Spitzenmathematik in Leipzigs schwierigster Zeit: Van der Waerden in Leipzig
Ralf Julke
25.12.2009
Van der Waerden in Leipzig.
Das Jubiläumsjahr der Uni Leipzig geht zu Ende. Da gab es auch so manchen Festtagsband. Aber recht wenig Auseinandersetzung um das recht schwierige 20. Jahrhundert. Deswegen liegen auch ganze Jahrzehnte der Uni-Geschichte als Diskussionsstoff auf Eis. Auch die Zeit der NS-Diktatur.
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Eine Zeit, die den Aufstieg der Alma mater Lipsiensis zu einer echten Elite-Universität auf dem Gebiet der Physik und der Mathematik verhinderte. Manches, was in moderneren Zeiten mit Fördermilliarden und verquasten "Exzellenz"-Wettbewerben künstlich geschaffen werden soll, wuchs noch Anfang des 19. Jahrhunderts aus den Hochschulen selbst heraus: Man warb für die besten Lehrstühle die besten Lehrkräfte ein (und setzte nicht - wie heute - auf die Bedienungsmentalität gut vernetzter Landsmannschaften), und man kämpfte, wenn die eigene Forschung es verlangte, um die nötigen Etats und Labore. Eine rege Publikationstätigkeit gehörte zum Normalstandard eines guten Dozenten, der regelmäßige Disput mit den Besten auf dem eigenen Fachgebiet sowieso.
Nicht ohne Grund tauchten an der Uni Leipzig Leute wie Heisenberg, Debye und Hund auf, starteten hier Teller und von Weizsäcker ihre Karrieren. Und die Türen zwischen moderner Physik und Mathematik standen, wie es scheint, weit offen: Man regte einander an. Auch, weil man es auf beiden Feldern mit den Spitzen der jeweiligen Wissenschaft zu tun hatte. Zu den herausragenden Mathematikern der Zeit gehörte der Holländer Bartel Leendert van der Waerden, 1903 geboren. 1924/25 hatte er auch bei Emmy Noether studiert, im Grunde der Schöpferin dessen, was van der Waerden dann 1930/1931in zwei Bänden als "Moderne Algebra" zusammenfassen und veröffentlichen würde. Zuvor hatten schon einige Hochschulen um den begabten Holländer geworben. 1931 schaffte es Leipzig, ihn als Professor zu gewinnen. Sehr wohl auch zur Freude der Physiker. Schon 1932 legte er seine Arbeit "Die gruppentheoretische Methode in der Quantenmechanik" vor.
Natürlich wünscht man sich einmal ein profundes Buch, das diesen kleinen Leipziger Forschungskosmos (der mit dem großen Kosmos stets in intensiver Kommunikation stand) ganz populär untersucht. Wissenschaftler haben es ja so an sich, die Theorie für wichtiger zu halten als die erlebte Praxis, die für gewöhnlich aus Zähneputzen, Kaffeekochen, Schlangestehen und abgelaufenen Schuhsohlen besteht, um nur einmal einige wenige der profanen Dinge zu nennen, die auch den Alltag der Genies begleiten. Etliches davon von emsigen Frauen erledigt. Aber auch das gehört dazu: Wie lebten die "Eierköpfe", wie sie in den USA so gern genannt werden? Man weiß, dass sie sich ganz ähnlich trafen wie später die Kreise der Bloch und Mayer. - Aber wie reisten sie? Wo traf man sie, wenn sie nicht die großen Tafeln in den Hörsälen mit den für Laien unfassbaren Formeln beschrieben? Wie wichtig war diese Ballung von brillanten Wissenschaftlern für jeden Einzelnen? Und für die Fortschritte in der Wissenschaft?
Rüdiger Thiele: Van der Waerden in Leipzig.
