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Leipziger Kulturpolitik: Am Ende geht es um Geld

Daniel Thalheim
Foto: Daniel Thalheim
Vergangenen Mittwoch trafen sich einige Leute im Theaterhaus Schille. Zur letzten spätsommerlichen Milde zog es aber die Besucher ins Theatergebäude. Dort sahen sie zwar kein Theaterstück, aber eine interessante Diskussion zu Leipzigs Kulturpolitik, Kooperationsnetzwerken und wie unbeliebt Begriffe wie Hoch- und Subkultur sind. Die L-IZ hat sich mal dazu gesetzt. „Kultur? Stadt: Leipzig! – Kultur im Gespräch“ das etwas verhackstückte Motto.

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Wenn der grüne Kreisverband von Leipzig von "fünf Kulturköpfen" spricht, dann sind sie nur fünf von vielen in Leipzig. Doch die Akteure an diesem Abend des 5. Oktober sind illuster, auch wenn eine Dame nicht aus Leipzig stammt, sondern aus Ingolstadt. Agnes Krumwiede ist kulturpolitische Sprecherin der grünen Bundestagsfraktion und befand sich auf "Kulttour" in Leipzig, um sich zu informieren, wo es überall hakt und klemmt. Sicher hat sie schnell mitgekriegt, dass Leipzig eigentlich zwei Kulturbürgermeister hat. Einer, der in vielen Fördervereinen im Vorstand sitzt und ein anderer, der bei Stadtratssitzungen konzentriert den Sitzungsplan studiert und sonst nicht viel zu sagen hat.

Beide Herren - OB Burkhard Jung und Kulturdezernent Michael Faber - schwebten immer als Geister im Raum herum, auch wenn sie niemand namentlich erwähnte. Ihr gedankliches Vorhandensein zeigt wirklich, wo es klemmt. Der so genannten "Freien Szene" - auch wieder so ein Begriff, den niemand in der Runde mag - fehlt eigentlich ein kompetenter Ansprechpartner. Michael Faber möchte und muss es auch sein, scheint jedoch kein glückliches Händchen zu haben, wie es die neusten Querelen um das Naturkundemuseum zeigen. OB Jung hat sich unterdessen eher der "Großen Häuser" und ihren Interessenvertretungen gegenüber das Sächsische Kulturministerium angenommen.

Aber nun zu den anderen, real existierenden Personen an dem Abend, wo frei von Finanzfragen über Leipzigs Kultur diskutiert wurde. Da war beispielsweise eine erfrischend scharfzüngige Nadine Weise, Kulturwissenschaftlerin und Mitbegründerin der IG West. Neben ihr saß Agnes Krumwiede, Schaubühne Lindenfels-Geschäftsführer René Reinhard und Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Michael Faber war eingeladen, ist aber kurzfristig krank geworden.

Um Geld darf sich Kultur nicht drehen - aber Politik dreht es anders herum.
Um Geld darf sich Kultur nicht drehen - aber Politik dreht es anders herum.
Foto: Daniel Thalheim

Die Redebeiträge flossen auch ohne den Kulturdezernenten in die illustre Gästeschar aus Mike Demmig vom Musikpavillon, mehreren VILLA-Mitarbeiterinnen, Bundestagsabgeordnete Monika Lazar, Prinzensänger Sebastian Krumbiegel, Veranstalter Robert Linke, naTo-Geschäftsführer Falk Elstermann, Leipzig+Kultur-Sprecher Michael Berninger, TdjW-Dramaturg Matthias Schiffner und vielen mehr. Sie alle lauschten konzentriert, wie Moderator Torben Ibs eingangs fragte, was Kultur eigentlich ist und was die Stadt mit Kultur erreichen will - natürlich abseits der Events und Volksbelustigungen wie das Lichtfest, Stadtfest und andere Publikumsmagneten. Die Debatte soll nicht vom Geld abhängig gemacht werden - Kultur ebenso nicht.

So war für Nadine Weise der Kulturbegriff weit fassbar, fallen auch Sport, Spiel, Essen und TV glotzen darunter. Doch es ging um etwas anderes - die Künstler und Kulturschaffenden, die mit Theater, Musik und Kunst auffällig sind. "Kultur ist alles", so Krumwiede auf die Frage nach dem Kulturbegriff, den man auf die künstlerischen Aktivitäten beschränken sollte in der Debatte. Sie betonte, dass es ums Mitgestalten geht, Kultur einer politischen Steuerung durch Rahmenbedingungen bedarf und nicht einer Wertung durch die Politik. Aus ihrer Sicht sei es bedenklich, wenn Politik Einfluss auf Kunst und Kultur nimmt und sie zu regulieren versucht. Ihr Wort in den Länderregierungen Ohren, die immer noch eine strenge Unterscheidung von Hoch- und Szenekultur unternehmen.

