Höfe am Brühl in Leipzig: Ein offener Brief für mehr Kreativität
Daniel Thalheim
07.04.2010
Hinter der Blechverkleidung kommt die Fassade von 1908 zum Vorschein.
Foto: Ralf Julke
Die Diskussion um die kommende Brühl-Bebauung rauscht im Hintergrund weiter. In den österlichen Tagen forderte ein offener Brief von Kunsthistoriker Arnold Bartetzky sofortiges Umdenken ein. Gerichtet ist er an die Architekten der MFI und kann noch unterschrieben werden.
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Es geht um etwas mehr Kreativität im Umgang mit der freigelegten Brühlfassade. Die vollständige Rekonstruktion wird dabei nicht gefordert, sondern die repräsentative Aufwertung eines historischen Platzensembles angemahnt.
Die bisherigen Unterzeichner hoffen mit ihrer Aktion auf einen Verzicht des kompletten Abrisses der historischen Fassade des Leipziger Architekten Emil Franz Hänsel. Die "MFI Management für Immobilien AG" plant mit dem Bau der "Höfe am Brühl" eben jenen Abriss eines Großteils der geschwungenen Fassade, welche sich die Leipziger nun seit Tagen bei Licht besehen können.
Nur ein Abschnitt am Goerderlerring soll nach derzeitiger Planungslage für eine Nahbesichtigung erhalten bleiben.
Der 1965 in Zabrze (Polen) geborene Architekturhistoriker Bartetzky macht mit dem offenen Brief noch einmal auf die erhaltenswerte und repräsentative Fassade aufmerksam, die 1908 errichtet und bis in die Zwanziger Jahre mehrmals erweitert wurde.
"Der Rücklauf bei der Unterschriftenaktion ist enorm. Wir haben aus ganz Deutschland und aus dem Ausland Zuschriften erhalten. Unter den Unterzeichnern sind auch viele prominente Künstler, Architekten und Wissenschaftler. Wir plädieren mit unserem Offenen Brief nicht für eine komplette Rekonstruktion der alten, von dem Architekten Emil Franz Hänsel gestalteten Brühlfassade. Vielmehr ruft der Brief die MFI dazu auf, mit ihren Architekten nach einer kreativen Lösung zu suchen, die beide Schichten des Bauwerks - Sandsteinfassade und Aluminiumhülle - einschließt. Dabei sollten allerdings aus meiner Sicht wesentliche Teile der alten Fassade freigelegt sein. Denn sie fügt sich viel besser als die Blechhaut in das Ensemble des Richard-Wagner-Platzes ein. Mit der Sandsteinfassade könnte der Standort wieder als repräsentativer Stadteingang erlebbar werden."
Was 40 Jahre lang nicht zu sehen war: Die Leipziger bleiben stehen und staunen.
Foto: Ralf Julke
Den Grund für den Erhalt beschreibt Bartetzky folgendermaßen: "Das zum Vorschein gekommene Gebäude gehört zu einer deutschlandweit nur noch sehr kleinen Gruppe von Kaufhausbauten, die auf die Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg zurückgehen. Die einzigartige Verbindung großstädtischer Warenhausarchitektur mit der örtlichen Tradition der Messepaläste macht es zu einem herausragenden Baudenkmal des Leipziger Späthistorismus. Zudem bildet das Kaufhaus Brühl zusammen mit den Nachbarbauten im Umfeld des Richard-Wagner-Platzes ein Ensemble von besonderer stadträumlicher Qualität."
Bartetzky räumt ein, dass auch der historischen Wert der Blechfassade wichtig für die Geschichte des Platzes sei. Der Brief zielt deshalb auch nicht gegen die Neubebauung des Brühl-Areals. "Ich persönlich bin kein Gegner des gesamten Projekts "Höfe am Brühl". Als Architekturjournalist habe ich es sogar wiederholt - wenn auch maßvoll - gelobt. Die MFI ist im Laufe der Projektentwicklung immer wieder der Stadt entgegengekommen, zum Beispiel durch die Ausschreibung eines Architekturwettbewerbs, später in Fragen der Nutzungskonzeption, der Fassadengestaltung usw. Zudem stimmt mich das Renommee der für den Entwurf verantwortlichen Architekten Grüntuch Ernst aus Berlin zuversichtlich."
Blick zur Hainstraße: Ohne Blech eine andere Platzsituation.
Foto: Ralf Julke
Einer hohen Wertschätzung erfreut sich dabei auch in Teilen der Leipziger Bevölkerung die in den 1960er Jahren angebrachte Aluminiumhülle, die dem Bau den Volksmundnamen „Blechbüchse“ einbrachte. "Die bisherigen Planungen sehen bekanntlich vor, diese bemerkenswerte Schöpfung der DDR-Moderne als Fassade des Neubaus wiederzuverwenden. Von der ursprünglichen Sandsteinfassade des Kaufhauses Brühl soll dagegen nur ein kleines Fragment von 15 Metern Länge erhalten werden und wieder unter der Aluminiumhülle verschwinden." Das ist für Bartetzky zu wenig, um einen architektonischen Diskurs mit der Geschichte des Richard-Wagner-Platzes zu führen.
"Wir wollen die Qualität der in ihrer Grundstruktur erhaltenen Fassade des Kaufhauses Brühl nicht gegen den Erinnerungswert der „Blechbüchse“ ausspielen. Vielmehr setzen wir auf eine kreative Lösung, die wesentliche Teile beider Schichten des Bauwerks einbezieht und zur Anschauung bringt. Uns ist bewusst, dass dies eine große architektonische Herausforderung bedeutet. Es wäre aber zugleich eine Chance, unter Beweis zu stellen, dass ein innerstädtisches Großeinkaufszentrum denkmalverträglich und mit höchstem architektonischem Anspruch entwickelt werden kann", so Bartetzky auf Anfrage im L-IZ-Interview.
