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Plädoyer für St. Pauli: Wolfgang Thierse unterstützt das Aktionsbündnis für die Universitätskirche

Ralf Julke
Wolfgang Thierse und Christian Wolff.
Wolfgang Thierse und Christian Wolff.
Foto: Ralf Julke
Das Aktionsbündnis “Neue Universitätskirche St. Pauli“ hat wortgewaltige Verstärkung bekommen. Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse hat am gestrigen Donnerstag nicht nur das Aktionsbündnis, sondern auch die Campus-Baustelle der Universität Leipzig besucht. Er war beeindruckt.

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„So etwas hätte ich nicht erwartet", sagt der Berliner Sozialdemokrat. der bekannt dafür ist, dass er Situationen beim Namen nennt und um den heißen Brei nicht herumredet. Er prägte 2001 den Satz "Der Osten steht auf der Kippe" und störte damit eine politisch zufriedene Gesellschaft auf. Wenig später legte er qua Amt nach: Als Bundestagspräsident verhängte er die Strafzahlung in der Spendenaffäre der CDU.

Nach Leipzig kam der Germanist und Kulturwissenschaftler eher, um sich vor Ort ein Bild zu machen über eine Debatte, die nicht nur auf die Leipziger Universität und auch nicht auf die Stadt Leipzig beschränkt ist. „Ich hab ja die Debatte um die Kirche von Berlin aus verfolgt. Auch aus Neugier, denn ich kann mich noch gut an die Sprengung der Paulinerkirche erinnern. Auch das war kein Ereignis, das allein auf Leipzig beschränkt war", sagte er auf einer Pressekonferenz nach einem einstündigen Rundgang über die Campusbaustelle. Dass er dabei auch den künftig als Aula vorgesehenen Raum bestaunte, lag auf der Hand. „Dieser Bau überwindet ideologische Grenzen, die in den Köpfen erstaunlicherweise immer noch da sind", sagt er. Und spricht seine Bewunderung für "den holländischen Architekten" und seine architektonische Lösung aus. Den Rektor der Uni Leipzig, Prof. Franz Häuser, hätte er gern getroffen, sagt er. „Einfach um seine Argumente zu verstehen", so Thierse. Und provokativ stellt er die Frage: „Wer braucht warum überhaupt eine Glaswand?" Und wenn es etwas abzutrennen gäbe, welche Gefahr befürchte man von dem, was da abgetrennt werde.

Die Paulinerkirche kennt er aus seiner eigenen Studienzeit. „Ich hatte einige Freude, die sich damals gegen die Sprengung engagiert haben", erinnert er sich. „Da hatte ich, weil ich mit ihnen befreundet war, auch ziemlich schnell Besuch von der Stasi."

Wer heute über die Nutzung der neuerbauten Kirche diskutiere, dürfe die Geschichte gar nicht ausklammern. Denn was da 1968 an der Universitätskirche St. Pauli exekutiert wurde, war ein "spektakulärer Akt im antikirchlichen Kampf des SED-Regimes." Im sozialistischen Stadtumbau hatten Kirchen keine Platz gehabt.

Der Neubau des Uni-Campus mit der hervorstechenden Form der Pauliner-Kirche.
Der Neubau des Uni-Campus mit der hervorstechenden Form der Pauliner-Kirche.
Foto: Ralf Julke

Das wird auch gern ausgeklammert in den heftigen Diskussionen um Benennung und Nutzung des Neubaus: Dass die Sprengung von St. Pauli auch Teil einer Stadtplanung war, die auch andere Teile der historischen Stadt opferte. Sogar quartiersweise. Dass sich die Universitätsleitung der 1960er Jahre sogar vehement darum bemüht hatte, die alte Universitätskirche vom Gelände zu tilgen, auch das gehört zur Geschichte.

Thierse fragt da schon einmal nach: „Wie gehen die Leipziger Universität und die Stadt Leipzig nun um mit der Erinnerung an ihre eigene Rolle bei dieser Sprengung?"

Die ja bekanntlich keine Stadtkirche traf, sondern die Kirche der Universität. Die über Jahrhunderte dreifach genutzt wurde: als Kirche, als Aula und als Musikort. Auch Bach dirigierte hier seine Thomaner. „Diese Verbindung aufzulösen", so Thierse, „ist tatsächlich ein radikaler Traditionsbruch." Den er schon gar nicht verstehe, weil die Universität mit dem viel diskutierten "Marx-Relief" und Tübkes Wandbild "Intelligenz und Arbeiterklasse" augenscheinlich keine Probleme gehabt hatte. Nun gar zu argumentieren, man müsse universitäre Lehre und Religion trennen, hält Thierse nicht für nachvollziehbar.

Nicht bei dieser architektonischen Lösung, bei der gleich neben der Kirche ein auditorium maximum mit 800 Plätzen entstünde. „Da frage ich mich doch, wo hier der wissenschaftliche Betrieb gestört wird."

Natürlich sei er dafür, dass der Raum, der sichtlich als Kirche gebaut wurde, auch wieder St. Pauli heiße und als Kirche fungiere. Welche Funktion die Trennung durch eine Glaswand erfülle, wo doch Chor und Langhaus der neuen Kirche optisch durch einen großartigen Lichtspalt getrennt seien, verstünde er beim besten Willen nicht. Er hätte es sich gern vom Rektor der Universität erklären lassen. Aber das hat diesmal nicht geklappt. Vielleicht ein andermal, so Thierse.

Wolfgang Thierse und Thomaspfarrer Christian Wolff.
Wolfgang Thierse und Thomaspfarrer Christian Wolff.
Foto: Ralf Julke

Am Montag tagt erneut die Schlichtungskommission unter Leitung von Generalbundesanwältin Prof. Monika Harms. Die ersten Gespräche wurden vom Aktionsbündnis positiv eingeschätzt. Auch inneruniversitär sei in der Diskussion einiges in Gang gekommen.

„Diese Diskussion ist unbedingt notwendig", sagt Thomaspfarrer Christian Wolff, der übrigens den Universitäts-Gottesdienst bislang als Gast in seiner, der Thomaskirche weiß. Denn der hat sich dort eingemietet, weil die Universität keine Kirche mehr hat. Da schmunzelte auch Thierse, als das Wort von der "unerbetenen Einmischung in universitäre Angelegenheiten" fiel. Man fühle sich sehr erinnert an die Breshnewsche Nichteinmischungs-Doktrin.

Was natürlich auch zur Vorgeschichte der Kirche gehört, an der 1968 ein republikweit diskutiertes Exempel statuiert wurde.

„Man hat sich eigentlich schon entschieden", sagt Wolfgang Thierse. "Das vernünftige Ergebnis ist durch die Architektur schon vorgeprägt. Es ist de facto ein Kirchenbau."

Das Ziel des Aktionsbündnisses, diesen Bau auch wieder St. Pauli zu nennen, den barocken Altar aus der Thomaskirche und die einstige Kanzel wieder aufzustellen, unterstützt er. Und dass der Umgang mit diesem Stück ganz spezieller Leipziger Geschichte zu kompliziert sei, sei nicht wirklich ein Grund, eine Barriere aus Glas zu bauen.

„Das sind die unordentlichen Verhältnisse, die die Geschichte erzeugt hat", sagt er. Es ist der eigentlich wichtige Satz in der Debatte, der daran erinnert, dass reine Lehren praktisch immer in Konfrontation, Bevormundung und systematischen Sprengungen enden.


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