Zum 100. aufgelegt – Walter Markovs Autobiographie: Wie viele Leben lebt der Mensch
Ralf Julke
10.10.2009
Wie viele Leben lebt der Mensch.
Am 5. Oktober wäre er 100 Jahre alt geworden: Walter Markov. Ein großer Name aus einer Zeit, als auch linkes Denken sich in Leipzig noch europäisch definierte. Als Leute wie Bloch und Mayer in Leipzig lehrte, Markov war vom selben Kaliber. Zum 100-jährigen verlegte der Verlag Faber & Faber seine Autobiographie.
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Sie kam auch pünktlich. Nur das Lesen hat etwas gedauert. Denn natürlich hat Markov seine Erinnerungen nicht extra für Faber & Faber aufgeschrieben, auch nicht als geplantes Buch oder flotten Reißer für alle, denen eine tour de force durchs 20. Jahrhundert gerade recht kommt. Es ist eine "Autobiographie aus dem Nachlaß", wie der Verlag schreibt. Entstanden wohl kurz nach einer Jugoslawien-Reise 1982, einer Reise, die für den 73-jährigen eine Reise in die Kindheit war. Denn der erst spät berühmt gewordene ist noch geboren im Vielvölkerstaat Österreich, wuchs unter dem Kaiser auf und erlebte die Geburt der südosteuropäischen Staaten selbst mit. Wenn auch aus der erfrischend unfertigen Sicht des Kindes, das die Umbrüche als mehrfachen Schulwechsel erlebt, immer neue Orte und Nachbarn und Freunde - und immer neue Umgangssprachen. So wuchs Markov nicht nur vielsprachig auf und hat zeitlebens davon profitiert, das er im Deutschen genauso zu Hause war wie im Slowenischen, Serbokroatischen oder Italienischen. Er wurde fast zwangsläufig zum Weltbürger.
Na gut. Das ist ein Satz zum Nachdenken. Denn Viele, die wie Markov den Zerfall der k. u.k-Monarchie erlebten, wurden zu bornierten Nationalisten. Das Wort zwangsläufig stimmt also nur bedingt. Hat vielleicht eher mit Markovs früher Begeisterung für Geschichte und Weltliteratur zu tun, seinem erstaunlichen Sprachtalent – selbst mit Englisch, Französisch und Latein hat er sich intensiv abgegeben. Und mit seiner Neugier auf die Welt, die er schon früh per pedes und per Pedale umsetzte in Entdeckungswege.
Die ihn dann in der Zeit der Weimarer Republik nach Deutschland führen, wo er in Leipzig, Berlin, Hamburg, Köln und Bonn studiert. Und auf den letzten Drücker – 1934 – bei Fritz Kern in Bonn noch zum Thema "Serbien zwischen Österreich und Russland 1897 - 1908" promoviert. Und schon steckt man mittendrin in den Grundentscheidungen einer extremen Zeit. Wer gegen den aufkommenden Nazismus war, stand vor extremen Entscheidungen: Das Land verlassen und sich in Sicherheit bringen? England hätte ihm offen gestanden. – Oder da bleiben und sich engagieren? Markov wählte das Letztere und landete 1935 im Zuchthaus, in dem er zehn Jahre seines Lebens verbrachte, bis kurz vorm Anrücken der der Amerikaner den Siegburger Häftlingen die Selbstbefreiung gelang.
Walter Markov: Wie viele Leben lebt der Mensch.
Eine von vielen plastisch erzählten Lebensgeschichten, die Markov sehr detailreich erzählt und staunen macht, wieviele Namen und Schicksale ihm da noch im Gedächtnis waren. Manchen begegnete er später wieder, als er 1946 in Leipzig (nachdem ihm in Bonn ein Einstieg in den Lehrbetrieb verwehrt war) seine universitäre Karriere begann, die ihn 1949 die Leitung des 1909 von Karl Lamprecht gegründeten Instituts für Kultur- und Universalgeschichte eintrug.
Und die Freuden der ideologischen Hexenfeuer, die die neuen Machthaber im Osten auch ihren eigenen Leuten bereiteten. Ganz nach stalinistischem Vorbild, das auch über Stalins Tod in mancherlei Spielart gültig blieb. Markov hat das gleich zwei Mal erlebt – einmal 1951, als der "Titoismus" zum Schreckgespenst gemacht wurde, und dann noch einmal ab 1956 im Gefolge des Ungarn-Aufstandes.
