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Wiedebach oder Herder? Eine Namens-Diskussion, die so nie stattfand

Ralf Julke
Was passiert, wenn Stadtverwaltungen ihren Schulen selbst überlassen, sich einen Namen zu suchen? Zoff? Zank? Streit? Wohl eher nicht. Die Schulen üben sich in so einem seltsam sperrigen Ding wie Demokratie. Zur nächsten Ratsversammlung am 18. April sollen zwei Schulbenennungen zur Abstimmung kommen: Lene Voigt und Apollonia von Wiedebach. Nicht ganz zufällig geht es um Namenspatroninnen.


Bei Lene Voigt war die Lage eindeutig, die "Leipziger Nachtigall" war zuvor schon Namensgerin einer Schule in Probstheida gewesen, die - wegen Kindermangel - geschlossen werden musste. Mit dem Großteil der Schüler zog auch die Lene-Voigt-Tradition mit um in die 51. Mittelschule in Lößnig, die - bislang namenlos - stolz war, so einen Namensvorschlag debattieren zu dürfen. Am 13. November entschied die Schulkonferenz einstimmig, den Namen Lene-Voigt-Schule zu beantragen.

Cranach-Bild: Apollonia von Wiedebach.
Cranach-Bild: Apollonia von Wiedebach.
Etwas diffiziler ging es in Connewitz zu, wo die 54. Mittelschule und die Herderschule fusioniert wurden und beide Schulkollektive einen gemeinsamen neuen Namen suchen sollten. Auch hier wollten viele Schüler, Lehrer und Eltern einen deutlichen Regionalbezug, auch wenn eine so auffällige Person wie Lene Voigt diesmal nicht zur Hand war.

Mit Apollonia von Wiedebach gab es zumindest eine namhafte Persönlichkeit in der Connewitzer Geschichte, die mit dem Wiedebachplatz auch schon im Connewitzerv Stadtbild vertreten ist. Benannt wurde der Platz nach der um 1470 in Freiberg geborenen Bürgermeistertochter im Jahr 1885. Gewürdigt wurde damit in erster Linie Apollonias Rolle als Stifterin.

Von Geburt her gehörte Apollonia Alnpeck schon zu den angesehenen sächsischen Bürgerfamilien. Durch Heirat mit dem Ratsherrn Jacob Blasberg wurde sie Mitglied einer der reichsten Leipziger Familien. 1487 überschrieb Jacob ihr das Rittergut Lößnig als Leibgedinge. Ein Mann, der sich sorgte - nicht nur um seine Liebsten und seine Heimatstadt, sondern auch um den Reichtum Sachsens. Er schuf die erste einheitliche Finanzkasse für das Herzogtum Sachsen, legte den Grundstein dafür, dass Sachsens Herrscher mit den Reichtümern des Landes auch hauszuhalten lernten.

Als Jacob 1490 starb, übertrug Herzog Georg die oberste Rechnungsführung seines Landes an Jacobs Ehefrau Apollonia. 1491 heiratete die junge Witwe den herzoglichen Amtmann und Rentmeister Georg von Wiedebach, einen der reichsten Männer Sachsens. Während Georg am katholischen Glauben festhielt wie sein Landesher, unterstützte Apollonia schon früh die lutherische Reformationsbewegung. Das Epitaph in der Thomaskirche, das schon 1517 aufgestellt wurde, zeigt Apollonia und Georg im Gebet vereint. Georg starb 1524, Apollonia zwei Jahre später. Von beiden existieren Gemälde aus der Werkstatt Lucas Cranachs des Älteren, die heute im Stadtgeschichtlichen Museum zu finden sind. Das Haus der Wiedebachs stand übrigens direkt am Markt, Ecke Salzgässchen.

An sich ist Apollonia also keine Person, um die man sich streiten muss. Darum ging es auch nicht bei der Namensfindung in der Schule. 16 von 21 Klassen stimmten für die Stifterin, auch 27 von 42 Lehrern waren dafür. In der Schulkonferenz am 3. April 2006, in der am Ende die Schulleiterin, Lehrer-, Eltern- und Schülervertreter abstimmten, gab es zwar zwei Enthaltungen, aber sieben Stimmen für Apollonia. Etwas diskutanter ging es dann erst am 28. Februar 2007 zu, als die Namensgebung im Stadtbezirksbeirat Leipzig-Süd auf der Tagesordnung stand und sich die Verteidiger des alten Namens Herderschule zu Wort meldeten.

Eine späte Wortmeldung, die die Bedeutung des Dichters für die Ausbildung des Humanismus in Deutschland betonte. Mit einem gewissen Recht. Was Herder fehlt, ist freilich der direkte Bezug zu Leipzig, wie es bei Apollonia von Wiedebach der Fall ist. Der Herder-Bezug ist trotzdem nicht ganz von der Hand zu weisen. Denn mit Johann Gottfried Herder verbindet sich nicht nur der Begriff "Weimarer Klassik". Herder steht auch für Toleranz und Völkerverständigung. Seine "Stimmen der Völker in Liedern" war die erste Edition, die die Vielfalt der Kulturen in ihrem Liedgut widerspiegelte. Er sah die Menschheit als eine Gesamtheit und Humanität als höchstes Gut.

Wer eine Schule nach Herder benennt, braucht eigentlich kein Programm mehr. Der muss das Werk des Mannes nur in schulisches Leben verwandeln. Mit Apollonia ist das schwerer. Das steht fest. Was Inhalte betrifft, ist die wohltätige Leipzigerin unverbindlicher. Es wird der Schule überlassen bleiben, wie sie damit umgeht. Ob der Stadtrat die Namenswahl so hinnimmt, ist offen. Die Fraktionen von SPD und PDS haben das Thema von der Tagesordnung nehmen lassen. Ihnen ist keineswegs nachvollziehbar, warum, nun ausgerechnet der Name Herder aus der Leipziger Schullandschaft verschwinden soll. Immerhin war er über 100 Jahre lang - zu recht - darin vertreten. Sollte es, wenn es denn um Inhalte geht, auch bleiben. Kommunen in Sachsen sind ja - leider - nicht für Inhalte und Profile schulischer Bildung verantwortlich. Wären sie es, sie würden über die Namensgebung für Schulen nicht zusammengewürfelte Schulkonfenzen allein abstimmen lassen.

Auch die Schulen selbst haben relativ enge Spielräume, aus den Zwängen sächsischer Lehrpläne auszubrechen, die das "klassische Erbe" zwar gern als faktenreichen Stoff vermittelt haben wollen, mit den gelebten Inhalten aber wenig im Sinn haben. Der Nürnberger Trichter dominiert, nicht der Weimarer Humanismus. Aber das ist halt nicht nur in Sachsen so. Deswegen entschied sich das Schulkollektiv der 54. Schule/Herderschule auf seine Weise demokratisch für den scheinbar unverwechselbareren Namen Apollonia-von-Wiedebach-Schule. Zumindest bleibt der Name Herders auch bei einer möglichen Bestätigung der Namenswahl in Connewitz dem Herder-Institut erhalten, das sich auf seine Weise der Völkerverständigung widmet.



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