreaker-Story.
Zur Person:
Der 2b AHEAD ThinkTank gilt als eine der innovativsten Denkfabriken Deutschlands. Auf Einladung des Trend- und Zukunftsforschers Sven Gábor Jánszky (40) treffen sich bereits seit zwölf Jahren die CEOs und Innovationschefs der deutschen Wirtschaft. Unter seiner Leitung entwerfen sie Zukunfts-Szenarien und Strategieempfehlungen für die kommenden 10 Jahre.
Jánszky coacht Manager und Unternehmen in Prozessen des Trend- und Innovationsmanagements, führt Kreativprozesse zur Produktentwicklung und ist gefragter Keynotespeaker auf Strategietagungen.
Er ist Präsident des Verwaltungsrates der 2b AHEAD ThinkTank AG in St. Gallen, Aufsichtsrat der Karlshochschule International University und Unternehmensbeirat der Management Circle AG.
In seinem Trendbuch „2020 – So leben wir in der Zukunft“ beschreibt er den Wandel der Geschäftsmodelle in den kommenden zehn Jahren. In seinem Strategiebuch „Rulebreaker – So denken Menschen, deren Ideen die Welt verändern“ analysiert er, mit welchen Strategien die stärksten Markteroberungen gelingen.
Jánszky war Vize-Jugend-Mannschafts-DDR-Meister im Schach 1988. Er bestieg den Kilimandscharo und lief seinen 18. Marathon.
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