Kassensturz: Hohe Durchschnittseinkommen haben nichts mit Wachstumsdynamik zu tun
Ralf Julke
25.08.2011
Das sind natürlich Zahlen, die zusammengehören, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so scheint. "1.638 Euro Unterschied zwischen den Landkreisen und Kreisfreien Städten beim durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen", meldete das Statistische Landesamt des Freistaates Sachsen am Dienstag, 23. August.
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Hier ging es zwar nur um zwei Jahre alte Zahlen (manche sind nicht eher belastbar), aber es ist ja das alte Bild, das man aus Sachsen kennt: Die Einkommen sind höchst ungleich verteilt.
"Das Verfügbare Einkommen je Einwohner in Sachsen betrug 2009 insgesamt 15.881 Euro, wobei die Kreisfreie Stadt Chemnitz mit 16.641 Euro pro Person bereits seit dem Jahr 2006 jeweils an der Spitze der sächsischen Kreise stand. Überdurchschnittlich hohe Pro-Kopf-Einkommen erzielten auch die Einwohner der Landkreise Leipzig und Meißen. Das niedrigste Pro-Kopf-Einkommen wurde mit 15.003 Euro im Landkreis Görlitz festgestellt. Ebenfalls deutlich unterhalb des sächsischen Durchschnitts lagen die Einkommen der Einwohner der Stadt Leipzig und des Erzgebirgskreises.
Die Entwicklung des Verfügbaren Einkommens pro Person verlief im Vergleich zu 2008 positiv, denn in allen sächsischen Kreisen konnte ein Zuwachs notiert werden", schreibt das Statistische Landesamt. Was zumindest insofern verblüffend ist, als dass 2009 die Folgen der Finanzkrise in Sachsen erst so richtig spürbar wurden, zahlreiche Unternehmen auf Kurzarbeit umstellten und die Arbeitslosenzahl stieg.
"Innerhalb des Freistaates verzeichneten der Erzgebirgskreis, der Landkreis Zwickau und die Stadt Chemnitz die größten Zuwächse des Pro-Kopf-Einkommens mit zwei und mehr Prozent", schreibt das Landesamt. "Im Gegensatz dazu stieg das Durchschnittseinkommen in den Städten Leipzig und Dresden nur um 0,3 bzw. 0,5 Prozent. Gemessen am Bundesdurchschnitt betrug das sächsische Pro-Kopf-Einkommen 83,7 Prozent."
Dabei wirkt die Stadt Leipzig mit einem Durchschnittseinkommen von 15.157 Euro geradezu arm im Vergleich selbst zu den beiden Landkreisen Leipzig (16.432) und Nordsachsen (15.658). Im Landkreis Leipzig lag das Durchschnittseinkommen sogar 3,5 Prozent überm Sachsen-Durchschnitt. Die Erklärung scheint simpel. "Ein Vergleich des Verfügbaren Einkommens je Einwohner, das für Konsum- oder Sparzwecke verwendet werden kann, mit dem am jeweiligen Arbeitsort erzielten Bruttoinlandsprodukt je Einwohner zeigt, dass der in den Kreisfreien Städten erzeugte materielle Wohlstand durch den Transfer von Einkommen der Pendler auch den Umlandkreisen zugute kommt", analysieren die Kamenzer Statistiker.
Wobei der Unterschied von Dresden (16.135) zu seinen direkten Nachbarkreisen Meißen (16.303) und Sächsische Schweiz-Osterzgebirge (16.094) kaum spürbar ist und in Chemnitz (16.641) der Vorteil sogar - im Vergleich mit Mittelsachsen (15.968) und Zwickau (16.050) deutlich zugunsten der Großstadt ausfällt. Was auch bedeutet, dass die Analyse des Statistischen Landesamtes in ihrer Eindimensionalität eigentlich nur für Leipzig zutrifft. Und das auch nur mit Einschränkung.
Denn während die Stadt Leipzig bei den verfügbaren Einkommen, also dem, was statistisch für jeden Einwohner abfällt, mit zu den Schlusslichtern im Freistaat gehört, gehört die Stadt beim Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (BIP) zu den drei Spitzenregionen - hinter Dresden und Chemnitz. Besonders deutlich sticht dieser Widerspruch ins Auge, wenn das verfügbare Einkommen direkt dem Bruttolohnniveau gegenüber gestellt wird: Ist Leipzig beim Einkommen gerade so vor dem Landkreis Görlitz der Gruppenvorletzte, ist das durchschnittliche Bruttolohnniveau in Leipzig das zweithöchste in Sachsen, nur übertroffen von Dresden.
Weil aber ein großer Teil der besserverdienenden Angestellten ihren Wohnsitz in den Süden Leipzigs, ins beliebte Neuseenland verlegt hat, liegt der Landkreis Leipzig beim Einkommen auf Rang 2 in Sachsen. Aber: Das ist der Zustand des Jahres 2009. Aber wie sieht die Zukunft aus?
Ein Teil der Zukunft wird in den neuesten Bevölkerungszahlen des Freistaates wieder sichtbar. Das Statistische Landesamt hat jetzt die endgültigen Zahlen für den April 2011 herausgegeben. Und während die Einkommensverteilung des Freistaats von all dem erzählt, was an Suburbanisierung in den 1990er Jahren geschah, wird die Zukunft eine weitere Stärkung der drei Großstädte sehen, auf jeden Fall der beiden Wachstumspole Dresden und Leipzig.
Oder - in der nun wieder gültigen Reihenfolge: Leipzig und Dresden.
Denn im März hatte Leipzig wieder ein paar Einwohner mehr als Dresden. Und im April ist der Abstand sogar etwas gewachsen. Leipzig hatte danach im April offiziell 524.329 Einwohner, 1.446 mehr als im Dezember. Dresden hatte 524.208 Einwohner, 1.150 mehr als im Dezember. Chemnitz kam auf 242.967 Einwohner, 281 weniger als im Dezember. Womit Chemnitz - wie sämtliche Landkreise - Einwohner verlor. Was dann den erstaunlichen Effekt mit sich bringt, dass ein Großteil der Regionen mit überdurchschnittlichem Durchschnittseinkommen kontinuierlich an Bevölkerung verliert, während Leipzig als "Armutshauptstadt" derzeit das kräftigste Wachstum hinlegt.
Das ist natürlich auch ein Zeichen dafür, dass jegliche Stabilisierungsprogramme für ländliche Infrastrukturen im Freistaat fehlen. Gleichzeitig zeigt es auch, wie wenig tragfähig die Suburbanisierungspolitik der 1990er Jahre mit all ihren Wohn-, Gewerbe- und Einkaufsparks war. Das, was tatsächlich erst eine nachhaltig sichere Lebensgestaltung ermöglicht, wurde tatsächlich ausgedünnt, weggespart oder "zentralisiert". Logischerweise packen da gerade junge Leute weiterhin ihre Koffer und Taschen und ziehen in Scharen um. Mittlerweile - zum Glück für Sachsen - nicht mehr so häufig nach Bayern und Baden-Württemberg. Dafür aber umso konsequenter in die beiden lebendigen Großstädte. Was in der nächsten Logik natürlich den Einkommensdurchschnitt gerade dort wieder senkt, denn wer in Ausbildung, Babyjahr und Jobsuche ist, verdient erst einmal weniger Geld.
Aber es kann spannend werden zu sehen, was sich daraus in den nächsten zehn Jahren entwickelt - wenn all diese Landflüchtlinge sich in Leipzig etabliert haben.
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