So wichtig, dass sich auch eigensinnige Leute wie van der Waerden nach 1933 nicht entschließen wollten die braun überflutete Universität und das zur Debilität gezwungene Land zu verlassen. Und Kampagnen, die den querulantischen Holländer aus seinem Lehrstuhl vertreiben wollten, gab es genug. Aber er blieb, forschte weiter, trat mit Veröffentlichungen hervor, die die Mathematiker noch heute beschäftigen.
Grundlage für Rüdiger Thieles Buch ist ein Vortrag, den der 1943 geborene Mathematiker 2003 im früheren Mathematischen Institut der Uni Leipzig in der Talstraße hielt. 1931 bis 1945 war das Institut Wirkungsstätte von van der Waerden, der noch in den Kriegsjahren ein Angebot bekam, eine Professur in Holland anzutreten. Das er ablehnte, weil er nicht von einem Nazi-Minister berufen werden wollte.
Da und dort schaut das reale, keineswegs berechenbare Leben in van der Waerdens Biografie hervor, ahnt man, dass er durchaus zu den eigensinnigen und querköpfigen Wissenschaftlern gehörte, die sich nicht vereinnahmen ließen, und die auf ihre Art ein Kontra zum regierenden Nazismus lebten – ein demokratisches, das Wert auf Form und Anstand legte. Auch das wird selten untersucht als Phänomen. Noch immer regiert - gerade im Bezug auf die Diktaturen des 20. Jahrhunderts, die platte Schwarz-Weiß-Malerei, die über den Bibelspruch nicht hinauskommt: "Wer nicht für mich ist, der ist wider mich".
Was dann diese öden Grabenkämpfe ergibt zwischen Dissidenten und Mitläufern. Als wären Gesellschaften tatsächlich je so simpel konstruiert. Und vor allem: Als würden Gesellschaften überhaupt so funktionieren - hübsch geteilt in gut und böse. Und dazwischen ... So ist denn auch van der Waerdens späteres Leben mit Anfeindungen gespickt, die ihm sein Dableiben ankreideten. Thiele belegt recht aussagekräftig, dass van der Waerden damit durchaus seine Existenz riskierte, auch weil er geschasste Kollegen verteidigte und die Eignung für eine Professur für wichtiger hielt als die Prämissen der neuen deutschen Bildungsverwalter.
Den 2003 gehaltenen Vortrag reichert Thiele noch um ein paar Dokumente an, die ein wenig van der Waerdens Zeit am Mathematischen Institut der Uni beleuchten, seine publizistische Tätigkeit und die Vernetzung mit der Mathematiker-Zunft. Einen große Teil des Bandes nimmt ein Personenverzeichnis ein, in dem vor allem van der Waerdens Zeitgenossen kurz bedacht werden. Was dem Nicht-Mathematiker dann etwas fehlt, sind all die Geschichten um den Leipziger auf Zeit. Denn natürlich ist es für den Nachgeborenen schwer sich vorzustellen, wie man in Leipzig Spitzen-Mathematik betreiben konnte, während der Irrsinn regierte. Da und dort leuchtet es in Thieles Vortrag hinein. Man ahnt, was ein bisschen Forschung bedeuten könnte, die einmal ohne Scheuklappen und Vor-Urteile in die Zeit der Diktaturen hineintaucht. Man könnte auch was lernen über das Weiterfunktionieren menschlicher Gesellschaften abseits der politischen "Macher"-Ebene.
Das müssen sich Historiker schon als Vorwurf gefallen lassen: Sie nehmen die politischen Karrieristen für viel zu wichtig für den Verlauf der Geschichte. Den großen "Rest" behandeln sie gern wie das Gesinde feudaler Lehnsherren. Und so sieht man den größeren Teil des Eisberges nicht. Oder will ihn nicht sehen, blendet ihn lieber aus, als wäre ein hübsches Jubiläum überhaupt denkbar ohne das von Schlaglöchern übersäte 20. Jahrhundert.
Van der Waerden in Leipzig, Rüdiger Thiele, Edition am Gutenbergplatz, Leipzig 2009
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