Was ihn nicht gehindert hat, sein Steckenpferd Französische Revolution zu reiten und im Gefolge die Grundlagen für etwas zu legen, was sich geradezu anbot: eine vergleichende Revolutions-Forschung.
"Angesichts der wachsenden globalen Existenzprobleme interessierte ihn in den 1980er Jahren vor allem die Dialektik von Revolution und Transformation, der Stellenwert und das Gewicht religiöser Faktoren und der Entstehungsprozess von Nationen in der Dritten Welt. Er hielt es für unabdingbar, diese für Asien und Afrika besonders relevanten Fragestellungen 'aus ihrer mitgeschleppten eurozentristischen Verklammerung zu lösen und die Summe geschichtlicher Erfahrungen zu verifizieren.'", schreiben Wolfgang Küttler und Walter Schmidt 1993 in einer Würdigung für den Verstorbenen. Ein Forschungsschwerpunkt, der erstaunlich aktuell wirkt. Auch wenn mittlerweile ganz anders geartete Revolutionen über die Weltbühne gingen.
Und da ist man denn bei den Grenzen des Buches, das Markov wohl eher für seine Töchter, Söhne und Enkelkinder geschrieben hat – damit sie nachlesen können, welche Wurzeln ihre Familie hat, wie aus dem kleinen Mulec ein berühmter Historiker wurde, der seinem Lehrstuhl internationales Format gab, obwohl die Zeitumstände dafür überhaupt keine günstigen waren. Doch wo kein Pass zu bekommen war, da scheute auch der weltgewandte Gelehrte nicht vor Schmugglerpfaden und illegalen Paris-Reisen zurück.
Fast überliest man dabei, dass in Leipzig nicht nur Werner Krauss seinen Weg kreuzte, sondern dass er auch mit Ernst Bloch und Hans Mayer in engstem Kontakt stand. Sie werden aber kaum erwähnt in seinem Buch. So, wie Markov die ideologischen Grabenkämpfe der 1950er und 1960er Jahre auch eher ausspart. Vielleicht wohlweislich. Denn so recht hat er wohl seinen Genossen dann doch nicht getraut. Und vielleicht auch nicht erwartet, was nach der Niederschrift der Erinnerungen noch alles passieren würde. Denn gestorben ist er erst 1993 in Holzhausen. Die letzten zehn Jahre hat er zumindest in dieser Autobiographie nicht mehr ergänzt.
Was natürlich schade ist, so im Nachhinein betrachtet. Denn er gehört nun einmal zu den großen Gelehrten an der alma mater Lipsiensis, die die Umbrüche der 1950er Jahre hautnah erlebten. Wie sehr er das ausblendet, fällt auf, wenn man diesen Teil der Erinnerungen mit seinen ausführlichen und plastischen Schilderungen der Kindheits- und Jugendjahre vergleicht. Oder arbeitet der Kopf des Greises genau so? Verfügt über einen unerschöpflichen Fundes aus an Bildern und Geschichten aus jungen Jahren – halt auf Kosten der späteren Jahre?
Wer weiß. Wer weiß auch, was von Markov noch alles in den Archiven steckt. Allein die Bibliographie seiner veröffentlichten Arbeiten umfasst rund 800 Titel, darunter dickleibige und Maßstab setzende Werke rund um die Französische Revolution.
Vielleicht hat die Schwerpunktsetzung in so einer Autobiographie auch mit de Grundfrage zu tun, die Markov sich selber stellte: "Wie viele Leben lebt der Mensch?" Und wieviel hat der sich erinnernde Emeritus noch mit dem jungen Mann zu tun, der 1927 auf die "krumme Tour" erstmals nach Leipzig kam? – Eine Frage, auf die zumindest der Autobiograph auch nur eine offene Antwort findet. Typisch für eine Historiker, der aus eigener Faktenkenntnis weiß, wie verzwickt das ist mit der Geschichte. Und schon gar der eigenen.
Walter Markov "Wie viele Leben lebt der Mensch. Eine Autobiographie aus dem Nachlaß", Verlag Faber & Faber, Leipzig 2009, 19,90 Euro.
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