Ein Begriff, bei dem sich Andreas Schulz sichtbar windet. Doch zunächst bekräftigte Reinhard, dass man kein Problem mit der Kultur haben sollte. Sicherlich meinte er damit, dass eben jene elitären Unterscheidungen getroffen werden, die eigentlich sich nur in hoch- und niedrigsubventionierte Häuser und Projekte unterscheiden. Wichtiger sind Oper, Schauspiel und Gewandhaus dadurch längst noch nicht. Schulz sah Kultur im Spannungsfeld Musik, Kunst und Theater.

Reinhard fragte provozierend in die Runde, ob nicht heute wieder einmal eine Luxusdebatte angestoßen wird. Das zeigt doch, wie gut es den Kulturmachern eigentlich geht. Existenzielle Fragen bleiben zurück. Vielmehr sah Reinhard an diesem Abend in den Werten der Politik- und Demokratie einen großen Imageschaden, eigentlich einen Totalverlust wenn man zu den jüngsten Ereignissen nach Dresden (Datenskandal) und Berlin (Koalitionsverhandlungen für die Berliner Landesregierung sowie Bundesentscheidungen) schaut. Reinhard holte zum Rundumschlag aus und kritisierte dann doch noch die gerufenen Geister Jung und Faber und ihre Querelen. Der Begriff "Freie Szene" ist ohnehin Schnee von gestern. So. Vorschläge? Krumwiede konterte wenig später dann Reinhard mit der unbeantworteten Frage nach Vorschlägen aus dem Munde Reinhards. So richtig kommen keine, auch wenn er kopfnickend neben Andreas Schulz saß als dieser ausführte, dass das Gewandhaus in der Stadt sich mit den anderen Häusern wie der Schaubühne Lindenfels gerne verknüpft und diese Vernetzungsarbeit gerne fortsetzen möchte.

Viele Ideen und Anknüpfungspunkte - Kulturschaffende sollte sich vernetzen und miteinander reden.
Viele Ideen und Anknüpfungspunkte - Kulturschaffende sollte sich vernetzen und miteinander reden.
Foto: Daniel Thalheim

Schulz widersprach freundlich auch Reinhards These, dass Kultur Luxus sei als Rechtfertigungsfloskel auf alles herumschlagen zu können, was einem nicht passt. Wie Reinhard fand er die Priorisierung der Kultur in Hoch- und Subkultur in der Verwaltung, in den Köpfen der Stadträte und Politiker als "Quatsch". Vielmehr müsse es um das kulturelle Außenbild der Stadt gehen, das leider immer noch zu einseitig geprägt ist. Immerhin ist der Zoo mit im Kulturetat und das schielende Opossum Heidi hat der Stadt massig Aufmerksamkeit beschert. Der Bock hat seine Schuldigkeit getan und schwebt nun im Gondwanahimmel kultureller Geist Leipzigs umher.

Für Bundestagsabgeordnete Krumwiede war im angeregten Podiumsgespräch Kultur auch wichtiger Teil der Bildung. Und gerade was kulturelle Bildung angeht, hapert es zumeist. Aber man könne nicht jeden zu einem Musiker und Künstler ausbilden, dann wollen ja alle Fördergelder, die es nicht gibt, widersprach ihr Reinhard. Es ginge ja auch eher um die Vermittlung von immateriellen werten - also geistigen - so die Grüne. Das muss nicht zwangsläufig jeden Menschen zu einem Philosophen machen, aber dafür vielleicht sensibler, weit- und umsichtiger.

Am Beispiel Asien erläuterte Krumwiede, dass Kultur und Kunst Bildungsbeschleuniger sind und nicht immer ökonomisch erklärt werden muss. Aber Kunst und Kultur löst Prozesse aus, die auch wirtschaftlich wichtig sein können. Nadine Weise stimmte zum Teil zu, meint aber auch, dass Tourismus und Zuwanderung durch ein entsprechendes "Kulturklima" nicht zu verachtende Wirtschaftsfaktoren seien.

Andreas Schulz stellte nochmals fest, dass die reine Ökonomie der falsche Blickwinkel für Kultur ist. Erwartbar kritisierte er stattdessen den täglichen Kampf mit Politikern, die Kultur von Finanzen nicht loslösen können und daran auch noch den Wert festmachen. Viel lieber fragt der Gewandhausdirektor Stadtverwaltung, Stadträte und Landespolitik, wie Kooperationen zwischen den Häusern beschleunigt werden können, denn das und die Diskussionen aller Kulturschaffenden miteinander und nicht gegeneinander wären nachhaltiger als eine Neiddebatte um wie viel Geld der eine oder andere in dieser Stadt bekommt. Schulz geht es um Qualität. Lachender Dritter einer zerstrittenen Kulturszene ist immer die Politik. Selbst den Begriff "Subvention" lehnte Schulz als "rotes Tuch" ab, Geld könne nur die Grundlage der eigenen Arbeit sein und nicht die Rechtfertigung.