Dem Kunsthistoriker ist bewusst, dass der Erhalt der alten Fassade nicht nur Umplanungen erfordert, sondern auch Mehrkosten verursacht. Diese machen laut Bartetzky aber nur einen Bruchteil der Gesamtkosten des Bauprojekts „Höfe am Brühl“ in Höhe von rund 200 Millionen Euro aus. "Die kreative Einbeziehung der alten Fassade in den Neubau bietet der "MFI AG" dagegen eine einmalige Gelegenheit, neue baukulturelle Maßstäbe zu setzen und damit positive Beachtung in ganz Deutschland zu finden", hofft Bartetzky im Brief und sagt:
"Es wäre allerdings mehr als ein Schönheitsfehler, wenn am Anfang der Bauarbeiten die Vernichtung eines trotz schwerster Schäden noch immer grandiosen Baudenkmals stünde, dessen Wert erst durch die Demontage der Aluminiumhülle offenbar wurde. Wir hoffen auf ein Umdenken seitens der MFI. Wir wissen, daß die Integration des Altbaus in den Neubau zusätzliches Geld kostet. Aber sie böte der MFI auch die Chance, unter Beweis zu stellen, dass sie es mit der Baukultur ernst meint."
Appell für den Erhalt des Kaufhauses Brühl in Leipzig –
Offener Brief an Herrn Matthias Böning, Vorstandsvorsitzender der mfi Management für Immobilien AG Essen
Sehr geehrter Herr Vorstandsvorsitzender,
wir – die unterzeichneten Bürgerinnen und Bürger Leipzigs sowie Kulturschaffenden und Architekturinteressierten aus ganz Deutschland – appellieren an die mfi Management für Immobilien AG, auf den im Zusammenhang mit dem Neubau des Einkaufszentrums „Höfe am Brühl“ geplanten Abriss der Fassade des ehemaligen Kaufhauses Brühl in Leipzig zu verzichten.
Das 1908 von dem namhaften Architekten Emil Franz Hänsel errichtete, bis in die 1920er Jahre mehrmals erweiterte Kaufhaus Brühl ist selbst in seinem durch Kriegsschäden und späteren Umbau schwer ramponierten, torsoartigen Zustand ein beeindruckendes Zeugnis der Baukultur der aufstrebenden Messemetropole des frühen 20. Jahrhunderts. Seine Erhaltungswürdigkeit wurde nach der kürzlich erfolgten Demontage der DDR-zeitlichen Aluminiumhülle offenkundig, die es über vier Jahrzehnte lang verborgen hatte.
Das zum Vorschein gekommene Gebäude gehört zu einer deutschlandweit nur noch sehr kleinen Gruppe von Kaufhausbauten, die auf die Zeit von vor dem Ersten Weltkrieg zurückgehen. Die einzigartige Verbindung großstädtischer Warenhausarchitektur mit der örtlichen Tradition der Messepaläste macht es zu einem herausragenden Baudenkmal des Leipziger Späthistorismus. Zudem bildet das Kaufhaus Brühl zusammen mit den Nachbarbauten im Umfeld des Richard-Wagner-Platzes ein Ensemble von besonderer stadträumlicher Qualität.
Einer hohen Wertschätzung erfreut sich in Teilen der Leipziger Bevölkerung aber auch die in den 1960er Jahren angebrachte Aluminiumhülle, die dem Bau den Volksmundnamen „Blechbüchse“ einbrachte. Die bisherigen Planungen sehen bekanntlich vor, diese bemerkenswerte Schöpfung der DDR-Moderne als Fassade des Neubaus wiederzuverwenden. Von der ursprünglichen Sandsteinfassade des Kaufhauses Brühl soll dagegen nur ein kleines Fragment von 15 Metern Länge erhalten werden und wieder unter der Aluminiumhülle verschwinden.
Wir wollen die Qualität der in ihrer Grundstruktur erhaltenen Fassade des Kaufhauses Brühl nicht gegen den Erinnerungswert der „Blechbüchse“ ausspielen. Vielmehr setzen wir auf eine kreative Lösung, die wesentliche Teile beider Schichten des Bauwerks einbezieht und zur Anschauung bringt. Uns ist bewusst, dass dies eine große architektonische Herausforderung bedeutet. Es wäre aber zugleich eine Chance, unter Beweis zu stellen, dass ein innerstädtisches Großeinkaufszentrum denkmalverträglich und mit höchstem architektonischem Anspruch entwickelt werden kann.
Ebenso ist uns bewusst, dass der Erhalt der alten Fassade nicht nur Umplanungen erfordert, sondern auch Mehrkosten verursacht. Diese machen aber nur einen Bruchteil der Gesamtkosten des Bauprojekts „Höfe am Brühl“ in Höhe von rund 200 Millionen Euro aus. Das Geld wäre gut angelegt. Denn der Abriss der alten Fassade käme einer Kulturschande gleich, die das gesamte Projekt überschatten würde. Ihre kreative Einbeziehung in den Neubau bietet der mfi AG dagegen eine einmalige Gelegenheit, neue baukulturelle Maßstäbe zu setzen und damit positive Beachtung in ganz Deutschland zu finden.
Am morgigen 8. April sind Vertreter des Stadtforums ab 16:00 Uhr auf dem Richard-Wagner-Platz vor dem Kaufhaus zu treffen. Dort kann man den Brief auch persönlich unterzeichnen und über die Pläne diskutieren.
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