Wovon Leipziger träumen: Carolin Okon will ihre "malerische Vergangenheit abstreifen"
Daniel Thalheim
28.12.2010
Carolin Okon: "Es wird noch einige Zeit dauern, bis ich meine malerische Vergangenheit abstreifen und meine eigene Wahrheit malen kann."
Foto: Daniel Thalheim
Vielen wird sie durch ihre Elvis-Bilder bekannt sein. Kürzlich war Carolin Okon wieder im Gespräch mit bedruckten Papierkörben, die die Stadtverwaltung als zu bunt und "überfrachtet" empfand. Dann heißt es einfach wie Fisher Art es tut, Freiräume einfach in Beschlag nehmen. Tatsachen schaffen, und das macht Carolin Okon 2011 auch.
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Woher kommst Du, wann bist Du geboren, was hat dich nach Leipzig gespült?
Geboren wurde ich 1973 in Merseburg, aber aufgewachsen bin ich in der thüringischen Kleinstadt Apolda. Leipzig hat einen ganz eigenen Sog. Damit meine ich nicht die schönen Häuser. Ich meine die wundervollen Menschen.
Bist Du Kunst-Junkie, ... seit wann bestimmt Kunst dein Leben?
Manchmal laufe ich der Kunst nach und dann wiederum versperre ich mich vor ihr. Je nach dem, ob ich Inspiration suche oder keinen Einfluss zulassen möchte. Noch dazu, wo wir doch all zu gern in Schubladen denken. "Das klingt doch wie“ ... "das sieht aus wie“. Während Freunde der Kunst - ganz gleich welches Genre - diese Schubladen zu Orientierung und Benennung brauchen, rennen die meisten Künstler davor weg. Getrieben in die Suche nach der Einzigartigkeit. Es ist ein Wettrennen und wer gewinnt, entscheidet nicht der Künstler.
Man würde beispielsweise nie zu einem Picasso sagen: "das sieht aus wie ein Braque“, wenn dann nur umgekehrt. "Der Kunst nachlaufen“, das kann man wörtlich nehmen. Denn leider nimmt mir persönlich unser Bildermuseum keinen Weg ab. Für meine Interessen muss ich nach Berlin, Chemnitz, Quedlinburg, Frankreich, Spanien usw. Dabei glaube ich nicht, bei einer Ausstellung von - Braque, Picasso, Feinniger, Miró, de Lempicka, Modigliani ... - der einzige Gast im Museum zu sein.
Erfindet sich künstlerisch gerade neu: Carolin Okon.
Foto: Daniel Thalheim
Wie war das damals für dich, als Du mit dem Malen begonnen hattest? - Hattest Du studiert, oder alles selbst beigebracht?
Alle Kinder zeichnen, singen und tanzen gerne. Ich glaube, das geht vielen nur verloren, weil die Erwachsenen-Welt die Zensur über die Schulzeit hinaus erfunden hat. Ich hatte Glück, meine Mutter hat mich unglaublich unterstützt. Sie hat mir Farben gekauft, sogar mein Teenager-Taschengeld aufgebessert, in dem sie mir die Bilder abkaufte und Aufträge besorgt. Kurzum, ich hatte eine Managerin. Ich bin ein Autodidakt.
Nur eines konnte ich mir nicht selbst beibringen: Dass Kunst nicht allein vom Können kommt. Es ist nicht nur eine Frage des handwerklichen Können, sondern des Gefühls. Früher glaubte ich, es ist wahre Kunst, ein Bild so fotorealistisch zu malen, wie möglich. Es hat lange gebraucht, bis ich diesen Irrtum erkannte. Und es wird noch einige Zeit dauern, bis ich meine malerische Vergangenheit abstreifen und meine eigene Wahrheit malen kann.
Wie ist es jetzt mit dem Malen?
Nun ich glaube, meinen "Strich“ gefunden zu haben. Konnte diesen aber leider noch nicht ausbauen. Auftraggeber erwarten keine Überraschungen. Und so pendle auch ich zwischen der eigenen „Arbeitsplatzerhaltung“ und der freien Entfaltung.
Und 2010? - Wie lief es für dich persönlich?
2010 begann großartig und endete mit viel Arbeit. Höhen und Tiefen bleiben nie aus und genau das macht es so spannend.
Als Kunstszene-Insider: Was schätzt Du an (Leipziger) Künstlern besonders - oder was nicht?
Ich schätze die Künstler, bei denen sich nicht alles nur ums Geld dreht. Und zum Glück gibt es davon viele. Kunst schaffen, der Kunst wegen. Und ich genieße es, dass wir uns gegenseitig unterstützen. Aus der Ferne betrachtet, müssten wir alle Konkurrenten sein. Doch wir vermitteln uns Ausstellungen, Kunden und tragen die Bilder des Anderen. Nun, ich glaube das ist keine Frage des Orts.Was wäre ein Künstler ganz alleine? Ohne Austausch?
Was hat sich in der Kunst in Leipzig geändert, seit dem Du begonnen hast hier zu malen?
Was sich in Leipzig verändert hat, weiß ich nicht. Die Kunst in Leipzig hat mich verändert.
Was verbindest Du persönlich mir der hiesigen Künstlerszene?
Welches Parkett? Es sind immer die Jahrzehnte danach, die das Jetzt interessanter aussehen lassen.
Kann Malerei Kraft geben bei persönlichen und gesundheitlichen Rückschlägen?
Dieses schwebende Nichts, das ist für mich das Schönste bei der Malerei ist. Es gibt keine Zeit, keine Kriege, Mörder, nörgelnde Kollegen oder gar einen strengen Chef. In meine eigene Welt einzutauchen, ist keine Flucht. So tanke ich Kraft, um keinen Wutanfall zu bekommen, wenn ich Nachrichten schaue.
Was wird 2011 kommen?
Ich bin noch immer auf der malerischen Suche nach realistischer Verfremdung in geborgener Schönheit.
Was ist dein persönlicher Traum als Künstler? - Schon alles erreicht, oder darf es mehr sein?
Es darf immer mehr sein, doch weniger stört mich nicht. Mein größter Traum ist es, noch mit 80 zu malen und in der Malerei noch immer Neues zu entdecken. Ein anderer Traum, scheint leider unerreichbar: Mehr Respekt vor den Hinterlassenschaften der Künstler! Ein Modigliani für Intimpflege-Werbung, Kunst auf Klopapier, Freddy im Baumarkt...
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