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Superintendent Martin Henker zum Völkerschlachtdenkmal: Im Wissen um bestimmte Zusammenhänge schüttelt es mich

Gernot Borriss
Superintendent Martin Henker.
Superintendent Martin Henker.
Foto: Gernot Borriss
Im Oktober 2013 will Leipzig das Jubiläum von Völkerschlacht und Denkmal feiern. Über das Was und Wie solcher Festivitäten sprach L-IZ mit Leipzigs Superintendent Martin Henker. „Krieg kann man nicht spielen“, sagt der erste evangelische Würdenträger der Stadt. Auch die Inanspruchnahme des Denkmals durch die NPD wundert ihn nicht.

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Herr Superintendent, was bedeutet für Sie persönlich das Leipziger Völkerschlachtdenkmal?

Als Kind war es für mich gigantisch, einfach riesig. Wenn ich mit meinem Vater zur Leipziger Messe kam, beeindruckte es mich jedes Mal. Als Student habe ich das Denkmal dann bestiegen: Oben war es ganz schön, aber innen ist es schon eine spezielle Erfahrung gewesen.

Insofern ist es schon eine ambivalente Beziehung. Im Wissen um bestimmte historische Zusammenhänge schüttelt es mich.

Nun sind das Denkmal und die Völkerschlacht in Leipzig in öffentlichem Bewusstsein sehr präsent. Wie würden Sie das Doppeljubiläum im Jahr 2013, also 200 Jahre Schlacht und 100 Jahre Denkmal, begehen?

Ich finde es erst einmal OK, dass die, die die Sanierung des Denkmals mit einem begeisternden Engagement betreiben, das Jubiläum des Denkmals begehen. Das Engagement verdient Achtung.

Aber: Ein Gedenken an 200 Jahre Völkerschlacht kann keine platte Jubelfeier für die Errichtung des Riesenmonuments sein. Eine solche geschähe in Ignoranz dessen, was vor 200 Jahren bei der Schlacht passiert ist, und in Ignoranz des gesellschaftlichen Umfelds vor 100 Jahren.

Die Russen haben im Übrigen vor 100 Jahren zur Erinnerung und zum Gedenken eine Kirche gebaut. Dieses Jubiläum wird 2013 auch begangen. Die Deutschen hingegen haben ein Monument gebaut.

An Sie als Sachse frei nach Erich Loest die Frage: Warum der Rummel um eine Schlacht, die die Sachsen an der Seite Napoleons verloren haben?

Das ist ja kein Einzelfall, dass die Sachsen in der Geschichte auf der Seite derer gekämpft haben, die nicht zu den glorreichen Siegern gehörten. Wenn wir uns heute mit den damaligen Kriegen beschäftigen, geht es nicht mehr um Siege. Sondern es geht darum, dass es der vorletzte Versuch war, Europa durch Tyrannei und Diktatur zu vereinigen.

Der Versuch, und der danach unter Hitler, sind Gott sei Dank schief gegangen. Auch deshalb ist es wichtig zu erinnern, dass Europa mit solchen Mitteln nicht zur Einheit gezwungen werden darf und auch nicht kann.

Beginn der Sanierungsarbeiten am Völkerschlachtdenkmal 2004.
Beginn der Sanierungsarbeiten am Völkerschlachtdenkmal 2004.
Foto: Ralf Julke

Die Botschaft von Schlacht und Denkmal sind ambivalent. Herrschende verschiedener Epochen haben sich vor dem Denkmal inszeniert, zumeist in Abgrenzung gegen Frankreich, die bürgerlichen Freiheiten oder den Westen allgemein. Welche Botschaft kann von daher ein Doppeljubiläum 2013 eigentlich haben?

Eine Botschaft zum Jubiläum von Schlacht, Denkmal und Russisch-Orthodoxer Kirche muss lauten: In Europa und in der ganzen Welt müssen wir in einem Geist der Achtung und der Toleranz miteinander leben, dürfen Konflikte und Meinungsverschiedenheiten nicht mit Gewalt austragen.