Kulturpodiumsdiskussion in der Schille: Krumwiede. Reinhard, Schulz (v.l.n.r.).
Kulturpodiumsdiskussion in der Schille: Krumwiede. Reinhard, Schulz (v.l.n.r.).
Foto: Daniel Thalheim

Auch Krumwiede empfand die Begriffsteilung der Kulturszene schrecklich, wie eigentlich jeder in der Runde. Crossoverprojekte sind spannend, schloss sie sich der Haltung von Schulz an. In diesem Zusammenhang merkte mit feiner Klinge Nadine Weise an, dass die Marketingabteilung des Gewandhauses in Bezug auf die Jugendformate "Audio Invasion" und "Entdeckerkonzerte" die Zielgruppe letzten Endes doch nicht erreichen würde. Altersdurchschnitt 60 Jahre, so Weise. Schulz korrigierte sie später geduldig "58". Da ist sicher so mancher Rocker darunter. Reinhard bezeichnete dann noch das Gewandhaus als "Tuchbude", wo früher auch Leuteeinfach so aus dem Nichts einen Raum für zeitgenössische Kultur schufen. Wenn es mal so etwas wie eine Tradition in der Szene gäbe, dann dürfte so mancher Klub in hundert Jahren eine vergleichbare Würde besitzen wie das Gewandhaus heute. Dennoch schloss er sich der Haltung Schulz' an, dass ein kooperatives Netzwerk der Kulturmacher notwendig sei und fragt berechtigterweise wo die Oper mit in diesem Spiel beheimatet sei. Natürlich auch das Leipziger Schauspiel.

Die Debatte um das Ausscheiden des Intendanten Sebastian Hartmann und alles was drumherum läuft, hat sich sowieso von selbst erledigt, betonte Krumwiede später. Was Leipzig dort braucht ist ein Netzwerkmacher, so die Bundestagsabgeordnete. Das hat Hartmann leider etwas verschlafen, trotz künstlerisch wertvoller Stücke.

Und dann kam natürlich doch das, was alle den ganzen Abend mehr oder minder versucht hatten zu umschiffen. Die Frage von Moderator Ibs nach dem lieben Geld. Bestimmt nicht Angebot und Nachfrage das Kulturangebot, fragte er in die Runde. Der Sturm der Entrüstung blieb aus. Stattdessen kritisierte Krumwiede die Handhabe der Bundesförderung Kultur durch den derzeitigen Kulturstaatsminister, der herum läuft und nach Gutdünken Fördergelder vergibt. "Eine gesamtstaatliche Bedeutung von Kulturprojekten ist nicht festgeschrieben", empört sich Krumwiede dann doch noch. Der Kulturstaatsminister legt wohlwollend fest, was förderfähig ist und was nicht. Das ist feudal, so ihre Kritik sinngemäß.

Nun kam das Expertengremium ins Spiel - aus Künstlern, die in Rotation Politiker beraten sollen, was Kultur eigentlich wirklich sei. Vielleicht kehre ja wieder eine demokratische Kultur zurück und artet nicht in Vetternwirtschaft aus, wie es - wenngleich auch unausgesprochen aber als vierter Homunculus nach Faber, Jung und Opossum Heidi über den Köpfen schwebend - heute so ist. Da kam der Begriff "Leitlinien der Kultur Leipzigs" gerade noch rechtzeitig in die Debatte und die Bewerbung Leipzigs als Kulturhauptstadt. Breites Grinsen und Krumwiede führte aus, wie viel so eine Bewerbung tatsächlich kostet. Vor allem die Stadt Leipzig. Und auch das wusste man an dem Abend hinter vorgehaltener Hand: das Leipziger Freiheitsdenkmal wird anscheinend doch nicht komplett vom Bund bezahlt - im kommenden Haushalt wird Leipzig mit mehreren hunderttausend Euro für die Verwirklichung des Einheitsdenkmals belastet. Also wohin geht in Leipzig eigentlich das Geld wirklich? Eine Frage, die im Raum stehen blieb.

Zum Außenbild der Stadt Leipzig in Sachen Kultur weiß zum Abschluss der Debatte noch Gewandhausdirektor Schulz, dass im Ausland die Mahler-Festtage großes Thema mit Nachhall sind, die Bachfesttage nicht so sehr. Auch nicht die Mendelssohntage. Aber mit Wagner steht 2013 ja das nächste musikalische Donnerwetter ins Haus.

In der anschließenden Fragerunde, wurden natürlich auch Stimmen laut, dass Leipzigs Soziokultur durch die Streichung der AGH-Stellen und andere Beschäftigungsmaßnahmen gefährdet ist. Das ist ein tatsächlicher Verlust, um den es sich tatsächlich mit Stadt und Land streiten ließe. Denn ohne dieses Engagement rutscht ein großer Teil der städtischen Kultur weg. Anscheinend ist für manche Politiker Theater, Musik und Kunst in soziokulturellen Zentren keine Kultur. Auch wieder so eine Wertung, die in so manchen Köpfen verankert scheint und sich landläufig "Vorurteil" nennt. Vorurteile hatten jedenfalls alle Diskussionsteilnehmer gegenüber Kultur in allen seinen Facetten nicht, dafür jedoch noch viel zu diskutieren. Auch noch lange, nachdem sich das Podium an diesem Tag leerte.


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