Es ist eine Illusion zu glauben, dass mit dem Besiegen von Andersdenkenden eine dauerhaft tragfähige Lösung von Konflikten erreicht werden kann. Die Botschaften, die von Leipzig auch zu dem Jubiläum ausgehen müssen, lauten: „Keine Gewalt!“ und: „Nie wieder Krieg!“

Durch bestimmte historisierende Auswüchse, ich meine die Aktivitäten der Traditionsvereine, kommt es alljährlich dazu, dass das Grauen der Völkerschlacht vollkommen aus dem Blick gerät. Wenn man sich zeitgeschichtliche Zeugnisse zur Schlacht anschaut, fragt man sich, wie können Menschen am Ort eines solchen Leidens Krieg spielen. Das ist mir sehr, sehr, sehr, sehr fremd.

Die NPD will am 20. August 2011 erneut vor das Denkmal ziehen. Sachsens Regierung nennt das Völkerschlachtdenkmal einen „Ort von historisch herausragender Bedeutung, der an die Opfer eines Krieges erinnert“ und will dort das Demonstrationsrecht einschränken. Wie bewerten Sie dieses amtliche Eingeständnis, dass das Denkmal spätestens seit der Weimarer Republik von der extremen Rechten vereinnahmt wird?

Dass dieses Monument von Rechten gern in Anspruch genommen wird, sollte niemanden verwundern. Denn das steht mit der Intention des Völkerschlachtdenkmals in Verbindung. Da halte ich jede Verwunderung für naiv.

Ich freue mich, dass für den 20. August eine Menge Kreativität im Schwange ist, wodurch die Nazis zumindest keine Bilder vor dem Völkerschlachtdenkmal haben werden. Die Intention des Gesetzgebers, das Demonstrationsrecht an diesem Ort einzuschränken, teile ich insoweit.

Mancher schlägt einen geschichtlichen Bogen von den Befreiungskriegen und der Völkerschlacht zur Friedlichen Revolution 1989. Inwieweit können Sie dies nachvollziehen?

Superintendent Martin Henker.
Superintendent Martin Henker.
Foto: Gernot Borriss
Ich denke, man darf die historischen Bögen nicht überspannen. Es gibt da bestimmt geistesgeschichtliche Linien, die so verfolgt werden können. Was ich Ende der achtziger Jahre aber mitgekriegt habe, war nicht, dass an die Freiheitskriege angeknüpft wurde. Denn es gibt einen großen Unterschied: 1989 fing es an, dass Europa auf friedlichem Wege eins wurde.

Wenn man überhaupt eine historische Verbindung von 1989 aus ziehen will, dann kann man sie zur Revolution von 1848 ziehen. Auch 1848 ging es um den von Bürgern getragenen Willen zu Freiheit und Einheit.

Sie wünschen sich in Leipzig eine Diskussion über die Fragen: „Was wollen wir 2013 feiern?“ und: „Wie wollen wir 2013 feiern?“ Wer soll diese führen?

Diese Diskussion muss mit denen geführt werden, die im Blick auf das Datum 2013 und die Vorbereitungen an speziellen Punkten involviert sind. Das ist zum Beispiel der Förderverein Völkerschlachtdenkmal. Da hat es bereits offene und interessante Diskussionen gegeben. Das fand ich sehr gut.

Die Diskussion muss zudem mit den Traditionsvereinen geführt werden. Krieg kann man nicht spielen! "Ich akzeptiere nicht, dass das, was auf den ehemaligen Schlachtfeldern veranstaltet wird, mit dem Begriff "Theater" bezeichnet wird. Wenn es den Traditionsvereinen um "Theater" geht, sollen sie in ein Theater gehen. Auf den Schlachtfeldern aber wird Krieg gespielt – eine Absurdität!

Und die Stadtgesellschaft, wir alle müssen uns diese Fragen stellen. Ich hoffe, dass dies geschieht und bewusst mit dem Anstoß verbunden ist: Wir leben mit Unterschiedlichkeiten, diese ertragen wir. Wir setzen alle unsere Kraft ein, Konflikte, die es gibt, mit friedlichen Mitteln zu lösen. Meistens wohl mit einem Kompromiss.

Ich finde es gut, dass der Programmentwurf für das Gedenken ganz bewusst so beginnt: Wir können nur im Geist der Verständigung und Versöhnung das Jubiläum gestalten. Da bringen wir uns als Kirchen sehr gern ein. Auch wenn es für mich unmöglich ist, dass der Sonntag der Feierlichkeiten, der 20. Oktober 2013, den Traditionsvereinen zum Kriegspielen gehören soll.

Vielen Dank für das Gespräch.


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